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Deutschland / Weltweit „Plötzlich erreicht der Terror die eigene Familie“
Nachrichten Politik Deutschland / Weltweit „Plötzlich erreicht der Terror die eigene Familie“
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10:00 21.08.2017
Ein Meer aus Trauernachrichten und Kerzen: Gedenken in Barcelona. Quelle: dpa
Bansin

Am Freitagmorgen ruft mich meine Mutter Karin an, die gerade mit ihren beiden Schwestern Urlaub an der ligurischen Küste macht. Bestürzt fragt sie mich: „Hast du schon vom Terroranschlag in Barcelona gehört? Wir haben immer noch kein Lebenszeichen von Luca.“ Ich spüre, wie ich am Telefon erstarre. Verunsichert frage ich: „Luca? Der Sohn von Simone Russo?“ Meine Mutter antwortet leise: „Ja. der Freund von Barbara – meiner Cousine. Wir fühlen uns so hilflos, weil wir außer Warten nichts tun können! Simone wartet verzweifelt auf Nachricht aus Barcelona.“

Es ist, als wenn sich der Hals zuschnürt. Plötzlich erreicht der Terror dieser Welt die eigene Familie. Traurig erzählt mir meine Mutter: „Luca und seine Freundin Marta sind für ein paar Tage nach Barcelona geflogen. Dieser weiße Transporter erfasste Marta und Luca. Marta liegt im Krankenhaus. Es geht ihr den Umständen entsprechend, aber sie weiß immer noch nicht, wie es Luca geht. Sie weiß nicht, ob er und in welchem Krankenhaus er liegt. Sie hat ihn auf dem Boden schwer verletzt liegen gesehen, als sie selbst von Notärzten versorgt wurde.“

„Luca ist das 14. Todesopfer!“

Ich spüre die Wut und die Verzweiflung in der Stimme meiner Mutter. „In was für einer kranken Welt leben wir nur? Diese Terroranschläge sind ein Angriff auf unsere Freiheit und Demokratie – auf unsere Werte. Das hat unsere Jugend einfach nicht verdient. Was haben unsere Kinder mit dem Terror dieser Welt zu tun?“, fragt sie. Und zum Schluss konstatiert meine Mutter: „Wieso dauert es immer nur so lange, bis die Behörden die Betroffenen informieren?“

Um 13.31 Uhr erreicht mich die erschütternde Nachricht via SMS: „Luca ist das 14. Todesopfer! Er ist an seinen schweren inneren Verletzungen im Krankenhaus gestorben. Wir sind zutiefst erschüttert.“

Lucas Vater Simone und seine Lebensgefährtin Barbara fliegen am Samstag gegen 12.41 Uhr von Treviso nach Barcelona, um den geliebten Sohn nach Hause zu bringen. Auf dem Weg zum Flughafen postet Barbara ein Foto auf Facebook mit der Bitte: „Es wäre schön, wenn ihr für einen Tag dieses Foto in euer Profil setzen würdet – für Luca und alle Opfer von Barcelona“.

Auf einmal ist nichts mehr, wie es war

Wie ein Lauffeuer verbreitet sich die Nachricht in Lucas Heimat Bassano del Grappa in der Region Vincenza, dass er das 14. Todesopfer in Barcelona ist. Bereits am Freitagabend wird eine Mahnwache zu Ehren Lucas organisiert. Tief betroffen sagt der Bürgermeister Riccardo Poletto: „Alles, was ich über Luca sagen kann ist: Er war ein großartiger Kerl, der nur Gutes tun wollte und auch nur Gutes tat. Der Schock und die Ungläubigkeit wuchsen bereits am Donnerstag über das, was sich in Barcelona ereignete. Jetzt zu erfahren, dass unser Sohn ein Opfer dieses Terroranschlags wurde, macht uns alle sprachlos.“

Die Autorin Jacqueline Jane Bartels ist familiär über ihre Großcousine mit Luca Russo, einem der Opfer des Terroranschlags von Barcelona, verbunden. Die 51-Jährige ist Ex-Korrespondentin der Bild am Sonntag, Ex-Stellvertretende Chefredakteurin des Migros Magazins (Zürich) und Ex-Chefredakteurin des deutsch-türkischen Freundschaftsmagazin Harmoni-e. Seit kurzem wohnt sie in Bansin (Usedom). Im Dezember 2016 kehrte sie aufgrund der politischen Situation in der Türkei nach Deutschland zurück. Zuvor war sie als Flüchtlingshelferin in Bodrum an der türkischen Ägäis aktiv. Quelle: privat

Ja. Auf einmal ist nichts mehr wie es war. Lucas Schwester Chiara (23) steht unter Schock und großem Schmerz. Sie erinnert daran, was ihr Bruder im Juli 2016 anlässlich des Terroranschlages von Nizza auf seiner Facebookseite postete: „Diese jungen Terroristen und Selbstmordattentäter wollen uns seelisch töten. Ihre Ziele sind nicht unsere Friedhöfe zu füllen, Wolkenkratzer, den Eiffelturm oder den Turm von Pisa zu zerstören. Ihre Ziele sind auch nicht, unsere David Michelangelos – nein, mit diesen Attentaten wollen sie unsere Seelen, Ideen, Gefühle und Träume zerstören.“

Da letzte Mal postete Luca am 15. Juni auf Facebook

Luca war ein lebensbejahender, aufgeschlossener und hochmotivierter junger Mann und trotzte dem Terror dieser Welt mit seiner Entschlossenheit, aus seinem jungen Leben etwas Brillantes zu gestalten. Erst vor zwei Jahren schloss er mit 23 Jahren und großem Erfolg sein Studium ab. Unmittelbar danach begann Luca als Ingenieur bei Fral Ltd. – ein Unternehmen in Carmignano di Benta (Padua). Sein Chef Stefano Facchinello sagt jetzt: „Es ist, als ob mein eigener Bruder gestorben ist. Luca beeindruckte uns mit Rationalität und Entschlossenheit. Aus Trauer um Luca bleibt unser Unternehmen bis Dienstag geschlossen.“

Luca und seine Freundin Marta engagierten sich ehrenamtlich für die Organisation Green Cross Civil Protection Association in Bassano del Grappa – hier lernten sich die beiden kennen. Ein junges Paar, das gern reiste und das sich in jedem Augenblick gern weiterbildete. Luca hinterlässt seiner Familie und seinen Freunden viele wundervolle Erinnerungen, die über den Verlust in diesen Stunden trösten, aber nicht hinweghelfen können. Es wird viel Zeit ins Land gehen müssen, ehe diese Wunden für Lucas Mutter, Vater und Schwester zu ertragen sein werden – ebenso für alle anderen Terroropfer.

Längst wissen wir alle, dass jeder von uns bereits heute Opfer eines solchen Terroranschlags werden könnte. Die Frage am Ende des Tages bleibt: Wie können wir dem Terror dieser Welt ein Ende setzen? Wie?

Lucas letzter Facebook-Eintrag vom 15. Juni lautet: „Wir werden geboren und haben nichts. Wir sterben und nehmen nichts mit. Und zwischen Geburt und Tod kämpfen wir darum, etwas zu besitzen.“

Von Jacqueline Jane Bartels

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