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Panorama Es war nicht alles rosarot: Darum verabschiedete sich Ilka Bessin von „Cindy aus Marzahn“
Nachrichten Panorama Es war nicht alles rosarot: Darum verabschiedete sich Ilka Bessin von „Cindy aus Marzahn“
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11:10 19.01.2019
Viel mehr als nur die rosa Ulknudel mit Berliner Plattenbauschnauze: Ilka Bessin gibt in ihrem Buch „Abgeschminkt“ schonungslose Einblicke in ein Leben, welches lange eher auf der Schattenseite geparkt war. Quelle: Henning Kaiser/dpa
Berlin

Niedlich? Hübsch? Brav? Fleißig? Nee, beim besten Willen, nichts davon trifft zu. Was sie bieten kann: dick, frech, bockig und eine einseitig abgeklebte Brille mitten im kugeligen Gesicht. Viel Zuneigung bekommt eine wie sie damit nicht: weder von den autoritären Eltern, die den Teppichklopfer immer wieder umfunktionieren, wenn sie überfordert sind, noch von anderen Kindern, die keine Gnade kennen und ihr Opfer schnell ausgemacht haben.

Essen tröstet, viel Essen tröstet noch mehr, und je breiter das Kreuz wird, umso größer wird auch die Klappe. Sehr früh beschließt das Mädchen, das kein „richtiges Mädchen“ ist, weil es ja nicht wie ein „richtiges Mädchen“ daherkommt, wenigstens den Zeitpunkt und die Art der Gags auf ihre Kosten so weit es geht selbst zu bestimmen.

Plüsch als Rüstung, Prollschnauze als Waffe

Wer Ilka Bessins Autobiografie „Abgeschminkt“ liest, versteht schnell, wie sie nach vielen Irrungen und Wirrungen mit Mitte 30 zur Cindy aus Marzahn wird. Das schrille, rosafarbene Prinzessinnen-Plüschkostüm als weithin sichtbare Rüstung, die laute Berliner Prollschnauze als weithin hörbare Waffe: Die Mittel der doppelten Abschreckung sind ein massiver Schutzmechanismus für den eigentlich sehr verletzlichen, anlehnungsbedürftigen, allzeit von Selbstzweifel und Minderwertigkeitsgefühlen gepiesackten Menschen dahinter.

Denn in Cindy steckt beim ersten Auftritt 2005 auf der Talentbühne vom „Quatsch Comedy Club“ mehr Ilka, als es viele wahrhaben wollen. Und weil ebendie Figur so viele schwierige menschliche Erfahrungen enthält, wird sie zum persönlichen Problem und 2016 nach der Tour zum vierten und letzten Programm „Ich kann ooch anders“ konsequenterweise wieder abgeschafft.

Realität wird zur Fiktion, Fiktion zur Realität: Beides kann bald nicht mehr auseinandergehalten werden, alles vermischt sich, Cindy ist Ilka, Ilka ist Cindy. Wird die eine beleidigt, ist die andere direkt getroffen.

„Ich war ein pinkfarbenes Riesenbaby“

Sehr anschaulich beschreibt Bessin, 1971 im brandenburgischen Luckenwalde geboren, diesen schmerzhaften Prozess des Ilka-Cindy-Identitätsdilemmas. Je größer der Erfolg, desto größer das Pro­blem, nur noch als „arbeitslose Unterschichtenschlampe“ wahrgenommen zu werden.

Die Rolle verselbstständigt sich total, als die unberechenbare Comedy-Queen Cindy zur ebenso unberechenbaren Drama-Queen Ilka wird: „Ich war ein pinkfarbenes Riesenbaby, das Gott spielte.“ Zum Höhepunkt der Karriere liegt einiges im Argen: Nach gefloppten Beziehungen und zerbrochenen Freundschaften hockt sie einsam und traurig auf ihrem Comedy-Thron, groß im Geschäft, aber beinahe verzweifelt an ihrem Wunsch, endlich „geliebt zu werden“.

Diese große Sehnsucht nach etwas Anerkennung und ein bisschen Liebe zieht sich wie ein roter Faden durch ein frappierend schonungsloses Buch, das tief hineinleuchtet in ein Leben, welches lange eher auf der Schattenseite geparkt ist.

