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Deutschland / Weltweit Merkel, Putin und die Psychokiste
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00:22 07.12.2014
Von Matthias Koch
Bundeskanzlerin Merkel und Russlands Präsident Putin kommen nur schlecht miteinander klar. Quelle: dpa

Ein blasser, leiser Typ war er, sagen jene, die ihn damals kannten. Völlig unauffällig. Mit Stasi-Leuten in Dresden traf sich der junge Russe manchmal zum Fußballspielen, duschte danach aber lieber zu Hause. Gästen in seiner kleinen Wohnung schenkte er großzügig Wodka ein, er selbst trank wenig. Merkwürdig an ihm war sein unbedingter Wille, alles und jeden ganz genau zu kontrollieren. Damit fiel Wladimir Wladimirowitsch Putin sogar in Geheimdienstkreisen auf.

Fünf Jahre lang arbeitete Putin als russischer Geheimagent in Dresden. Sein Schreibtisch und die abschließbaren Stahlschränke standen im ersten Stock einer grauen Gründerzeitvilla. Von hier aus ging er seit 1985 oft ebenso zahllosen wie sinnlosen Verdachtsfällen nach: Schon wenn ein unbekannter Spaziergänger sich zu lange in der Nähe der KGB-Villa aufhielt, löste dies, so wird erzählt, wochenlange Ermittlungen nach den Hintergründen aus. Im damaligen „Tal der Ahnungslosen“ in Dresden, wo nicht einmal die Stasi Zugang zum Westfernsehen hatte, drehten sich Geheimdiensttätigkeiten oft um sich selbst.

Am 5. Dezember 1989 jedoch spitzten sich die Ereignisse dramatisch zu. In Berlin war die Mauer schon vier Wochen zuvor gefallen, quer durch die DDR wurden Bürgerrechtler immer aufmüpfiger. Und nun dies: In Dresden zogen Demonstranten zur Stasi-Zentrale, dann zur benachbarten  KGB-Residenz und drohten mit Erstürmung des Gebäudes. Was tun? Der junge Agent Putin, ein kleines Rad im großen Getriebe der Sowjetunion, hoffte auf eine schnelle Anordnung aus Moskau, bekam aber keine – was ihn tief getroffen hat. Nie wieder, sagte er noch viele Jahre später, wolle er seine Heimat Russland so willenlos und führungslos erleben wie in jenen Stunden.

Putin schöpfte an diesem Tag die aus seiner Sicht nötige Härte und Entschlossenheit aus sich selbst – und befahl seinen Wachleuten, zu den Waffen zu greifen. Dann trat er ans Tor und ließ die Bürgerrechtler unmissverständlich wissen, dass er lieber sterben werde, als ihnen die Akten auszuhändigen. Einer der Bürgerrechtler berichtete später: „Ich hab mir fast in die Hosen geschissen vor Angst.“ Eiskalt soll der Oberstleutnant Putin gewirkt haben.
Der Auftritt genügte, um die Menge zu vertreiben. Er genügte auch, um in die Psyche der damaligen Aktivisten vom Neuen Forum und vom Bündnis ’90 ein negatives Bild von Putin einzubrennen. Aus dem sächsischen Grünen-Politiker Werner Schulz etwa, heute 64 Jahre alt, wird kein Putin-Freund mehr: „Ich habe in ihm immer diesen skrupellosen und kaltblütigen Geheimdienstoffizier gesehen.“

Als Putin im Jahr 2001, zu rot-grüner Regierungszeit, im Bundestag in Berlin eine weltpolitische Rede hielt, verließ Schulz so lange das Plenum. Angela Merkel, damals Oppositionschefin, blieb zwar sitzen, applaudierte aber wenig. Später legte ihr der damalige grüne Außenminister Joschka Fischer im Vorbeigehen die Hand auf den Arm und sagte, er könne derart sparsame Reaktionen bei früheren DDR-Bürgern verstehen: „Schon klar, das war jetzt nichts für Sie.“
Fischer hatte Merkels Stimmungslage erfasst. Die CDU-Vorsitzende erlaubte sich zwar nie die raubeinige Emotionalität eines Werner Schulz. Doch auch in ihren Augen blieb Putin stets begleitet vom Schatten des Geschehens im Wendejahr 1989. Für sie war klar: Hätten Leute wie der damalige KGB-Mann sich überall durchgesetzt, wäre die Berliner Mauer nie gefallen.

Grotesk fand Merkel die spätere Begeisterung deutscher Medien für Putin, etwa als er bei einem Besuch in Dresden vom Hotel Kempinski zu einem Bäcker schlenderte, sich Kaffee und ein Stück Nusskuchen bestellte und Journalisten auf Deutsch zurief: „Ich liebe diese Stadt.“ Das alles freute zwar auch den damaligen Ministerpräsidenten von Sachsen, Kurt Biedenkopf, einen Parteifreund Merkels.

Doch die CDU-Bundesvorsitzende goss intern Wasser in den Wein: „Habt ihr denn wenigstens auch mal die frühere Stätte seines Wirkens besucht?“, pflaumte sie Biedenkopf an. Doch der, an Wirtschaft und an Wandel interessiert, hatte das KGB-Thema schon gar nicht mehr auf dem Schirm. Wie der damalige Kanzler Gerhard Schröder sah Biedenkopf mit Blick auf Russland vor allem die ökonomischen Perspektiven.

Merkel ist da anders. Stets bewahrte sich die Pastorentochter ihren Sensus fürs Tieferliegende: für die teils verborgenen ewigen Eigenschaften bestimmter Typen, für ihre innere Haltung, ihre Seltsamkeiten, ihre Schwächen.
Leider tickt Putin genauso. Auch er will stets wissen, was unter der Oberfläche liegt. Und so wurde, als Merkel im Jahr 2005 Kanzlerin wurde, aus dem deutsch-russischen Verhältnis eine hoch komplizierte Psychokiste.

