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Panorama Geht der Papst ins Kino, Wim Wenders?
Nachrichten Panorama Geht der Papst ins Kino, Wim Wenders?
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20:11 08.06.2018
Neugieriger Individualist: Wim Wenders’ Seh(n)süchte lassen sich kaum stillen. Jetzt kommt sein Dokumentarfilm “Papst Franziskus - Ein Mann seines Wortes“ ins Kino. Quelle: Geisler-Fotopress
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Herr Wenders, wieso hat der Vatikan ausgerechnet Sie gefragt, ob Sie über Papst Franziskus einen Film drehen wollen?

Die Einladung habe ich Ende 2013 vom damaligen Leiter des Sekretariats für Kommunikation im Vatikan bekommen – von Dario Viganò, einem Mann, der Film studiert und unterrichtet hat. In seinen Anfängen hat er auch mal einen Filmclub in Rom geleitet, wo ich sogar mal zwei, drei Filme vorgestellt habe. Aber das ist eine kleine Ewigkeit her. Warum gerade ich? Ich hab mir gedacht, der Mann weiß, was er tut.

Geht der Papst denn ins Kino?

Meiner Kenntnis nach erinnert er sich an Filme des italienischen Neorealismus, aber danach hat er wohl keine Zeit mehr fürs Kino gehabt. Die Auswahl des Regisseurs hat er eben dem Fachmann im Vatikan überlassen – und der hat einen Regisseur mit einem Ehrendoktor der Theologie angesprochen (lacht).

Wie sind Sie zum Dr. h. c. gekommen?

Durch die katholische Fakultät der Universität Freiburg in der Schweiz. Da saß eine fröhliche Schar kinobegeisterter Mönche, die haben mich gefragt. Kennengelernt hatte ich sie bei den Dreharbeiten zu dem Film “Jenseits der Wolken“, den ich gemeinsam mit Michelangelo Antonioni gedreht habe.

War Ihnen von Anfang an klar, dass Sie den Film machen würden?

Nein, erst als deutlich wurde, dass der Vatikan keine Auftragsproduktion im Sinn hat, sondern einen unabhängig produzierten Film. Aber schon an dem Tag, als der neue Papst sich den Namen Franziskus gab, war ich beeindruckt. Kein anderer hatte das vor ihm gewagt. Mit dem Namen des Heiligen Franz von Assisi ist ein revolutionäres Programm verbunden. Er stritt vor 800 Jahren für die Armen, für ein neues Verhältnis zur Natur und zu unserem Planeten, und er forderte Offenheit gegenüber anderen Religionen. Für dieselben Ziele setzt sich Franziskus ein. Er macht die Klimakatastrophe zu einem seiner wichtigsten Themen und prangert die immer größere werdende soziale Ungerechtigkeit an. Er geht auf den Islam zu – und sein bester Freund ist ein Rabbi aus Buenos Aires.

Wie haben Sie sich gegen Einmischungen des Vatikans abgesichert?

Ich hatte Carte blanche bei allem, Idee, Konzept, Schnitt. Das machte die Sache aber nicht einfacher. Mir schwante langsam, welche Verantwortung auf meinen Schulter lag. Zwischendurch bekam ich richtig Muffensausen und hätte mir gewünscht, dass sich mal jemand einmischt oder mir Vorgaben macht ...

... und wie haben Sie Ihre Ängste dann überwunden?

Indem ich allmählich die Sprache des Films gefunden habe. Das sollte auf keinen Fall ein üppiger Film werden. Im Italienischen gibt es das “Cinema Povere“. Armes Kino – ganz im Sinn eines Papstes, der angetreten ist, die Kirche für die Armen zu öffnen. Ich wollte auch keinen Film darüber drehen, was der Papst gut und was er schlecht macht. Ich bin ja kein investigativer Journalist. Statt dessen habe ich einen Film inszeniert, in dem der Papst sich direkt an die Menschen wendet, Auge in Auge, nicht nur sprichwörtlich, sondern tatsächlich.

Eine Filmszene mit Regisseur Wim Wenders und Papst Franziskus. Quelle: Focus Features/AP

Aber der Vatikan hat sich gewiss das Recht ausbedungen, den Film abzunehmen.

Es gab von Anfang an keinerlei Auflagen oder Änderungswünsche, vom Rohschnitt bis zum Final Cut. So wie versprochen.

Wie liefen die Begegnungen ab?

An vier Nachmittagen habe ich mit dem Papst gedreht, jeweils gut zwei Stunden lang. Er hat all meine 55 Fragen ausführlich beantwortet, auch zu brenzligen Themen wie Pädophilie in der Kirche. Seine Antworten waren immer spontan, direkt, vorbehaltlos. Zu den Interviews kam er allein, ohne Bodyguards, auch ohne Handy. Er hat immer jeden im Filmteam einzeln begrüßt, auch jeden Beleuchter und Assistenten und dabei jedem gleich viel Zeit gewidmet.

