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„Wir haben für einen Stiefel Bier gespielt“

Altkanzler Schröder über den SN-Sportbuzzer „Wir haben für einen Stiefel Bier gespielt“

Altkanzler Gerhard Schröder erinnert sich im SN-Interview an seine Zeit als Mittelstürmer und berichtet von seiner ungebrochenen Liebe zum Amateurfußball. Kein Wunder, dass er vom neuen SN-Sportbuzzer begeistert ist.

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Hoch die Pille: Altkanzler Schröder 2005 im Kreise von DFB-Präsident Theo Zwanziger (l.), FIFA-Präsident Joseph Blatter (2.v.l.) und Franz Beckenbauer (r).

Quelle: dpa / Archiv

Hannover. Wenn Altkanzler Gerhard Schröder über seine Zeit als Amateur-Fußballer spricht, schleicht sich immer noch ein lausbübisches Grinsen in seine Augen. Mittelstürmer war er in seiner Jugend gewesen. Beim TuS Talle von 1923, einem Dorfverein im Landkreis Lippe-Detmold. Ein verdammt guter Mittelstürmer sogar. Flink, wendig, einer, den sie ganz schnell nur noch „Acker“ riefen, weil er sich auch bis zur letzten Minute immer voll reinhängte. Und schon mit 18 Jahren in der ersten Mannschaft, die er mit seinen Toren schließlich bis in die Bezirksliga führte.

Was eigentlich folgerichtig war, ist der junge Schröder doch in einer Baracke aufgewachsen, die direkt an einem Fußballplatz lag und in der jeden Tag Geschirr und Möbel wackelten von den Bällen, die ihr Ziel verfehlten und gegen die Holzwände donnerten. Lange ist das her. Über 50 Jahre. Doch jetzt, da wir bei ihm in seinem Büro in Hannover sitzen und ihm im Internet den „Sportbuzzer“ zeigen, das neue große Fußballportal der SN, erinnert er sich noch ganz genau, wie damals über Amateurfußball und auch ihn geschrieben wurde, im Sportteil der „Freien Presse“ aus Bielefeld:

„Die hatten da einen jungen Berichterstatter, der am Wochenende von Spiel zu Spiel hetzte und der wohl so unter Zeitdruck stand, um seine Artikel rechtzeitig vor Druckbeginn abzuliefern, dass er sich so eine Art Satz-Baukasten gebastelt hatte, aus dem er sich beim Schreiben bediente. Und so konnte ich in schöner Regelmäßigkeit in der Zeitung über mich und unseren damaligen Rechtsaußen immer den gleichen Satz lesen: …und auf Vorlage von Marx, sandte Schröder eiskalt ein!“

Der Ex-Kanzler lacht.

„Ja wirklich. Einsenden hat der immer geschrieben. Er sandte den Ball eiskalt ein. Nicht einnetzen oder einschießen. Weiß auch nicht, wie der darauf kam. Ich habe diese Formulierung später nie wieder gelesen.“

Schröder beugt sich über den Laptop und schaut sich genau an, wie heute im Internet, beim „Sportbuzzer“, über Amateurfußball berichtet wird.

„Und die Vereinsreporter können da auch Fotos und Videos zu ihren Artikel reinstellen?“, fragt er. „Und mit ihrem Handy vom Spielfeldrand gleich jedes Tor melden?“

Ja, und Sekunden später, kann es jeder Fan im Netz lesen und seinen Kommentar dazu abgeben.

