Menü
Schaumburger Nachrichten | Ihre Zeitung aus Schaumburg
Anmelden
Deutschland / Weltweit Terrorzelle führte Doppelleben am Fuß der Pyrenäen
Nachrichten Politik Deutschland / Weltweit Terrorzelle führte Doppelleben am Fuß der Pyrenäen
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
13:45 24.08.2017
Die Bürgerinnen und Bürger von Ripoll stehen vor einem Rätsel. Quelle: AP
Ripoll

In dem beschaulichen Örtchen Ripoll am Fuße der spanischen Pyrenäen herrschte Fassungslosigkeit. Kaum ein Einwohner der 11.000-Seelen-Gemeinde hatte wohl damit gerechnet, dass einige junge Männer aus dem Dorf einer Terrorzelle angehörten, die in Spanien einen der blutigsten Anschläge in der Geschichte des Landes verüben würde. „Era buena gente“, zitierte die Zeitung „El País“ eine geschockte Bürgerin: „Das waren anständige Leute“. Ähnlich lautete der Tenor bei fast allen, die in den Tagen nach den Anschlägen von Barcelona und Cambrils zu ihren Eindrücken von den Tätern befragt wurden.

Eine Clique von Freunden, Marokkaner, gut integriert, manche spielten Fußball, andere hatten Jobs, bei denen sie sich unentbehrlich gemacht hatten – so beschreiben die Menschen in Ripoll die Gruppe. Denn der Ort ist keine arme Trabantenstadt, kein Pariser Banlieue, kein Problemgebiet. Etwas langweilig für die Dorfjugend vielleicht, aber Platz für Träume und eine bessere Zukunft gab es. Die jungen Männer kamen aus bescheidenen Verhältnissen, aber sie waren weder arm noch chancenlos. Manche spielten im Fußballverein, die meisten waren fleißige Schüler gewesen, einige hatten feste Arbeit.

„Irgendjemand hat ihnen seltsame Ideen in den Kopf gesetzt“

So wie Mohamed Hychami, der zusammen mit seinem Bruder Omar bei dem vereitelten Anschlag von Cambrils von der Polizei erschossen wurde. Er arbeitete in einem metallverarbeitenden Betrieb – und war dabei so unersetzlich, dass sein Chef ihn einmal wegen eines wichtigen Auftrags bat, seinen Urlaub zu verschieben. Und Mohamed willigte ein. Auch Omar hatte einen Job, Kollegen beschreiben ihn als „korrekt, gut erzogen und tüchtig“.

„Die beiden Brüder haben nie die Stimme erhoben“, sagte eine Anwohnerin, die in der Nachbarschaft der Familie des mutmaßlichen Haupttäters Younes Abouyaaqoub lebt. Am klarsten machte es vielleicht die Schwester von Moussa und Driss Oukabir: „Ich bin Katalanin“, wurde sie von „El País“ zitiert. Misslungene Integration klingt anders. Jetzt ist ihr 17-jähriger Bruder Moussa tot, Driss wurde unter Terrorverdacht festgenommen. Von dem Doppelleben der Geschwister hatte die Familie offenbar nichts bemerkt.

Wie das passieren konnte, ist vielen ein Rätsel. „Sie müssen von jemand manipuliert worden sein. Irgendjemand hat ihnen seltsame Ideen in den Kopf gesetzt“, versuchten Dorfbewohner kurz nach dem Massaker das Unfassbare zu erklären.

Mittlerweile scheint klar, dass dieser „jemand“ wohl der Imam von Ripoll war, Abdelbaki Es Satty. Auch er schien gut integriert – so gut, dass 2015 eine geplante Abschiebung nach Marokko von einem Gericht annulliert wurde. Es Satty sei in Spanien verwurzelt, hieß es damals, und stelle „keine Bedrohung für die öffentliche Ordnung oder die Sicherheit der Bürger“ dar. Zwar starb der 45-Jährige vergangene Woche, als am Tag vor den Anschlägen das Haus, in dem die Gruppe die Attacken geplant hatte, in die Luft flog. Aber da war es schon zu spät, um die radikalisierten Täter noch zu stoppen.

Von Carola Frentzen