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Deutschland / Weltweit „So wirkte Anis nicht auf mich“
Nachrichten Politik Deutschland / Weltweit „So wirkte Anis nicht auf mich“
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13:33 23.12.2016
Anis Amri wurde am Freitag in Mailand erschossen. Quelle: AFP
Berlin

Anis Amri hatte nicht nur acht Identitäten, sondern in Berlin auch mehrere parallele Leben. In dem einen war er radikaler Salafist, in dem anderen Drogendealer. Er hatte nicht nur ein Netzwerk in der Stadt, sondern zwei. Nur wenige Hundert Meter liegen zwischen diesen beiden Welten. Als Salafist verkehrte der mutmaßliche Lkw-Attentäter in einer Moschee im Stadtteil Moabit, die den Sicherheitsbehörden schon lange als Hort des Terrors bekannt ist. Mehrere Mitglieder des Moscheevereins „Fussilet 33 e.V.“ wurden bereits im vergangenen Jahr wegen Terrorpropaganda verhaftet. Als Dealer war er Teil einer Bande aus seiner Heimatstadt Tataouine, die teilweise rabiat gegen die Konkurrenz vorging. In einer Bar im Stadtteil Neukölln kam es im Sommer zu einer Messerstecherei, drei Jungs aus Tataouine gegen drei andere. Amri war dabei, soll aber nicht selbst zugestochen haben.

Amri dealte mit Marihuana und Kokain

Er dealte mit Marihuana und Kokain, vor allem im Kleinen Tiergarten an der U-Bahn-Station Turmstraße, wiederum in Moabit. Hier werden offen Drogen verkauft. Am Wochenende wechselte er die Reviere, durchstreifte nachts die Straßen voller Bars und Nachtclubs rund um die Oberbaumbrücke an der Spree in Kreuzberg. Hier traf er Mohamed, einen schmächtigen 35-Jährigen aus Tunis. Mohamed dealt schon seit fünf Jahren, ebenfalls mit Koks und Gras. Er ist einer der Verlorenen, die dem Trugbild vom Paradies Europa folgte und dann vor allem die Gefängnisse des Nordens kennen lernten. Mohamed will reden, über Amri, dem er den Anschlag trotz erdrückender Beweislast eigentlich nicht zutraut. Seit Anis Amri am Dienstag als Verdächtiger präsentiert wurde, wissen wir viel über ihn aus Überwachungsprotokollen und Polizei-Dokumenten. Mohamed aber ist der erste in Berlin, der Amri privat kannte. Oder zumindest als Kollegen. Er hat ihn angesprochen, als sie sich im Frühjahr das erste Mal auf der Straße begegnet sind. Die Dealer in Kreuzberg kämpfen selten gegeneinander, öfter kooperieren sie, vor allem unter Landsleuten. Mohamed bahnt auch Geschäfte an, er übersetzt zwischen Kunden und Neuankömmlingen wie Amri, die weder Deutsch noch Englisch sprechen. Andauernd klingelt sein altes Nokia-Handy. „Ich bin Pablo Escobar“, sagt er grinsend. Dennoch ist Mohamed, der in Tunesien Koch gelernt hat, am Ende des Tages oft pleite bis auf den letzten Cent. Es sind einfach zu viele wie er da draußen unterwegs, ohne Papiere und ohne Alternative. „Manchmal bin ich so hungrig, dass ich es nicht mehr schaffe, die Leute anzusprechen, ob sie Drogen kaufen wollen“, seufzt Mohamed. Wenn Anis Amri geplant hat, in Berlin genug Geld zu machen, um Waffen für einen Anschlag zu kaufen, hat er sich den falschen Job ausgesucht.

„Wer das gemacht hat, muss krank gewiesen sein“

Mohamed kennt Amri, aber eben nur einen Teil von ihm. Viele spätere Dschihadisten begannen als erfolglose Kleinkriminelle. Das Besondere bei Amri ist, dass er beides zugleich war. Sein Äußeres in Berlin passte zu keiner der beiden Rollen. „Er hatte den Bart abrasiert, die Haare auch“, erinnert sich Mohamed. So erinnerte er weder an einen abgerissenen Kleindealer noch an einen bärtigen Dschihadisten. Mohamed sagt, über Religion hätten sie nie gesprochen, über den Dschihad schon gar nicht. Anis hat Drogen verkauft, aber nie etwas was davon genommen, erzählt Mohamed. Er selbst handhabt das anders, er raucht, kifft, trinkt Alkohol. Mohamed bezeichnet sich als Muslim. In die Moschee aber geht er nie. Vielleicht unterschätzt er deswegen die Macht derjenigen, die Menschen wie Amri zu Gewalt im Namen der Religion verführen. „Wer das gemacht hat, muss krank gewesen sein im Kopf“, sinniert Mohamed über den Anschlag am Breitscheidplatz. „So wirkte Anis nicht auf mich.“

Von Jan Sternberg

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