„Toll!“ sagt Schröder. „ Wenn ich daran denke, was für ein mühseliges Telefonieren das damals war, um überhaupt zu erfahren, wie die Konkurrenz gespielt hat. Da musste einer aus dem Verein einen aus dem anderen Verein kennen. Wenn er ihn denn überhaupt an die Strippe bekam. Und um unseren Tabellenstand zu wissen, mussten wir sowieso meist auf die Zeitung warten.“

Der Alt-Kanzler lehnt sich zurück und wird nachdenklich. „Ja“, sagt er.  „Auch im Fußball hat sich einiges verändert. Champions-League, Superstars, hunderte Millionen Menschen, die weltweit vor dem Fernseher sitzen, Vereine, die wie ein Millionen-Unternehmen geführt werden – das konnte sich damals überhaupt keiner vorstellen, welchen Stellenwert der Fußball einmal einnehmen würde. Aber eines ist geblieben und wird sich auch nie ändern.“

„Was?“, wollen wir natürlich wissen.

„Auch ein Messi, ein Özil, ein Lahm oder ein Lewandowski haben einmal klein angefangen. Beim Kicken auf der Straße, auf dem Bolzplatz – oder bei einem kleinen Dorfverein wie mein TuS Talle. Der Amateurfußball ist und bleibt die Seele des Fußballs. Und deshalb finde ich es schön und richtig, dass die Zeitungen der Madsack-Gruppe mit dem Sportbuzzer der Leidenschaft und Liebe der vielen vielen tausend Amateure zum Fußball und der oft ehrenamtlichen Arbeit in den Vereinen die Anerkennung geben, die dem Amateurfußball gebührt.“

Sie erwähnten gerade Robert Lewandowski, Herr Schröder. Schlägt Ihr Fußballherz immer noch für Borussia Dortmund?

„Natürlich. Schließlich spielen sie zurzeit den besten Fußball ihrer Vereinsgeschichte. “

Und, kommen Sie ab und zu dazu, auch einmal ein Spiel der Borussia live im Stadion zu sehen?

„Leider viel zu selten für ein Ehrenmitglied. Und leider habe ich zu Hause keine richtige Ausrede, mal schnell nach Dortmund zu verschwinden.“

Wie meinen Sie das?

Da ist es wieder, das lausbübische Grinsen in Schröders Augen.  „Nun“, sagt er, „unser Jüngster ist ja auch ein Fußballverrückter. Und wenn ich zu meiner Frau Doris sagen würde, hör mal, dein Mann und deine Kinder fahren jetzt mal Fußball gucken, würde sie vielleicht zu stimmen. Nur gibt es da ein Problem…“

Und welches?

„… unser Jüngster ist Schalke-Fan. Und seine Schwester drückt den Bayern die Daumen. Sicher auch, um mich zu ärgern.“

Gerhard Schröder blickt auf die Uhr. „Apropos Kinder“, sagt er. „Ich muss gleich los.“

Selbstverständlich, Herr Bundeskanzler. Nur eine letzte Frage noch: Haben Sie denn auch noch Kontakt zum TuS Talle?

Schröder lacht: „Ja. Vor kurzem hat mich jemand aus dem Vorstand angerufen und mich gefragt, ob man mich als Sponsor gewinnen könne. Sponsor für was genau?, habe ich zurück gefragt. Er hat dann ein bisschen herumgedruckst, bis er mit der Sprache herauskam. Sie bräuchten Geld für die Verpflichtung neuer Spieler. Da habe ich aber dann doch etwas schlucken müssen. Die spielen unterste Klasse. Aber auch da dreht es sich mittlerweile offensichtlich ums Geld.“

Und, sind Sie eingestiegen als Sponsor?

„Nein. Natürlich nicht. Ich habe ihm gesagt, dass wir damals für einen Stiefel Bier gespielt haben. Oder für ein Kotelett mit Kartoffelsalat. Wenn überhaupt. Und wenn ich für etwas zu alt bin, dann für Transfergeschäfte in der Kreisliga B.“

Von Udo Röbel

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24. Juli 2017 - Alev Doğan in Allgemein

Es gibt eine Wahrheit, vor der auch ich mich schon lange drücke. Eine, die auszusprechen weh tut: Um die Türkei steht es im Moment nicht gut. Ach was, um die Türkei steht es im Moment miserabel.

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