Von Anfang an gerieten Begegnungen zwischen Merkel und Putin immer wieder zu merkwürdigen Machtproben. Bei ihrer ersten Reise als Kanzlerin nach Moskau kam Merkel in der deutschen Botschaft mit Regimekritikern zusammen – Putin verstand diese Geste als Kampfansage. Kurz nach der Festnahme der Skandalband Pussy Riot in Russland sah sich Putin im Beisein Merkels plötzlich auf der Hannover Messe vor laufenden Kameras mit barbusigen Femen-­Aktivistinnen konfrontiert. War das Zufall – oder eine von deutscher Seite billigend in Kauf genommene Demütigung des Russen?

Als die Kanzlerin Putin in seiner Sommerresidenz besuchte, ließ der Russe seine schwarze Labradorhündin „Koni“ von der Leine. Merkel, das weiß man, fürchtet Hunde, seit sie in der Uckermark mal von einem Jagdhund angefallen wurde. „Koni“ beschnupperte erst die Kanzlerin und wandte sich dann den Fotografen zu. „Ich hoffe, der Hund frisst keine Journalisten“, scherzte Merkel und traf damit ihrerseits eine empfindliche Stelle bei Putin: In Russland waren Dutzende regimekritische Journalisten ermordet worden, zuletzt Anna Politkowskaja, eine scharfe Kritikerin Putins.

Eigentlich verstehen Merkel und Putin einander gut. Die Kanzlerin hat bessere, häufigere und ­intensivere Kontakte zum Präsidenten als andere westliche Regierungschefs. Hinzu kommt: Merkel kann Russisch, Putin kann Deutsch. Doch kurioserweise hat gerade die Fähigkeit zu einem sehr klaren Gedankenaustausch in jüngster Zeit dem deutsch-russischen Verhältnis eher geschadet als genützt.
Vorbei sind die Zeiten der seligen Saunafreundschaft zwischen Helmut Kohl und Boris Jelzin. Die beiden Oberen zelebrierten damals ein Gefühl persönlicher Nähe und Wärme – und beauftragten mit der Regelung leidiger Details ihre jeweiligen Mitarbeiter.

Merkel und Putin hingegen machen alles selbst. Und sie bleiben dabei extrem kühl. Sie müssen niemanden hinzurufen, um vollständig und präzise alle offenen Punkte abzugleichen. Zuletzt ist dies in Brisbane geschehen, Ende November dieses Jahres, am Rande des G-20-Gipfels in Australien. Vier Stunden lang hockten Merkel und Putin unter vier Augen zusammen, in der Hotelsuite des Russen. Doch das Ergebnis war, dass es kein Ergebnis gab.

Oder lag schon im jeweiligen Stillhalten ein Erfolg? Merkel soll Putin eine weitere Runde weitaus schärferer Wirtschaftsanktionen angedroht haben für den Fall, dass die von Russland unterstützten Truppen weitere Teile der Ost­ukraine einnehmen, etwa die Hafenstadt Mariupol. Der Westen werde dabei auch Nachteile für sich selbst in Kauf nehmen. Eskalationen sind seither immerhin unterblieben.

Auch und gerade in schwierigen Zeiten, so lehrte es Willy Brandt, muss man miteinander reden. Doch wenn Merkel und Putin zusammensitzen, geht es nicht um Kompromisse. Eher ist es so, als wollten zwei Schachspieler ihre intellektuellen Kräfte messen – mit dem Ziel, den anderen am Ende irgendwann, nach wie vielen Zügen auch immer, gedemütigt vom Platz zu schicken.

Merkel glaubt nichts mehr, was Putin ihr sagt. Putin wiederum hat keinerlei Respekt vor Merkel. Wie wenig sie ihm bedeutet, stellte er in diversen unnötigen Gesten schon frühzeitig klar, lange vor der Ukraine-Krise. Im Jahr 2012 sollte Putin im Kanzleramt mit militärischen Ehren empfangen werden – und ließ die Kanzlerin zwei Stunden warten. So etwas nervt Merkel mehr, als es öffentlich bekannt ist. Im Kanzleramt gilt, ohne dass dies jemand ausspricht, die beinahe höfische Regel, dass niemals die Kanzlerin auf irgendjemanden wartet. Doch es gefiel Putin, zuvor einen Besuch bei dem obskuren weißrussischen Diktator Alexander Lukaschenko in Minsk zeitlich etwas auszudehnen. Putin brachte Merkel dann auch noch Blumen mit, ein protokollarisches Unding als Geschenk für eine Regierungschefin.

In der soeben erschienenen Dezemberausgabe von „The New Yorker“ beschäftigt sich der Berlin-Reporter des US-Magazins noch einmal mit der Labradorszene zwischen Merkel und Putin. Merkel habe sich in kleinem Kreis mehr als abfällig über Putin geäußert: „Ich verstehe, warum er meint, dies tun zu müssen: Er will beweisen, dass er ein Mann ist.“

Schon oft, das wissen Insider im Kanzleramt, sah Merkel sich umgeben von einer Mischung aus Testosteron und Einfalt, im Inland ohnehin, aber auch bei den Sarkozys, Berlusconis und Erdogans dieser Welt. Keiner von denen aber wäre je wie Putin als Tigerjäger posierend vor die Kameras getreten, mit nacktem Oberkörper und großkalibriger Waffe. Und keiner griff auch bisher über seine Staatsgrenzen hinaus. Dass Putin „in seiner eigenen Welt“ lebe, wie es die Kanzlerin intern gesagt haben soll, war angesichts dessen, was sie wirklich über ihn denkt, noch höflich formuliert.

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