Glückliche Männer im Schneetreiben: Die 96-Profis Jan Durica, Manuel Schmiedebach, Leon Andreasen, Christian Schulz und Florian Fromlowitz (v.l.) feiern den Sieg – die Fans feiern mit.
Leise rieselte der Schnee vom Himmel, und in einer Ecke des Badenova-Stadions tanzte eine Gruppe von Kindern ausgelassen und wild durcheinander. So sah es von Weitem aus, was die Spieler, Trainer und Betreuer von Hannover 96 nach dem Schlusspfiff veranstalteten. Sie sprangen sich in die Arme, fuchtelten aufgeregt mit den Armen, hüpften auf der Stelle. Es war die Freude und Ausgelassenheit großer Kinder.
96 hatte in der Fußball-Bundesliga mit 2:1 beim SC Freiburg gewonnen. Das ist die nüchterne Variante. Ein 2:1-Sieg gegen einen Aufsteiger, der bereits im Hinspiel mit 5:2 bezwungen worden war. Doch in der Ecke des Stadions konnte jeder erkennen, dass das nicht irgendein Sieg war. Es war der erste Sieg nach neun Pleiten in Folge. Der erste seit dem 31. Oktober 2009 (1:0 in Köln). Der erste seit dem Suizid von Robert Enke. Der erste des Jahres. Der erste für Trainer Mirko Slomka nach sechs vergeblichen Versuchen.
Wie ein Fluch lag diese Niederlagenserie über der Mannschaft. Sie lähmte. Sie sog den letzten Rest von Selbstvertrauen aus dem Team wie ein Staubsauger. 96 wusste bis zum 6. März nicht mehr, wie sich Gewinnen anfühlt. Nach dem 2:1 in Freiburg sagte Slomka: „Das ist ein Gefühl, das uns allen sehr gut tut.“
Fußball ist manchmal verrückt. Wochenlang hatte sich das Glück den „Roten“ hartnäckig verweigert. Es war nachtragend wie eine alte Freundin, die nicht vergisst, dass man sie einmal beim Kinobesuch versetzt hat. Vielleicht hat sich das Glück aber auch gedacht, dass sie bei 96 schon ein wenig mehr tun müssen als nur interessiert zuzuschauen wie bei den kläglichen Vorstellungen gegen Werder Bremen (1:5) und Borussia Dortmund (1:4). „Geht doch“, hat sich das Glück dann womöglich nach dem beherzten 0:1 gegen Wolfsburg gesagt, die Mannschaft aber noch etwas auf die Folter gespannt, um sie dann in Freiburg mit Glück zu überhäufen.
Manchmal hat das Glück auch einen Namen, im Schneetreiben im Breisgau hieß es Papiss Demba Cisse. Nach einer 1. Halbzeit, die aussah, wie man sich Abstiegskampf in der 3. Liga vorstellt, mit unzählig vielen Fehlpässen und einer rekordverdächtigen Zahl von Bällen, die auf Höhe des Stadiondachs getreten wurden, hatte der Mann aus dem Senegal seinen großen Auftritt.
Freiburg und 96 waren vor der Pause gleich schlecht, die Gastgeber hatten eine Torchance (Mohamadou Idrissou, 18. Minute), 96 gar keine. Doch dann hatte Cisse zwei, mit denen er 96 in die 2. Liga hätte befördern können. In der 47. Minute schoss er aus fünf Metern 96-Torwart Florian Fromlowitz an. Neun Minuten später war das 96-Gehäuse nach einer hannoverschen Slapstickeinlage – Jan Durica hatte Altin Lala den Ball in den Bauch geschossen – leer, doch der Neuzugang vom FC Metz, mit 1,6 Millionen Euro Freiburgs teuerster Einkauf der Vereinsgeschichte, schob die Kugel aus vier Metern daneben. Doch das war erst die halbe Geschichte von dem Mann, der es gut mit Hannover meinte.
Als Cisse endlich traf, in der 73. Minute, war es die falsche Richtung: Per Kopf hatte er einen nicht besonders guten Freistoß von Arnold Bruggink zum 2:1 für die „Roten“ ins eigene Tor verlängert. Auch auf der anderen Seite traf Cisse noch einmal – und zwar den Pfosten (82.).
Wenn Hannover 96 am 8. Mai hoffentlich gerettet ist, dann wird man sich an diesen Tag und Monsieur Cisse erinnern. „Gegen Wolfsburg hatten wir wenig Glück, diesmal umso mehr“, sagte Slomka, der nach dem Schlusspfiff überall „aufgehellte Gesichter“ entdeckte. Slomka weiß, dass 96 mit einer Leistung wie gegen Freiburg weiter mit erhöhter Absturzgefahr am Abgrund balancieren wird. Aber er und seine Spieler wissen nun endlich, wie gewinnen geht. Es wäre mit Blick auf das Heimspiel am kommenden Sonnabend gegen Eintracht Frankfurt schön, wenn sie wieder auf den Geschmack gekommen sind.