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Deutschland / Weltweit Wismar im Schatten der Russenmafia
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08:38 19.03.2018
Im Mittelpunkt neuer und alter Ermittlungen: Die Übernahme der früheren Wadan-Werften, hier die Werft in Wismar. Quelle: Foto: dpa
Wismar

Das Moskauer Restaurant Chutorok ist gut besucht, als am Abend des 29. September 2011 ein Mann mit schwarzem Bart und heller Schirmmütze an den Tisch von Andrej Burlakow tritt. Der Unbekannte zückt eine Waffe und schießt. Zwei Kugeln treffen Burlakow in den Kopf, zwei in die Brust. Eine halbe Stunde später stirbt der Geschäftsmann in einer Moskauer Klinik. Seine Begleiterin Anna Etkina wird schwer verletzt. Nur knapp überlebt sie den Anschlag.

Jahrelang verschwinden die Hintergründe des Attentats hinter einem undurchsichtigen Schleier. Drängende Fragen bleiben unbeantwortet. Doch nun kommt erstmals Licht ins Dunkel. Recherchen führen in ein Labyrinth aus russischer Mafia, Geldwäsche und hoher Politik. Sie decken auf, wer ein Interesse am Tod Burlakows hatte. Sie belegen, wie naiv die deutsche Politik agierte und dass der Fall bereits die deutsche Justiz beschäftigte. Und sie führen hinauf bis ganz nach oben in Russland – womöglich bis in den Kreml.

Der Mord erregt seinerzeit besonders in Deutschland Aufsehen. Dreieinhalb Jahre vor dem Anschlag, im März 2008, kauft Burlakow mit seinem Partner Nail Maljutin in Wismar und Warnemünde den drittgrößten deutschen Werftenverbund. Angeblich 249 Millionen Euro zahlen die beiden Russen an den norwegischen Konzern Aker Yards. Die Aktien der Norweger schießen nach Bekanntgabe des Deals durch die Decke.

Versprechungen bei Sekt und Kaviar

Niemand, auch nicht die Landesregierung in Schwerin, stellt damals kritische Fragen. Woher nimmt ein früherer Sowjetoffizier wie Burlakow so viel Geld? Warum wird ein aberwitziger Betrag in Werften investiert, die auf den Bau von Containerriesen spezialisiert sind, wo doch kurz vor dem Ausbruch der weltweiten Finanzkrise Schiffe dieser Art kaum noch Abnehmer finden?

Obwohl die Auftragslage nicht üppig ist, tritt Burlakow verschwenderisch auf. Er fährt Maybach-Limousinen, verspricht den Schiffbauern bei Sekt und Kaviar Milliardengewinne durch den Bau eisbrechender Flüssiggastanker für den russischen Rohstoffgiganten Gazprom – doch nichts passiert.

Ein gutes Jahr später muss der windige Investor Insolvenz anmelden. Kurz zuvor holt er noch Ex-„Bild“-Chef Hans-Hermann Tiedje und den Vertrauten des früheren Finanzministers Hans Eichel, Klaus-Peter Schmidt-Deguelle, als Aufsichtsratsmitglieder mit ins Boot – vergeblich. „Wir sind davon ausgegangen, dass der Kreml mitverdient. Wir wussten, dass die Pleite inszeniert war. Aber die genauen Mechanismen, die kannten wir nicht“, versichert rückblickend Schmidt-Deguelle.

„Für mich war Burlakow als Person eher ein Trottel, ein armes Schwein, das froh sein musste, wenn es nicht mit Beton an den Füßen im Fluss wiedergefunden wurde“, sagt Rüdiger Klein, damals zuständiger Sekretär der IG Metall in Rostock. Die Gerüchteküche brodelt. Ist Burlakow wirklich nur ein Strohmann? An wessen Fäden hängt er? Welche Rolle spielt sein unsichtbarer Partner Maljutin?

Die Sache wird delikat. 2009 stehen in Deutschland Wahlen an. Kanzlerin Angela Merkel, deren Wahlkreis an der Ostseeküste liegt, wird persönlich beim damaligen russischen Präsidenten Dmitri Medwedew vorstellig. 2500 Arbeitsplätze stehen auf dem Spiel.

Erstmals wird die Landesregierung misstrauisch

Dann geht alles ganz schnell. Ein junger Gazprom-Manager tritt auf den Plan: Witalij Jussufow, 29, Sohn des ehemaligen russischen Energieministers und Gazprom-Vorstands Igor Jussufow. Der junge Jussufow arbeitet zu diesem Zeitpunkt als Moskauer Büroleiter des Ostsee-Pipeline-Konsortiums Nordstream.

