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Deutschland / Weltweit Schon kleine Fehler können zum Unglück führen
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09:30 28.07.2017
Ein Bundeswehr-Hubschrauber des Typs Tiger. Quelle: dpa
Berlin

Als der Tiger 2012 endlich im Afghanistan-Einsatz angekommen war, konnte die Truppe es kaum erwarten, die neue Errungenschaft den Medienvertretern vorzuführen. In Masar-i-Sharif hatten die Soldaten eine kleine Flugshow vorbereitet, der Tiger spielte die Hauptrolle, es wurde Kaffee gereicht. Plötzlich kam der Kampfhubschrauber um einen Hügel herumgeflogen, schlank, schnell. Er stieg auf, flog flach. Er wirkte wendig und grazil, er war der Stolz der Bundeswehr.

Die Show am Hindukusch ist erst fünf Jahre her. Und doch ist eine neue Zeitrechnung für den Tiger des Herstellers Airbus Helicopters angebrochen. Der Kampfhubschrauber war am Mittwoch bei einem Einsatzflug 70 Kilometer nördlich von Gao abgestürzt und sofort ausgebrannt. Die zweiköpfige Besatzung – ein Pilot und ein Schütze – kam ums Leben. Es sind die ersten Todesfälle von Bundeswehrsoldaten im Auslandseinsatz seit 2015.

Auch wenn noch nicht geklärt ist, wie es genau zu dem Absturz im Einsatz in Mali kam, bei dem zwei Bundeswehrsoldaten ums Leben kamen: Der Tiger ist nun Teil einer großen Debatte um die Ausstattung der Bundeswehr, die Sicherheit in den Einsätzen und den Sinn der Friedensmission in Mali im Allgemeinen.

Die Idee zu einem gemeinsamen Kampfhubschrauber hatten die französische und die deutsche Regierung bereits 1984. Seitdem entwickelten die Spezialisten ein Modell, doch schon damals nicht ohne Probleme. Das Projekt wurde unterbrochen, wieder aufgenommen, erst 2002 begann die Serienproduktion. Weitere zehn Jahre später war der Tiger bei der Bundeswehr bereit für seinen ersten Auslandseinsatz.

Nicht ausreichend trainierte Piloten

Es begann eine komplizierte Zeit für die Truppe, denn so reibungslos wie gewünscht lief es mit dem neuen Vorzeigeprodukt lange nicht. Für den Einsatz in Mali fehlten zunächst ausgebildete Piloten, ein interner Bericht des Heeres warnte vor den Folgen, wenn überlastete Hubschrauberführer Extraschichten fliegen müssten. Das Problem drohe zu einem „flugsicherheitsrelevanten Thema“ zu werden, hieß es in dem Bericht. Es war eine Spätfolge des Afghanistan-Einsatzes: Weil am Hindukusch in großer Eile der Auslandseinsatz begonnen wurde, hatte die Truppe nicht in Ruhe Piloten für den Tiger ausbilden können.

Es war nicht das einzige Problem des Tigers während des Einsatzes in Mali: Später musste der Hubschrauber wegen Hitze am Boden bleiben. Erst als die zulässige Höchsttemperatur für den Einsatz von 42 auf 47 Grad hochgesetzt wurde, konnte der Hubschrauber im westafrikanischen Wüsteneinsatz wieder fliegen. Die Ursache für den Absturz scheint dies indes nicht zu sein: Am vergangenen Mittwoch lagen die Höchsttemperaturen bei 36 Grad.

Tote waren erfahrene Tiger-Spezialisten

Im nordhessischen Fritzlar, wo die Tiger stationiert sind, herrschen Trauer und Fassungslosigkeit. Und die Kollegen der beiden ums Leben gekommenen Piloten rätseln über die Ursache des Absturzes. Beide Männer seien mit dem Fluggerät sehr vertraut gewesen, heißt es. „Der Ältere von ihnen war einer der ersten überhaupt, die auf dem Tiger ausgebildet worden sind“, bestätigt ein langjähriger Bundeswehr-Fluglehrer, der die beiden Getöteten persönlich gekannt hat. Der jüngere Soldat habe ebenfalls schon viele Jahre im Cockpit gesessen – er sei unter anderem am Standort Celle auf dem Vorgängermodell Bo 105 geschult worden und später nach Fritzlar zur Einsatzdivision gekommen. „Es ist schwer nachvollziehbar, dass zwei derart erfahrenen Piloten ein manueller Fehler passiert sein soll“, sagt der Fluglehrer.

Ausgebildet werden alle angehenden Tiger-Piloten im französischen Le Luc. Dort unterhalten seit 2003 deutsche und französische Streitkräfte gemeinsam ein Ausbildungszentrum. Der Tiger gilt unter Piloten als zuverlässig – zumindest seit die Kinderkrankheiten ausgemerzt sind.

Hohe Belastung für den einzelnen Piloten

Allerdings sei der Helikopter im Vergleich etwa zur älteren Bo auch sehr viel komplexer. Der Wechsel von dem einen auf das andere Fluggerät sei ungefähr so wie ein Umstieg „vom VW Käfer auf einen modernen Mercedes“, der zu 80 Prozent von Assistenzsystemen gesteuert werde, sagt ein anderer Flugausbilder. „Das erleichtert bei der Arbeit zwar sehr viel, führt aber umgekehrt zu einer entsprechend höheren Anfälligkeit.“ So könnten aus kleinen Fehlern schnell Katastrophen werden.

Die Gefahr wachse, wenn es gleichzeitig eine nur unzureichende Ersatzteilversorgung und gestreckte Wartungsintervalle gebe. „Je weniger zur Verfügung steht, desto weniger Piloten können ausgebildet und in den Einsatz geschickt werden“, erklärt der Experte. Dass es für die Mission Mali offenbar nur 18 Piloten gegeben hat, müsse zwangsläufig zu einer hohen Belastung jedes Einzelnen geführt haben. „Das Thema Beschaffungspolitik wird ganz sicher noch einige Fragen aufwerfen.“

Von Marc Fügmann und Gordon Repinski/RND