Haben Sie während der Interviews auch mal vergessen, dass Sie dem Oberhaupt der römisch-katholischen Kirche gegenüber sitzen?

Das kann passieren, wenn man so lange und so intensiv miteinander spricht – und wenn der Mensch, der einem gegenübersitzt, so eine große Herzlichkeit ausstrahlt. Zumal ich ja noch Hunderte Stunden Material aus dem Bildarchiv des Vatikans gesichtet habe, dem Papst also monatelang zugehört und zugeschaut habe.

Wäre ein ähnlicher Film mit Papst Benedikt möglich gewesen?

Bestimmt nicht. Und das hätte mich auch nicht interessiert. Benedikt ist ein großer Theoretiker. Aber ihm fehlt diese Hingabe für den Menschen. Und gerade die fasziniert mich an Franziskus.

Hat der Papst mal gefragt: Wim, wie hältst Du es mit der Religion?

Ich habe keinen Hehl daraus gemacht, dass ich ein gläubiger Mensch bin.

Mussten Sie Vorbehalte gegenüber der Institution Kirche überwinden?

Ich hatte nicht die Institution vor mir, sondern einen Mann, der angetreten ist, die Kirche zu reformieren.

Papst Franziskus in einer Szene des Dokumentarfilms “Papst Franziskus - Ein Mann seines Wortes“. Der Film kommt am 14. Juni 2018 in die Kinos. Quelle: dpa

Aber Sie sind aus der katholischen Kirche aus- und viel später als Protestant wieder eingetreten.

Ich würde mich jetzt als ökumenischen Christen bezeichnen. Ich habe meinen Vater in den letzten Monaten seines Lebens begleitet, und das war für mich eine entscheidende Erfahrung: Er ging ohne jede Angst, ganz ruhig und hat mir im Sterben seinen Glauben vorgelebt. Das hat mich Gott wieder nahe gebracht. Der katholischen Kirche stehe ich trotzdem in vielem kritisch gegenüber. Das muss man auch, wenn sich eine Organisation für wichtiger hält als für die Sache, die sie vertritt.

Kann ein einzelner Papst die Kirche umkrempeln?

Bewirkt hat er jedenfalls schon enorm viel. Er verkörpert eine große Glaubwürdigkeit, vielleicht im Rest der Welt noch mehr als in der eigenen Kirche, wo er bei konservativen Kräften umstritten ist. Dieser Papst lebt, was er vertritt. Aber vielleicht braucht es tatsächlich mehr als einen Papst, um seine Ideen tief genug in dieser Institution zu verankern und diese an ihren Ausgangspunkt zu erinnern.

Im Film wirkt der Papst beneidenswert ausgeglichen: Haben Sie ihn auch mal anders erlebt?

Manchmal sieht man im Film schon, wie es in ihm rumort: Schwer erschüttert ist er, als er von der Begegnung mit den Flüchtlingen auf Lesbos zurückkehrt. Geradezu finster schaut er da vor sich hin – genauso wie bei einigen Begegnungen mit Politikern.

Verstehen Sie diesen Film als ein politisches Manifest?

Es kommt all das zur Sprache, wofür Franziskus steht. Ich wollte keinen Film machen, in dem irgendwelche Leute ihre Meinung zum Papst kundtun – ich habe mich ja auch selbst bewusst aus dem Bild genommen. Dieser Film ruft zu einer moralischen Revolution auf, nicht nur unter Christen, sondern unter allen Menschen guten Willens. Das ist in der Tat hochpolitisch, zumal viele unserer momentanen “World Leader“ keinerlei moralische Autorität darstellen.

Mit welchen Reaktionen der Zuschauer rechnen Sie?

Der Film kommt rund um den Globus in die Kinos. In den USA ist er schon im Mai gestartet, und da habe ich vielen Vorführungen beigewohnt und höchst emotionale Reaktionen erlebt, auch viele Menschen mit Tränen in den Augen. Bei anderen wie den Evangelikalen im Bible Belt ist der Papst nicht sonderlich beliebt. Da halten ihn einige für einen Kommunisten.

Netflix plant eine Serie über die Absetzung von Papst Benedikt, gespielt von Anthony Hopkins: Haben Sie sich schon als Regisseur mit besonderen Kenntnissen beworben?

Ich bin jetzt kein Spezialist in Sachen Vatikan geworden. Mir ging es nur um diesen Papst. Ich mag seinen Mut, seine Güte, seine gewaltige positive Energie. Ich habe ihn in dieser Arbeit an unserem Film wirklich lieben gelernt.

