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Deutschland / Weltweit Was macht Menschen resistent gegen Populismus?
Nachrichten Politik Deutschland / Weltweit Was macht Menschen resistent gegen Populismus?
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11:29 05.12.2016
Thomas Kliche ist Politikpsychologe an der Hochschule Magdeburg-Stendal. Quelle: dpa/privat
Berlin

Der Politikpsychologe Thomas Kliche spricht im Interview mit dem RedaktionsNetzwerk Deutschland über Populisten, Hassprediger und die Resistenz der Deutschen.

Herr Kliche, Sie sind Politikpsychologe. Was zeichnet die Psyche von Menschen aus, die Populisten wählen?

Die Verweigerung von Unübersichtlichkeit, das Bedürfnis nach einer raschen, einfachen Lösung: Wir werfen Fremde und Fremdes raus, und schon können wir die Globalisierung zurückdrehen. Sodann eine hohe Bereitschaft zum Spiel mit dem Feuer, nämlich inkompetente Hassprediger zu wählen, Hauptsache, man bekommt eine ganz andere Regierung. Und schließlich tiefe innere Unsicherheit, die in den Wunsch nach einer starken Gruppe und Leitkultur umschlägt.

Sie unterscheiden mehrere Wählergruppen von Populisten. Welche sind das?

In Deutschland sind das erstens CDU-Erzieher, die diese Partei zu mehr Konservatismus zwingen wollen. Zweitens bekennende Rassisten, die jetzt eine aussichtsreiche Plattform finden. Drittens mehr oder weniger verzweifelte Modernisierungsverängstigte, die sich mehr Anerkennung und Absicherung ihrer Lebenslage erhoffen. Viertens entfremdete Saboteure, die die gesamte Gesellschaftsordnung und Politik ablehnen und einfach Sand ins Getriebe kippen wollen.

Oft heißt es, die Wähler von Populisten hätten Angst.

Die haben wir alle. Uns ist klar, dass wir unser Land umbauen müssen. Aber Gefühle überwältigen uns nicht, sondern wir machen sie uns auch selbst mit unseren Deutungen. Manche haben wirklich ganz naiv Angst, aber das sind nicht viele. Die meisten benutzen sie als Begründung für die Vorstellung, einer großartigen Wir-Gruppe anzugehören, und als Vorwand zur Opfer-Täter-Verkehrung: Diese Wir-Gruppe wird überflutet, ausgenutzt und angegriffen, also darf sie sich egoistisch, aggressiv und dominant verhalten.

In Deutschland sind Populisten schwächer als in Frankreich, Österreich oder Italien. Ist die deutsche Gesellschaft resistenter oder nur langsamer?

Resistenter. Hier haben Millionen spontan geholfen, Merkel ist nicht allein. Die Helfer sind bislang mit Helfen beschäftigt, die anderen mit Hassen, deshalb scheint das böse Geschrei vorzuherrschen. Unzufriedenheit ist immer leichter zu organisieren als gemeinsame Lösungen, denn sie hat kein klares Ziel und bietet schöne Gefühlserlebnisse für Impulse der Aggression und Selbstaufwertung. Und für die Lösungen brauchen dieses Mal wirklich dicke Bretter, wir müssen unsere Lebensweise grundlegend weiterentwickeln. Das kritische Verhältnis der Deutschen zu ihrer Geschichte und die internationale Einbindung eines Exportweltmeisters öffnet hier für grundlegende Einsichten.

Was macht Menschen resistent gegen Populismus?

Echtes Selbstvertrauen befähigt zum Respekt vor anderen Menschen und ihrer Vernunft, zu Kompromissfähigkeit, Geduld und Weitsicht. Dabei helfen mehr Bildung und echter Glaube.

Wer in die Kirche geht, ist weniger anfällig?

Kirchen, genauso wie Vereine und Zivilgesellschaft, geben Handlungsmöglichkeiten und Vorbilder für Zuversicht und Verantwortungsbewusstsein. Sie zeigen, man kann selbst was tun. Sie festigen unser Gefühl, in einer geordneten Welt unter zuverlässigen, freundlichen Menschen zu legen. Sie zeigen, dass Menschlichkeit und Tatkraft funktionieren: Wir haben schon ganz viel geschafft!

Viele Menschen, die heute Populisten wählen, haben lange gar nicht gewählt. Steckt darin nicht auch eine Chance?

Welche? Dschihadisten der Leitkultur aller Länder, vereinigt Euch und feindet andere endlich gemeinsam an? Die USA werden für Trumps Wahlkampf einen enormen Preis an innerem Zerfall zahlen. Die Zerstörung von Vertrauen und Offenheit im Alltag durch unsichtbare Mauern belastet die Innovations- und Handlungsfähigkeit einer Gesellschaft.

Wie werden die Wähler von Trump und anderen Populisten reagieren, wenn sie feststellen, dass ihre Hoffnungen nicht erfüllt werden?

Sie werden erstmal weiter Gefühle konsumieren, die die Populisten anbieten. Viele Wähler sind da ganz offen: Der AfD trauen sie gar keine Lösungen zu, aber es fühlt sich gut an, sie zu wählen. Man darf wieder unanständig denken und fühlen, klein, habgierig, böse. Sie werden sagen, die Welt ist schuld, da seht ihr es, wir brauchen noch mehr Egoismus. Wenn sie überall siegen, geht die Welt in Konflikten und Umweltkrisen unter. Wenn nicht, werden sie uns als Gefühlsventil begleiten, bis wir eine bessere Sozial- und Weltordnung geschaffen haben.

Ihr Rat an etablierte Parteien und Medien im Umgang mit Populisten?

Klare Linie. Politische Feindschaft lässt sich nicht durch Psychotricks und Nettigkeit überkleistern, sie muss politisch ausgetragen werden. Schließt einen Anstandspakt der Demokraten! Fördert die Zivilgesellschaft in jeder Form! Lasst uns zügig über grundlegende Verbesserungen reden! Schaffen wir breite Plattformen für die Entwicklung von Zukunftsmodellen!

Thomas Kliche ist Politikpsychologe an der Hochschule Magdeburg-Stendal.

Von RND/Andreas Niesmann

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