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Porträt

Robert Enke: Viel mehr als eine Nummer 1

Robert Enke war ein 
Glücksfall und 
Leuchtturm des
 hannoverschen 
Fußballs.

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Robert Enke

Robert Enke

© Ulrich zur Nieden

Demut: Das ist vielleicht der seltenste Wesenszug bei Profifußballern in der Bundesliga. Robert Enke besaß die Gabe der Demut.

Freundlichkeit: Seit dem Sommer 2004 konnten sich die Fans beim Training der „Roten“ auf der Mehrkampfanlage, bei den Fanfesten in der Arena, bei den Fußballjugendtagen im Eilenriedestadion und auch bei jedem anderen Auftritt in der Stadt immer wieder überzeugen. „Robert, ein Autogramm bitte...!“ oder „Herr Enke, dürfen wir schnell ein Foto machen?“ Der Torwart hatte dafür immer Zeit. Zwanzigmal nach jedem Training, jeden Tag, bei jedem Wetter, nach Siegen ebenso wie nach Niederlagen, nach der Rückkehr von einem Länderspiel genauso wie nach einer Trainerentlassung – und davon hat er immerhin drei in fünf Jahren erlebt bei 96.

Präsenz: Für das Publikum da zu sein, war für Enke eine Selbstverständlichkeit. In Gesprächen machte er klar, dass er seine Wandlung zu einem Leuchtturm des hannoverschen Fußballs als skeptischer Beobachter verfolgte. Dass Rainer Schumann, der Schlagzeuger der hannoverschen Rockband Fury in The Slaughterhouse, eigens für ihn (und die Fans) die Stadionhymne „Robert Enke Nummer 1“ komponiert hat, das hat ihm natürlich geschmeichelt – aber dennoch hat er sich lange geziert, bis er sich drauf einließ, dass sie jeweils eingespielt und lauthals mitgesungen wird, wenn er eine halbe Stunde vor dem Anpfiff zum Aufwärmen den Rasen in der Arena betrat.

Bescheidenheit: Wirklich ergötzt hat er sich an der Zuneigung seiner Verehrer aber wohl nie so, wie es manch anderer Fußballstar tut. „Wie heißt du denn? Was soll ich denn schreiben, spielst du denn auch Fußball? Solche Fragen stellte er gern kleinen Jungs, die sich ihm auf dem Weg vom Trainingsplatz zum Kabinentrakt mit ihren Panini-Alben in den Weg stellten. Falsche Kumpelhaftigkeit, gespielte Fan-Nähe hat er dabei nie gezeigt. Vielmehr ehrliches Interesse, manchmal sogar Verwunderung. Ganz klar: Der Rummel war ihm nie ganz geheuer. Zwar keine große Lust, aber beileibe auch keine Last. Eher einfach eine Teil der Wirklichkeit, der er sich in Demut stellte. Das zeigt auch die Eigenart, dann und wann mit Bus und Bahn zum Training zu fahren.

Ziemlich ungewöhnlich für einen Nationalspieler, der vor seinem ausgebauten Bauernhof in Empede auch einfach in den sündteuren Luxusjeep steigen könnte. Es darf spekuliert werden, wie wenig ihm Luxus und Wohlstand bedeutet haben mögen. Nach einem Interview mit Reportern dieser Zeitung, mit denen er sich gewöhnlich im Hotel am Maschsee, einen Steinwurf von der Arena zusammensetzte, bestand er einmal darauf, die Getränke für alle zu bezahlen. „Komm, ich mach das, jetzt wo ich ein Scheißmillionär bin“, frotzelte er vielleicht eine Spur zu ernsthaft, um wirklich witzig zu sein. Seine Demut sorgte wohl sogar dafür, dass er selbst zu seinem Reichtum stets auf Distanz blieb.

Zusammengehörigkeit: Es wäre aber auch nie einem Fan oder einem Mitreisenden in der S-Bahn eingefallen, Enke zu bedrängen oder zu behelligen. Schließlich wusste man um die besondere Biographie Enkes in der Hannover und die „Roten“ eben beileibe nicht nur eine x-beliebige Station eines Profis in seiner Karriere waren. Hier Hannover als Fußballstadt, die sich ihrer Bundesligazugehörigkeit noch längst nicht dauerhaft sicher sein konnte. Und da der frühere Mönchengladbacher Torhüter, der nach dem Karriererknick beim FC Barcelona und dort die Aussortierung durch den heutigen FC-Bayern-Trainer Louis van Gaal, die Kündigung bei Fenerbahce Istanbul, ein halbes Jahr Arbeitslosigkeit und durch die 2. spanische Liga bei CD Teneriffa in die Bundesliga zurückkehrte. Sie richteten sich aneinander auf. Er wurde 96-Kapitän und Nummer 1 von Bundestrainer Joachim Löw mit großem Ansehen in der Nationalelf: „Wir brauchen Robert schnell wieder in Topform“, hatte Mannschaftskollege Per Mertesacker nach dem Länderspiel gegen Aserbaidschan in Hannover noch gesagt. Hannover und Enke – sie wuchsen zusammen. Sie feierten zusammen. Sie trauerten zusammen, als Enkes Tochter Lara, geschwächt durch einen angeborenen Herzfehler, nach einer vermeintlich harmlosen Nasenoperation starb. Und die Stadt wurde quasi mit Robert erneut Vater, als der Torhüter und seine Frau Teresa nach Jahren des Trauerns sich mit der Adoption von Tochter Leila einen Neustart ins Familienleben zutrauten.

Ehrfurcht: Das hat wohl die bisherige Beziehung Enkes zu Hannover und umgekehrt am treffendsten beschrieben. Für die Gefühlslage der hannoverschen Fußballseele in den kommenden Tagen indes scheint diese Vokabel viel zu klein. In Beileid und Mitleid werden Hannovers Fußballfans in den kommenden Tagen nach Worten suchen, um die Sprachlosigkeit zu überwinden. Und wenn der Sturm der Trauer sich legt, wird dieses Wort für Enke stehenbleiben: Demut.

[Volker Wiedersheim]

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