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19:58 21.05.2017
„Ihr Vater wäre sehr sehr stolz auf Sie“: Donald Trump tanzt mit Mitgliedern des saudischen Königshauses in Riad einen traditionellen Schwertertanz. Quelle: SAUDI PRESS AGENCY
Riad

Der Saal scheint sich zu bewegen, mehrere Dutzend Männer recken singend ihre Schwerter hoch, der Rhythmus der Trommeln versetzt manche in eine Art Trance. Donald Trump ist von dem traditionellen Volkstanz so fasziniert, dass er sich bereitwillig in die langen Linien der Tänzer einreiht. Beim Schwertertanz scheint er völlig gelöst – in Riad, bei guten Freunden, als Präsident. Oder, wie er am Sonntag in seiner mit einiger Spannung erwarteten Grundsatzrede beim Gipfeltreffen von 50 islamischen Staaten selbst sagt, „in einem Land von beeindruckender Grandezza und Gastfreundschaft“.

Es sind Tage ganz nach dem Geschmack des Mannes, der sein eigens Zuhause und seine Hotelsäle gern mit Blattgold auskleidet. Dabei reist Trump gar nicht gern in fremde Länder. Doch nun fühlt er sich geschmeichelt, dass die Gastgeber sein Porträtbild in Übergröße auf Hochhäusern und unzähligen Werbetafeln erstrahlen lassen. Das Königshaus auf der arabischen Halbinsel rollt ihm einen roten Teppich aus, der weit über die übliche Ehrerbietung gegenüber Staatsoberhäuptern hinausgeht. Eine großflächige Uhr im Stadtzentrum von Riad hat Stunden und Sekunden bis zur Landung der Air Force One gezählt. Manche Untertanen überbieten ihren König noch in dem Bemühen, den Trumps einen netten Empfang zu bereiten, und machen Trumps Tochter Ivanka, die für ihren Ehemann Jared Kushner zum jüdischen Glauben konvertierte, dutzendweise Heiratsanträge per Twitter.

Tatsächlich ist das Wochenende in Riad weit mehr als die erste Auslandsstation des US-Präsidenten: Es markiert eine erneute Kurskorrektur in der amerikanischen Außenpolitik.

Donald Trump ist seit Jimmy Carter der erste US-Präsident, der in den ersten hundert Tagen seiner Amtszeit gar nicht im Ausland war. Deswegen wird seine erste Reise nun mit Spannung begleitet.

Trump setzt auf Annäherung

Barack Obama war auf Distanz zu Saudi-Arabien gegangen, weil ihm der Ausgleich und der Atom­deal mit dem rivalisierenden Iran als wichtigste Voraussetzung für eine Stabilisierung im Nahen Osten erschienen. Trump aber setzt wieder auf die frühere Achse zwischen Washington und Riad. Für den gesamten Nahen Osten dürften sich die Koordinaten nach diesem Treffen etwas verschieben. Und das nicht nur, weil Trump in einer bemerkenswert konzilianten Tonlage die Solidarität der muslimischen Welt im Kampf gegen den internationalen Terrorismus erbeten hat.

„Wir wollen eine Koalition der Nationen, die das gemeinsame Ziel haben, den Extremismus auszurotten und ihren Kindern eine hoffnungsvolle Zukunft zu bieten“, sagt Trump. Der Kampf gelte nicht Andersgläubigen, sondern „barbarischen Kriminellen, die Leben auslöschen wollen“. Nein, „dies ist kein Kampf zwischen Religionen oder Zivilisationen“, es ist der „Kampf von anständigen Menschen, die das Leben schützen wollen. Dies ist ein Kampf zwischen Gut und Böse.“

Versucht er mit dieser Werbung um Gemeinsamkeit anzuknüpfen an die große „Rede an die islamische Welt“, die sein Vorgänger Barack Obama vor sechs Jahren in der Universität von Kairo hielt? Obama erfüllte damals ein Wahlkampfversprechen, dass er nämlich nach dem 11. September, den Kriegen in Afghanistan und im Irak die Hand ausstrecken, vor allem den jungen Menschen in den arabischen Ländern Perspektiven anbieten wolle. Vielleicht hat Trump daran gedacht. Oder doch sein Redenschreiber. Das ist übrigens ausgerechnet der Mann, der – manche haben es mit Erstaunen registriert – gerade noch Einreisverbote für Muslime aus bestimmten Ländern formuliert hatte. Doch der Anspruch ist ein anderer.

