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Deutschland / Weltweit Erdogan – Ein Kämpfer der das Land spaltet
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08:01 23.06.2018
Für den türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan geht es bei der Präsidentschaftswahl ums Ganze. Quelle: dpa
Ankara

Seit über 15 Jahren regiert er die Türkei, länger als irgendjemand sonst seit dem Beginn der Mehrparteienära 1946 – Recep Tayyip Erdogan. Er hat das Land geprägt wie vor ihm nur der legendäre Republikgründer Mustafa Kemal Atatürk. Seine Gegner sagen, er herrsche selbstherrlich und autoritär wie ein Sultan. Seine Anhänger verehren ihn mit geradezu religiöser Inbrunst, sehen in ihm einen neuen Kalifen und Propheten. Demokrat oder Despot? Hoffnungsträger oder Totengräber der Türkei? Kein Politiker hat die Menschen so polarisiert, das Land so tief gespalten wie Erdogan.

Jetzt steht die Türkei an einem Wendepunkt. Die Wahlen am Sonntag sind die wohl wichtigste Abstimmung seit Gründung der Republik vor fast 95 Jahren. Erstmals wählen die Türken gleichzeitig ein neues Parlament und einen Staatspräsidenten. Die Wahlen besiegeln den Übergang von der parlamentarischen Demokratie zum neuen Präsidialsystem, das die Wähler vor gut einem Jahr mit knapper Mehrheit in einer Volksabstimmung billigten. Gewinnt Erdogan die Wahlen, wäre er mächtiger denn je.

Staatschef statt Fußballer

Damit würde eine bemerkenswerte politische Karriere ihren Höhepunkt erreichen. 1954 als Sohn einer Seemannsfamilie geboren, wuchs Erdogan im schäbigen Istanbuler Hafenviertel Kasimpasa auf. Sein Taschengeld verdiente er sich mit dem Straßenverkauf von Limonade und Sesamkringeln. Eine vielversprechende Karriere als Fußballer musste Erdogan auf Geheiß des strengen Vaters ausschlagen. Statt auf den Rasen schickte der ihn auf eine islamische Priesterschule. Später bekam Erdogan einen Job in der Istanbuler Stadtverwaltung und schloss sich der islamistischen Wohlfahrtspartei an, für die er 1994 zum Bürgermeister der Bosporusmetropole gewählt wurde. 2001 gründete Erdogan mit einigen Gesinnungsgenossen die AKP und gewann im Jahr darauf die Parlamentswahlen. Nach elf Jahren im Amt des Premierministers wählten ihn die Türken im Sommer 2014 zum Staatspräsidenten.

Popularität durch Wirtschaftsaufschwung

Seine Herkunft prägt Erdogan bis heute. Er ist ein Kämpfer. Das hat er gelernt in Kasimpasa, wo man sich mit Fäusten und Ellenbogen behauptet. Nach Rückschlägen steht er umso kampfeslustiger wieder auf. Bisher hat er alle Attacken überstanden. Die landesweiten Massenproteste vom Sommer 2013 konnten ihm genauso wenig anhaben wie die wenig später aufgekommene Korruptionsaffäre. Seit dem Putschversuch vom Juli 2016 hat Erdogan seine Macht weiter zementiert. Zehntausende seiner Gegner sitzen hinter Gittern.

Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan hält eine Rede an das Volk vor dem Präsidentenpalast in Ankara bei der Einweihung eines Denkmals im Gedenken an die Opfer des gescheiterten Putschversuchs am 15.07.2016. Quelle: dpa

Erdogans Popularität gründet sich vor allem auf die wirtschaftlichen Erfolge seiner ersten Regierungsjahre. Im ersten Jahrzehnt der Ära Erdogan verdreifachte sich das Pro-Kopf-Einkommen. Großprojekte im ganzen Land, wie der neue Istanbuler Flughafen, der Bosporus-Tunnel und die dritte Brücke über die Meerenge sollen dieses Wirtschaftswunder symbolisieren. Sie sind zugleich Sinnbilder der „Großen Türkei“, von der Erdogan in diesem Wahlkampf immer wieder spricht. Er sieht sein Land in einer globalen Rolle wie einst das Osmanenreich - die Türkei als Großmacht, Erdogan als ihr Führer und Kriegsherr, der es mit allen aufnimmt.

Komplexe Minderwertigkeitskomplexe

Die wüsten Schimpftiraden, mit denen Erdogan ausländische Politiker überzieht, die Nazi-Vorwürfe gegen Deutschland und Israel, wie auch die unversöhnliche Härte, mit der er gegen Kritiker im eigenen Land vorgeht, haben einen gemeinsamen Nenner: Der Aufsteiger aus Kasimpasa muss sich und der Welt offenbar immer noch beweisen, dass er es geschafft hat. Damit instrumentalisiert Erdogan zugleich das, was man einen komplexen Minderwertigkeitskomplex nennen könnte, der viele Türken quält.

Er versprach ein „Präsident aller Türken“ zu sein. Aber das hat er nicht gehalten. Der Friedensprozess mit den Kurden ist gescheitert. Mit seinem Machtgehabe und seinem provozierend luxuriösen Lebensstil hat er selbst frühere politische Weggenossen verprellt. Viele fürchten inzwischen um die Demokratie in ihrem Land.

Drohende Finanzkrise schadet Erdogan

Umfragen lassen einen knappen Wahlausgang erwarten. Problematisch für Erdogan: Ausgerechnet seine Trumpfkarte, das Wirtschaftswunder, sticht nicht mehr. Die hohe Inflation, der Absturz der Lira und das wachsende Leistungsbilanzdefizit sind nach Einschätzung vieler Ökonomen Vorboten einer Finanzkrise. Bei früheren Wahlen profitierte Erdogan nicht nur vom Wirtschaftsboom sondern auch von der Schwäche der Opposition. Jetzt schwächelt die Wirtschaft, die Oppositionsparteien sind aufgewacht – und Erdogan scheint nicht mehr unbesiegbar.

Von RND/Gerd Höhler

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