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Panorama Toter Rentner: Polizei ermittelt Bankkunden
Nachrichten Panorama Toter Rentner: Polizei ermittelt Bankkunden
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15:04 31.10.2016
Etwa 20 Minuten dauerte es, bis der Notarzt gerufen wurde. Mehrere Menschen gingen vorher an dem Rentner vorbei, ohne ihm zu helfen. Quelle: Polizei Essen
Essen

Nach der unterlassenen Hilfeleistung für einen hilflosen alten Mann in einer Essener Bankfiliale hat die Polizei die Namen und Wohnorte der in Frage kommenden Bankkunden erhalten. Das Kreditinstitut habe eine Liste derjenigen erstellt, mit deren Karten im betreffenden Zeitraum Geldgeschäfte erledigt wurden, sagte Polizeisprecher Christoph Wickhorst am Montag.

Die Ermittler gehen davon aus, dass alle auf dem Video zu sehenden Personen mit ihren eigenen Karten am Geldautomaten waren. Die vier sollen jetzt vernommen werden. Den Angaben zufolge handelt es sich um vier erwachsene Frauen und Männer.

Erst der fünfte Bankkunde rief den Notarzt

Der 82 Jahre alte Rentner war am Feiertag 3. Oktober in Essen im Vorraum einer Bank zusammengebrochen. Eine Videoaufnahme zeigt, wie sich anschließend vier Kunden nicht um ihn kümmerten und auch keine Hilfe riefen. Erst der fünfte Kunde alarmierte 20 Minuten nach dem Zusammenbruch den Rettungsdienst.

Der Mann kam nicht wieder zu Bewusstsein und starb einige Tage später. Die Polizei ermittelt wegen unterlassener Hilfeleistung gegen die vier auf dem Video zu sehenden Menschen. Bei ihnen handele es sich um erwachsene Männer und Frauen. Darunter seien augenscheinlich junge Erwachsene Anfang 30 aber auch ein Kunde, der etwa 60 Jahre alt sei, sagte der Sprecher.

Bis Montagmorgen hatte sich nach seinen Angaben noch niemand von sich aus bei der Polizei gemeldet. Der Sprecher wollte nicht ausschließen, dass auch noch gegen weitere Menschen ermittelt wird. Nachdem der fünfte Kunde den Rettungsdienst verständigt hatte, hatten noch weitere Personen den Vorraum betreten und sich dem Überwachungsvideo zufolge ebenfalls nicht um den hilflosen Mann gekümmert.

Es ist allerdings unklar, ob sie in dem Moment bereits wussten, dass der Rettungsdienst schon verständigt war. Dann sei ihr Handeln straffrei, sagte der Sprecher.

Totaler Verlust von Empathie?

m Vorraum einer Bankfiliale zusammen – und mehrere Menschen gehen an ihm vorbei, ohne ihm zu helfen. Verrohung und Werteverfall – ist das die ganze Geschichte? Der Berliner Psychologe Peter Walschburger versucht sich an einer weitergehenden Erklärung. Wohlgemerkt: Auch er will das Verhalten der Kunden nicht rechtfertigen oder psychologisch bemänteln, er findet es schlimm. Was er sich aber nicht vorstellen kann, ist, dass da durch Zufall hintereinander vier Unmenschen hereingekommen sind. „Die besondere Situation hat schon auch eine wesentliche Rolle gespielt“, sagt er.

Walschburger versucht, sich in die Menschen hineinzuversetzen: „Es ist eine leere Schalterhalle, an einem Tag, wo die Bank geschlossen ist. Man will noch schnell Geld ziehen, hat es vielleicht eilig. Und dann wird man mit etwas Unangenehmem, Fremdem konfrontiert. Man hat schon öfter einen Obdachlosen so daliegen sehen. Für einen Moment denkt man: Soll ich jetzt den Notruf wählen? Vielleicht ist es aber doch nichts Ernsthaftes, dann blamiere ich mich. Müsste ich nicht auch versuchen, den zu reanimieren? Das traue ich mir aber gar nicht zu. Und dann entscheidet man sich – auch, weil man sich unbeobachtet fühlt – dafür, nichts zu tun. Und das ist natürlich genau falsch.“

Von der Evolution her sei der Mensch zwar als soziales, hilfsbereites Wesen angelegt – dies gelte aber in erster Linie in Bezug auf Menschen, die man gut kenne. „Unser heutiges Leben, vor allem in der Stadt, läuft aber unter völlig anderen Bedingungen ab. Da macht jeder sein Ding.“ Walschburgers Empfehlung: „Wir brauchen sozusagen eine Verdörflichung der Stadt. Nachbarschaftshilfe statt Großstadt-Anonymität.“

Von dpa/RND