„Werft sie raus“

„Werft sie raus, werft sie raus, aus euren Gotteshäusern, aus euren Gemeinschaften, aus euren heiligen Ländern.“ Es ist ein Aufruf an die muslimische Welt, Terrorismus selbst zu bekämpfen und nicht auf amerikanische Hilfe zu warten. „Verweigert euer Land den Fußsoldaten des Bösen“, fordert Trump. „Immer wenn Terroristen unschuldige Menschen im Namen Gottes ermorden, verletzten sie auch den Glauben.“

Trump betont in seiner ersten Rede im Ausland aber auch, dass 90 Prozent der Opfer des Terrors Muslime sind. Er bedauert den Verlust von Menschenleben und „Generationen zerstörter Träume“. Mehrfach betont der sonst so gerne auftrumpfende Präsident: Er sei weder in Riad, um irgendjemanden zu belehren, noch, um den Menschen „zu sagen, wie sie zu leben, was sie zu tun haben, wie sie sein sollen oder wie sie beten sollen“, sagt Trump.

Anders als zu Zeiten des Einreisestopps für Muslime und der anti-islamischen Rhetorik während des Wahlkampfes wirbt Trump also nun um die Führer der islamischen Welt als Partner im Kampf gegen den Terrorismus.

„Ihr Vater wäre sehr stolz auf Sie“

Zweierlei fällt auf: Ohne Maß und Mitte dient sich der Chef des Weißen Hauses seinen Gastgebern an. Donald Trump bezeichnet die Mitglieder des Königshauses, das noch in den Neunzigerjahren den Absolutismus als Staatsform festgeschrieben hat, als „großartige Führer“. Überschwänglich lobt der US-Präsident den immerhin 81-jährigen absolutistischen König mit den Worten „Ihr Vater wäre sehr stolz auf Sie“ – und geht zugleich mit dem Iran, der an diesem Wochenende den moderaten Reformer Hassan Ruhani zum zweiten Mal ins Präsidentenamt gewählt hat, hart ins Gericht. Die Führung in Teheran bilde Terroristen aus, verbreite Chaos und Gewalt. Sie würde offen die Vernichtung Israels fordern und Amerikanern den Tod wünschen. Solange der Iran kein Partner des Friedens sei und massiv in den Bürgerkrieg in Syrien eingreife, müsse er isoliert werden. Dass auch Saudi-Arabiens Motivation bei der Bekämpfung der Terrormiliz „Islamischer Staat“ in Syrien und im Jemen nicht über alle Zweifel erhaben ist, verschweigt Trump diskret.

In Washington aufmerksam beobachtet wird zudem die Wortwahl : Spricht Trump seit bald zwei Jahren in nahezu jeder Rede in Amerika vom „radikalen islamischen Terror“ oder vom „extremistischen Islamismus“, vermeidet er in Riad diese Formulierung. Der Chef des Weißen Hauses spricht nur noch von „Extremismus“. Eine Verbeugung vor der religiösen Vielfalt, der diese erste Auslandsreise ja gewidmet sein soll.

Schon im Wahlkampf hatte der 70-Jährige das ölreiche Königreich gönnerhaft mit guten Noten bedacht. „Saudi-Arabien, mit denen komme ich klar“, sagte der Immobilienmogul in Alabama. „Sie kaufen Apartments von mir, sie geben 40 oder 50 Millionen Dollar dafür aus. Soll ich sie deshalb nicht mögen? Ich mag sie sehr.“

USA und Saudis schließen milliardenschweren Waffendeal

Ganz ungeschminkt stehen denn auch in den ersten Stunden der Begegnung die eigentlichen Themen auf der Agenda: Ein Waffengeschäft mit einer Rekordsumme von etwa 100 Milliarden Euro wird unterzeichnet (Saudi-Arabien kauft, die USA liefern), dazu weitere 240 Milliarden Euro schwere Wirtschaftsabkommen, an denen große US-Firmen wie Dow Chemical, General Dynamics, Raytheon, General Electric und Exxon beteiligt sind.

