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Niedersachsen Tierhalter protestieren mit Kadavern gegen Wolf
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21:13 14.12.2016
Mit toten Tieren haben am Mittwoch zahlreiche Tierhalter in der Nähe des Landtages gegen den Wolf protestiert. Quelle: Holger Hollemann
Hannover

„Oh Gott.“ Die Besucherin des Weihnachtsmarkts an der Marktkirche in Hannover hat nur schauen wollen, warum neben den Holzbuden so ein Auflauf ist, doch schnell wendet sie sich wieder ab: Auf dem Pflaster liegen die Kadaver von Schafen, Ziegen und einem Galloway-Kalb. Alle Tiere seien in den vergangenen Tagen auf Weiden in Niedersachsen von Wölfen gerissen worden, sagen die Initiatoren der Aktion zwischen Landtag und Marktkirche. Die Weidetierhalter fordern eine härtere Gangart gegenüber dem Wolf.

Zu den Tierhaltern, die ihrem Unmut in Hannover Luft machen, gehört auch Marc Jacholke. Der 27-Jährige aus Uelzen besitzt 100 Mutterkühe, dazu 25 Pferde, zusätzlich vermietet er Boxen für Gastpferde. Und von denen seien die ersten bereits abgezogen worden - aus Angst, sie könnten Opfer des großen Beutegreifers werden.

„Der Wolf steht jede zweite Woche nachts an meinen Zäunen und guckt“, sagt Jacholke. Einen Riss habe er noch nicht zu beklagen gehabt, aber es seien schon Pferde in Panik geflohen und fast auf die nächste Bundesstraße gerannt. Er wolle nicht für einen Unfall verantwortlich sein, sagt Jacholke. Und er wisse nicht, wie lange er mit dem Wolf in der Nachbarschaft weitermachen könne: „Das ist meine Zukunft, die da baden geht.“

Belastende Situation

Umweltminister Stefan Wenzel (Grüne) zeigte sich verständnisvoll. Die eigenen Tiere getötet und zerfetzt vorzufinden sei „eine sehr belastende Situation“, sagte der Minister im Landtag, wo gestern zeitgleich zum Protest draußen über das Thema diskutiert wurde. Und er kündigte an, den Weidehaltern in Zukunft unbürokratischer helfen zu wollen: So soll das Meldesystem verändert werden, damit das Wolfsbüro schneller von Rissen erfährt. Außerdem sollen betroffene Halter rascher als bisher Hilfe bekommen. „Das kann die Bereitstellung von Zaunmaterial sein, das kann tatkräftige Unterstützung sein, das kann gegebenenfalls auch die temporäre Unterstützung mit Herdenschutzhunden und erfahrenen Hirten sein“, sagt Wenzel.

Über 100 Jahre habe es keinen Wolf in Niedersachsen gegeben - das Zusammenleben müsse neu erlernt werden, so der Minister. Herdenschutzmaßnahmen wie E-Zäune, Hunde oder auch Esel in der Herde würden schon Wirkung zeigen: Obwohl die Zahl der Wölfe im vergangenen Jahr angestiegen sei, habe sich die Zahl der gerissenen Tiere im Wesentlichen auf dem gleichen Niveau gehalten. Zudem habe die Untersuchung von Exkrementen ergeben, dass Wölfe sich nur zu 0,8 Prozent von Nutztieren ernähren, den übergroßen Teil ihrer Nahrung also aus der Wildnis holten.

Den Schäfern vor der Tür des Landtags klingt das nach Beschwichtigung. „Das reicht auf gar keinen Fall“, sagt Rudolph Michaelis zu den neuen Maßnahmen. Es gebe mindestens ein Rudel in der Heide, das sich auf Nutztiere spezialisiert habe - das müsse geschossen werden. Bei den Zäunen habe sich gezeigt, dass Wölfe lernen könnten, diese zu überwinden.

„Am Ende ist es denkbar, dass auch der beste Zaun versagt“, räumt auch Wenzel im Landtag ein. Und wenn man den Herdenschutz nicht weiter gegen Angriffe eines Problemwolfs verbessern könne, dann sei „auch eine Entnahme des Individuums denkbar“. Gemeint ist: Dann darf der Wolf auch mal abgeschossen werden.

Wenzel läuft die Zeit davon

Seit der Wolf wieder durch Niedersachsen stromert, sind schon einige Gewissheiten des Umweltministeriums einkassiert worden. Auch die, dass allerhöchstens in Ausnahmefällen ein Wolf mal ein Nutztier reißen werde. Für Umweltminister Stefan Wenzel ist das ein Riesenproblem, denn er steht als Beschwichtiger da. Als einer, der sich scheut, unangenehme Wahrheiten über den Wolf auszusprechen.

Das ist ein bisschen ungerecht, denn Wenzel musste selber erst einmal lernen, dass Wölfe sich mitunter anders verhalten, als Experten das erwarten. Aber der Minister hat auch immer geglaubt, dass Wolfskeptiker unter dem Rotkäppchen-Syndrom leiden: Einer dank Grimms Märchen tief verwurzelten, aber eben irrationalen Angst vor dem Wolf. Und er hat auf Statistiken verwiesen, die zeigen, dass Wölfe vor allem Wild fressen. Doch kann man einem Schäfer, der gerade einen Teil seiner Herde zerrissen aufgefunden hat, mit solchen Worten beruhigen?

Die Rückkehr des Wolfs mag ein Gewinn für die Artenvielfalt in Niedersachsen sein – gleichzeitig ist sie ein Riesenproblem zumindest für die Weidetierhalter. Das eine löscht das andere nicht aus. Aber erst, wenn der Minister glaubwürdig vermitteln kann, dass er auch das Problem der Weidetierhalter sieht, wird er die Akzeptanz für den Wolf festigen können. Viel Zeit hat er nicht mehr.

Ein Kommentar von Heiko Randermann

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