Immer wenn Ex-Bundeskanzler Gerhard Schröder und Gazprom-Chef Alexej Miller im Nordstream-Aktionärsausschuss zusammentreffen, führt Jussufow Protokoll. Seine Familie gehört zum engsten Führungszirkel um Wladimir Putin und Medwedew, dessen zwischenzeitlichem Platzhalter im russischen Präsidialamt.

Im Juni 2009 übernimmt Witalij Jussufow die deutschen Werften für 40 Millionen Euro. Erstmals wird die Landesregierung misstrauisch. In einer vertraulichen Vorlage für den Finanzausschuss heißt es, „das Informationsbedürfnis der Banken im Hinblick auf den Hintergrund der neuen Gesellschafter“ aus Russland sei „noch nicht ausreichend befriedigt“. Die Rede ist von schwarzen Konten in der Schweizer Steueroase Zug. Dennoch stimmt man dem Verkauf letztlich zu.

Während sich Burlakow damit brüstet, seit Jahren ein guter Freund der Familie Jussufow zu sein, und öffentlich damit prahlt, dass ihn Witalij „Onkel“ nennt, bestreiten die Gazprom-Manager hartnäckig jeden Kontakt. Vor dem Kauf der Werften, so Jussufow auf Nachfrage, habe er Burlakow noch nie gesehen.

Burlakows Ex-Berater Schmidt-Deguelle widerspricht. Die Jussufows hätten von Anfang an hinter dem Deal mit Burlakow gesteckt, vermutet er. Die Gazprom-Manager seien eines Tages in sein Berliner Büro gekommen und hätten ihm gesagt: „Das war unser Geld. Und er sollte für uns arbeiten. Jetzt holen wir es uns zurück.“

Spanischer Staatsanwalt ermittelt

Trotz der Hinweise auf ominöse Ungereimtheiten droht die Geschichte in Vergessenheit zu geraten. Bis vor zwei Jahren. Da trifft die russische Journalistin Anastasia Kirilenko auf den spanischen Staatsanwalt José Grinda Gonzáles. Der berichtet ihr, im Zuge von Ermittlungen zur russischen Mafia in Spanien auch auf die deutschen Werften gestoßen zu sein.

Zehn Monate vor dem Mord an Burlakow schaltet José Grinda Gonzales die Staatsanwaltschaft in Schwerin ein. Der Spanier berichtet den deutschen Kollegen von Geldwäsche in Millionenhöhe. Mafiosi und kremlnahe Politiker hätten Geld aus dem russischen Haushalt abgezweigt, indem sie die Schiffbaubetriebe an der Ostseeküste mit betrügerischer Absicht in die Insolvenz geführt hätten.

Anders als offiziell verkündet, seien nie die vollen 249 Millionen Euro nach Norwegen geflossen, sondern nicht einmal die Hälfte davon. Der Rest des Geldes sei zusammen mit Krediten in Höhe von 60 Millionen Euro, abgesichert durch staatliche deutsche Bürgschaften, über die Konten der Schiffbaubetriebe und die eigens dafür in Luxemburg gegründete Firma FLC-West nach Zypern und auf die Virgin Islands transferiert worden.

Grindas Anzeige löst in Schwerin im Oktober 2010 ein Ermittlungsverfahren wegen des Verdachts der Geldwäsche aus. Das bestätigt nun erstmals eine Sprecherin der Anklagebehörde dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND). Plötzlich sehen nun auch die deutschen Ermittler „Anhaltspunkte dafür, dass die Investition von dem ehemaligen Investor Burlakow aus in Russland veruntreutem Geld stammte“.

Ermittelt wird auch gegen Nail Maljutin. Burlakows Partner wird am 10. August 2012 in Schwerin vernommen. Obwohl Maljutin aussagt, es habe illegale Finanztransaktionen im Zusammenhang mit dem Werftendeal gegeben, wird das Verfahren in Schwerin „mangels weiterer Erfolg versprechender Ermittlungsansätze“ und dem Hinweis auf die fehlende Kooperationsbereitschaft der russischen Behörden am 22. Oktober 2012 eingestellt. Fast makaber wirkt die Begründung der deutschen Ermittler, der „zentrale Zeuge“ – gemeint ist Burlakow – sei „bereits verstorben“.

Welche Rolle spielt die russische Mafia?

Auch für Maljutin wird es spätestens jetzt ungemütlich. Nur wenige Tage nach seinen Aussagen in Schwerin wird gegen Burlakows Schattenmann in Moskau Mordanklage erhoben. Im Februar 2017 wird er trotz lautstarker Proteste aus dem EU-Parlament nach Russland ausgeliefert. Seitdem gibt es kein Lebenszeichen mehr von ihm.