„Ich kompensierte meine Unzulänglichkeiten mit Komik und Humor – und es funktionierte“

Ihre Biografie ist die eines Ost-Kindes, das nach der Wende im Westen erst einmal vor sich hin stolpert: Ausbildung als Köchin, Umschulung zur Hotelfachfrau, Jobs als Kellnerin, Animateurin, Telefonsexarbeiterin, Komparsenbetreuerin. Mit 30 wird sie arbeitslos, lebt in den Tag hinein, Hartz VI, keine Termine, keine Zwänge, tagelang in der kargen Wohnung mit sich allein, 200 Bewerbungen und doch keine Chance, Suizidgedanken.

Vier lange Jahre sucht sie nach Sinn und Aufgaben – und landet beim „Quatsch Comedy Club“, wo sie sich eigentlich als Kellnerin bewerben will, aber an den Talentescout gerät. Ihr Kurzauftritt als dicke Arbeitslose kommt bei den Zuschauern mehr als gut an. Ihr Erfolgsprinzip ist erprobt: „Ich kompensierte meine Unzulänglichkeiten mit Komik und Humor – und es funktionierte.“ Die Kunst des Scheiterns halt.

Danach geht’s steil bergauf: Auftritt bei „TV Total“, Deutscher Comedypreis, Co-Moderation von „Wetten dass ...?“ (als es mit der Sendung allerdings schon bergab geht), Porträt in der „New York Times“, Auftritt am Broadway. Doch Cindy ist bald nur noch stressiger Job von Ilka.

Weltweite Aufmerksamkeit: Ilka Bessin als Cindy aus Marzahn bei einem Auftritt im Caroline’s Comedy Club am New Yorker Broadway. Quelle: Keith Bedford/dpa

Als der Vater an Demenz erkrankt, werden beide, Mensch und Kunstfigur, nachdenklicher, reifer, kritischer. Bei einem TV-Talk Ende 2014 sitzt zwar noch Cindy aus Marzahn als Gast herum, es spricht aber schon sehr engagiert Ilka aus Luckenwalde.

Das Ende des Alter Egos ist schließlich gekommen, und das Kostüm landet in einem Karton. Nun liegt eine neue Zukunft als Comedian jenseits ihrer Cindy-Rolle vor ihr. „Abgeschminkt“ lautet das neue Motto der Unterhalterin – als Buchtitel wie auch als Comedy-Programm.

Auch in ihrem neuen Bühnenprogramm ist sie selbst Gegenstand ihrer Pointen, etwa wenn sie erzählt, warum auch sie am Strand einen Bikini trägt: „Dem Meer ist es doch egal, ob ich eine Bikinifigur habe.“ Noch immer macht sie sich über sich selbst lustig, bevor es andere tun.

Einsatz für benachteiligte Kinder

Nach vielen Umwegen und Sackgassen hat die 47-Jährige den richtigen Weg gefunden, wenn sie in ihrem Buch schreibt: „Heute bin ich in meinem Leben angekommen.“ Dazu gehört unter anderem, dass sie sich mit ihren Eltern – der Vater ist mittlerweile verstorben – über die strafenden Schläge auf den Hintern ausgesprochen hat.

Dazu gehört auch, dass sie sich für benachteiligte Kinder einsetzt und etwa die Schirmherrschaft für den Verein Straßenkinder e. V. übernommen hat. Zudem entwirft sie Mode und dreht für „Stern TV“ Sozialreportagen.

Das alles zeigt, dass sie nicht nur die bekannte Ulknudel ist, sondern dahinter ein ernster und mitfühlender Mensch steckt, der seine eigene Vergangenheit nicht vergessen hat. Im Leben angekommen zu sein, das ist am Ende die tröstliche Wendung einer extremen Lebensgeschichte.

Abgeschminkt von Ilka Bessin Quelle: Heyne

Ilka Bessin: „Abgeschminkt. Das Leben ist so schön – von einfach war nie die Rede“, Heyne , 288 Seiten, 15 Euro.

Von Oliver Seifert

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