Die 150 Black-Hawk-Kampfhubschrauber, die in den Dienst der saudischen Armee gestellt werden sollen, sind ein klares Signal: Gemeinsam bietet man Teheran die Stirn, schon bald soll mit ihrer Hilfe der jemenitische Bürgerkrieg im Sinne Riads entschieden sein.

Die Spannungen der vergangenen Jahre scheinen vergessen. Amerika, das früher so stark auf die Ölimporte aus Saudi-Arabien angewiesen war und sich heute quasi zum Rohstoffselbstversorger entwickelt hat, setzt wieder auf die alten Kontakte. Und Trump, der sich in Washington einem Sonderermittler wegen der Russland-Affäre ausgesetzt sieht und von seinen Parteifreunden im Kongress immer weniger Rückendeckung erfährt, spürt die enorme Machtfülle seines Amtes: Während der Präsident in der Innenpolitik von einem Streitthema ins nächste stolpert und wenig Geschick im parlamentarischen Alltag zeigt, erlebt er fern der Heimat, wie sehr er in den Lauf der Geschichte eingreifen kann, ohne sich mit dem Parlament herumschlagen zu müssen.

Trump preist Amerikanische Waffen an

Als „Commander in Chief“ kann sich Trump über die Bedenkenträger hinwegsetzen, die vor einer erneuten Konfrontation mit dem Iran warnen und die einseitige Parteinahme für einen gefährlichen Weg halten. Wichtiger erscheint ihm – und er erwähnt es in seiner Rede unverblümt – die Botschaft an seine Landsleute: Seht her, ich kurbele unsere Wirtschaft an. Ohne Ironie spricht der Präsident von der „wunderschönen Militärausrüstung, die niemand so baut wie die USA“. Und da mehrere Dutzend Staats- und Regierungschefs zum Gipfel nach Riad gekommen sind, preist Trump in der Art eines Haustürvertreters die Waffen auch ihnen gleich noch an.

Dass in Washingtoner Expertenkreisen der Verdacht besteht, dass gerade aus den Golfstaaten über dunkle Kanäle Geld zu den Extremisten im Irak und in Syrien fließt, findet dagegen keine Erwähnung. Leises Entsetzen wird da laut: Die USA und Saudi-Arabien haben gestern die Einrichtung eines gemeinsamen Zentrums für die Trockenlegung der Finanzierungsquellen für den Terror besiegelt. Standort: Riad. Auch ein Zentrum zur „Erziehung gegen Extremismus“ soll eingerichtet werden. Standort: Riad.

Es bleibt der Präsidententochter überlassen, vorsichtig auch kritischere Töne anzuschlagen. Auf einer Konferenz mit Frauenorganisationen spricht die 35-jährige Ivanka Trump von gesellschaftlichen Fortschritten, die es in jüngster Zeit im Königreich gegeben habe, hebt aber auch hervor: „Freiheit und Chancen müssen immer wieder neu erkämpft werden.“ Dass mit der fundamentalistischen Auslegung des islamischen Rechts im Königreich die Grenzen zum Extremismus fließend sind, thematisiert indes auch sie nicht.

Die Stunde der Geschäftemacher hat geschlagen.

Von Stefan Koch und Karim El-Gawhary

Eine mit Spannung erwartete Rede hielt US-Präsident Donald Trump am Sonntag vor Führern islamischer Staaten. Die Schuld am weltweiten Terrorismus habe zum großen Teil der Iran. Vor allem ändert Trumps einseitige Parteinahme das gesamte Koordinatensystem der Krisenregion, findet unser Politik-Experte Stefan Koch.

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