Wer ist Maljutin? Und warum fällt er in Moskau in Ungnade? Zum Zeitpunkt des Werftenverkaufs 2008 fungiert Burlakows Partner als Direktor der staatlichen russischen Holding FLC. Es ist die Holding, über die Burlakow die Mehrheit an den Werften in Wismar und Warnemünde erwirbt. Ein interner Revisionsbericht der FLC vom 28. April 2009 weist aus, dass zwischen 2007 und September 2008 rund 130 Millionen Euro aus der Firma abgezweigt werden – in eine Luxemburger Gesellschaft namens FLC-West.

Der spanische Staatsanwalt Grinda ist nun nach neusten Ermittlungen davon überzeugt, dass Maljutin im Auftrag der russischen Mafia handelte. Genauer: auf Weisung des russischen Mafioso Gennadios Petrow. „Es gab Absprachen zwischen Maljutin und Petrow, die Werften in Konkurs zu führen“, bestätigt der Madrider Ermittler Grinda dem RND. Grinda berichtet von Gesprächen mit Beamten der Guardia Civil.

Diese hätten auf Grundlage von Abhörprotokollen eine direkte Linie zwischen der Insolvenz der Werften und Petrow ziehen können. Es sei Petrow gewesen, der beim Kauf der Schiffbaubetriebe in Wismar und Warnemünde hinter FLC gestanden und die Fäden gezogen habe – mit dem Segen von „ganz oben“. Dies sei in mehreren Gesprächen mit Maljutin zum Ausdruck gekommen.

Petrow ist nachweislich seit fast zwei Jahrzehnten eng mit dem russischen Präsidenten Wladimir Putin befreundet. Beide kennen sich aus Petersburger Zeiten, als Petrow für das Management des Hafens der russischen Ostseemetropole zuständig war und der ehemalige KGB-Agent Putin seine Karriere in der Stadtverwaltung begann.

Beide besitzen in unmittelbarer Nachbarschaft im Süden Spaniens unweit von Malaga große Villen. Petrow bezeichnet Putin öffentlich als „engen Jugendfreund“. Petrows Sohn Anton bestätigt dem RND, sein Vater und Putin hätten über einen Kontaktmann regelmäßig im Austausch gestanden – auch über die deutschen Werften.

Die spanische Staatsanwaltschaft zeichnet ein Telefonat auf, das eine weitere pikante Verbindung nachweist: die zwischen Petrow und Andrej Burlakow. Es ist das Telefonat, über das Maljutin die Schweriner Staatsanwaltschaft bereits im August 2012 informiert. Maljutin liefert das letzte Glied in einer Kette, die vom Kreml über Petrow und Maljutin zu den Jussufows und Burlakow führt.

Im Moskauer Restaurant Chutorok will Burlakow im September 2011 auspacken: über seine Hintermänner, den Mafioso Petrow, die beiden Jussufows – und wohl auch über die Verbindungen in den Kreml. Es ist sein Todesurteil.

Schweriner Staatsanwaltschaft unter Zugzwang

Im Januar 2018 wischt seine Tochter Alina Burlakowa Schnee vom Grabstein ihres Vaters auf einem Moskauer Friedhof. Ihre Familie hat in den vergangenen Jahren alles verloren. Sie führt Prozesse, teure Prozesse, um den Ruf ihres Vaters wiederherzustellen. Und auch wenn es wohl nie ein Urteil in ihrem Sinne geben wird: Für Alina steht fest, wer hinter dem Tod ihres Vaters steckt.

Der spanische Staatsanwalt Grinda bleibt hartnäckig. Zurzeit läuft ein Prozess in Madrid gegen Mitglieder der russischen Mafia, bei dem auch der Werftendeal eine Rolle spielt. In der vergangenen Woche legte Grinda dem Gericht zahlreiche Beweise vor, die belegen, dass beim Kauf der Werften in Wismar und Warnemünde über die Konten der Schiffbaubetriebe Geld gewaschen wurde. Die Aussagen eines Beamten der Guardia Civil und Dutzende Abhörprotokolle stützen ihn.

Zehn Jahre nach dem Kauf der Schiffbaubetriebe, sieben Jahre nach dem Mord an Burlakow und ein Jahr nach dem Verschwinden Maljutins gerät die Schweriner Staatsanwaltschaft damit unter Zugzwang. Auf Nachfrage erklärt nun ein Sprecher: „Ein nach Paragraf 170 Absatz 2 StPO eingestelltes Verfahren kann wiederaufgenommen werden – wenn Anlass dazu besteht.“

Von Anastasia Kirilenko, Jörg Köpke und Nicolas Tonev/RND

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