Harry Dean Stanton, Nastassia Kinski und Wim Wenders während der Dreharbeiten zu “Paris, Texas“ im Jahr 1984. Quelle: Courtesy Everett Collection

Zur Person: Wim Wenders

An ein Rentenalter für Regisseure glaubt Wim Wenders keinesfalls. Im Gegenteil: Der 72-Jährige wirkt umso neugieriger, je älter er wird. Wohl auch deswegen passieren ihm Dinge, die anderen nicht passieren. Ende 2013 flatterte ihm Post aus dem Vatikan ins Haus. Ob er nicht einen Film über Papst Franziskus drehen wolle? Natürlich wollte der neugierige Wim Wenders, der in ganz jungen Jahren sogar mal mit der Idee geliebäugelt hatte, Priester zu werden.

Viele Stunden lang interviewte der Regisseur das Kirchenoberhaupt zu brennenden Fragen – Umweltzerstörung, die wachsende Schere zwischen Reich und Arm, die Rolle von Mann und Frau. Das Ergebnis ist vom 14. Juni an im Kino zu sehen. Und damit nicht genug: Im August startet schon wieder ein Wenders-Film. Im Drama “Grenzenlos“ verlieben sich eine Meeresforscherin (Alicia Vikander) und ein britischer Spion (James McAvoy) ineinander – und dann verschlägt es sie an ganz unterschiedliche Ecken der Welt.

Seit bald fünf Jahrzehnten gehört Wenders zu jenen unbeirrbaren Individualisten, die den Reichtum des Kinos ausmachen. Er hat so ziemlich jede Ehrung erhalten, ob die Goldene Palme in Cannes (“Paris, Texas“), eine Ausstellung im Museum of Modern Art in New York oder den Ehrenbären der Berlinale vor drei Jahren. Nur der Oscar fehlt ihm noch. Zumindest war er für diesen Preis schon mehrfach nominiert – mit seinen Dokumentarfilmen “Buena Vista Social Club“, “Pina“ und “Das Salz der Erde“.

Begonnen hat Wim Wenders seine Laufbahn in München. Er gehörte zu den Absolventen des legendären ersten Jahrgangs der gerade neu gegründeten Filmhochschule. Opas Kino wollte diese Generation der Filmemacher aus seiner Verkrustung befreien.

Nicht mehr so viele Kämpen von damals sind noch mit der Kamera aktiv – Volker Schlöndorff, Werner Herzog, Alexander Kluge fallen einem sogleich ein. Jeder von ihnen ging seinen eigenen Weg und setzte sich mit seinen Ideen durch.

Seine filmische Sozialisation erlebte Wenders (so wie auch Schlöndorff) in der Cinémathèque française in Paris. Mehr als tausend Filme guckte er dort nach eigenen Angaben und entdeckte seine Lieblingsregisseure (darunter den Japaner Ozu Yasujiro). Anregungen holt sich Wenders immer wieder auch außerhalb der eigenen Kunst: In “Am Ende der Gewalt“ (1997) oder “The Million Dollar Hotel“ (2000) zitiert er Bilder von Edward Hopper. Ursprünglich wollte er Maler werden und musste sich nach eigenen Worten erst in der Rolle des Erzählers einüben.

Amerika war das Land seiner Seh(n)süchte – und zugleich das seiner größten Enttäuschungen. “Der Stand der Dinge“ (1982) geriet zur Abrechnung mit dem System Hollywood, in das er sich nicht einfügen mochte oder konnte. Geblieben aber ist Wenders’ Begeisterung für die amerikanische Weite. In “Paris, Texas“ (1984) stapfte der kürzlich gestorbene Harry Dean Stanton zu der Musik von Ry Cooder durch Felswüsten – als einer jener einsamen Roadmovie-Helden, die Wenders’ Filme bevölkern.

In Deutschland bildete “Der Himmel über Berlin“ (1987) eine Sternstunde in Wenders’ Filmografie, entstanden in Zusammenarbeit mit dem Freund Peter Handke. Bruno Ganz als Engel auf der Siegessäule: Viel poetischer geht es kaum. Kürzlich kam der Film noch einmal ins Kino.

Längst hat sich Wim Wenders daran gemacht, sein Gesamtwerk zu digitalisieren, dafür gründete er eine eigene Stiftung. Es sei ihm wichtig, die Filme von seiner Person unabhängig zu machen, sagt er. Wie erwachsene Kinder sollen sie hinaus in die Welt gehen. Glücklicherweise kommen immer noch neue Filmkinder hinzu.

Von Stefan Stosch

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