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Deutschland / Weltweit Abitur? Eine Frage des Standorts
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07:58 12.12.2014
Von Marina Kormbaki
Erstmals haben die Forscher den Schulort bei der Auswertungen ihrer Daten mitberücksichtigt. Quelle: dpa
Hannover

„Und, wo hast du Abi gemacht?“ Campus-Gespräche unter Erstsemestern beginnen oft mit dieser Frage, und wer darauf mit „Bayern“ oder „Sachsen“ antworten kann, durfte sich bisher der Anerkennung seiner Kommilitonen sicher sein – gelten doch die Abschlussprüfungen und Schulsysteme beider Länder als vorbildlich. Eine Annahme, die offenbar allzu pauschal und irreführend ist. Dafür jedenfalls spricht der „Chancenspiegel 2014“, eine Donnerstag von der Bertelsmann-Stiftung in Gütersloh vorgestellte Vergleichsstudie.

Demnach sagt das Bundesland allein nicht allzu viel aus über die Frage, wie gerecht und leistungsstark das jeweilige Schulsystem ist. Viel größeren Einfluss darauf nimmt der Schulstandort: Auf der kommunalen Ebene sind die Bildungschancen höchst ungleich verteilt. Zum Beispiel Bayern: Dort verlassen zwar landesweit nur 4,9 Prozent der Jugendlichen ohne Abschluss die Schule. Regional allerdings schwankt dieser Anteil zwischen 0,7 Prozent und 12,3 Prozent – mitunter bedingt durch das Schulangebot vor Ort. In Niedersachsen fallen die Unterschiede zwischen den Kreisen und kreisfreien Städten insgesamt moderat aus – wenn auch der Anteil der Schüler, die nach der Grundschule auf ein Gymnasium wechselten, je nach Region zwischen 27 und 53 Prozent variiert.

„Es hat mich überrascht, dass die Chancen von Region zu Region so unterschiedlich ausgeprägt sind“, sagt der Dortmunder Bildungsforscher Prof. Wilfried Bos, Ko-Autor der Bertelsmann-Studie. „Offenbar sehen viele Eltern in ländlichen Gemeinden davon ab, ihre Kinder in Ballungsgebieten zur Schule zu bringen, wo sie höhere Schulabschlüsse erwerben könnten. Anders lässt sich das Gefälle kaum erklären – Intelligenz ist ja nichts, was sich regional verteilt.“

„Intelligenz ist ja nichts, was sich regional verteilt“

Erstmals haben die Forscher den Schulort bei der Auswertungen ihrer Daten mitberücksichtigt – der Standort ist jedoch nur einer von mehreren Faktoren, die einen guten Schulabschluss bedingen. Ein anderer, deutlich wirksamerer ist die soziale Herkunft des Schülers: Arbeiter- oder Akademikerkind? Mit ausländischen Wurzeln oder ohne? „Die Koppelung zwischen sozialem Status und Bildungserfolg ist nach wie vor stark ausgeprägt – die soziale Herkunft bleibt der bestimmende Faktor“, sagt Prof. Bos. Zur Folge hat dies ein krasses Bildungsgefälle. Der Bildungsforscher und seine Kollegen fanden heraus, dass Neuntklässler aus höheren Sozialschichten in Mathematik bis zu zwei Jahre Vorsprung vor ihren Mitschülern aus bildungsferneren Familien haben. „Allerdings ist Misserfolg in der Schule kein Ausländerproblem, sondern ein Schichtenproblem – das jedoch viel mit Migration zu tun hat, denn sozioökonomisch unterprivilegiert sind vor allem Migranten“, sagt Prof. Bos.

Positiv vermerken die Autoren eine leichte Absenkung der Zahl der Schulabgänger ohne Hauptschulabschluss – auf sechs Prozent im Jahr 2012. Zudem loben sie die Zunahme der Abiturienten auf 54,9 Prozent. Beim Ausbau der Ganztagsschulen jedoch und bei der Inklusion von Schülern mit Förderbedarf an Regelschulen gibt es noch viel Aufholbedarf – wobei allerdings Niedersachsen in diesen Punkten Musterschüler ist. Die Wissenschaftler bescheinigen den Schulen des Landes eine „hohe Integrationskraft“: Die Anzahl der Schüler, die eine sonderpädagogische Förderung benötigen, ist mit fünf Prozent unterdurchschnittlich gering. Zudem werden sie seltener als andernorts vom Regelunterricht ausgeschlossen.

Bildung ist Ländersache

Schlecht schneidet das Land dagegen bei der Durchlässigkeit von einer Schulform in die andere ab. So verharrt die Zahl der Fünftklässler, die nach der Grundschule auf ein Gymnasium wechselten, seit 2009 bei 42 Prozent. Und nur 37,5 Prozent aller Hauptschulabgänger erhielten 2012 einen Platz im Dualen Ausbildungssystem – der Bundesdurchschnitt liegt bei 41,6 Prozent.

Zum Abbau der Gerechtigkeitsmängel im Schulsystem mahnen die Forscher neue Wege zu seiner Finanzierung an. „Bund, Länder und Kommunen sollten über eine neue Art der Schulfinanzierung nachdenken“, sagt Prof. Bos. Bildung ist Ländersache. Das in der Verfassung stehende „Kooperationsverbot“ untersagt es dem Bund, in Bildung zu investieren – mit Ausnahme von Hochschulen und Forschungseinrichtungen. Donnerstag hat das Bundesamt für Statistik seinen Bildungsfinanzbericht 2014 vorgelegt. Demzufolge fließt in diesem Jahr knapp jeder fünfte vom Bund ausgegebene Euro in den Bildungsbereich – aber eben nur in Hochschulen und Forschungsinstitute. Schulen bleiben außen vor. „Wenn das Kooperationsverbot nicht wäre, dann wäre einiges leichter“, sagt Bildungsforscher Bos.

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