Nicht einmal 24 Stunden nach dem Freitod ihres Mannes Robert Enke, des Nationaltorhüters und Mannschaftskapitäns von Hannover 96, bricht sie mit einem Tabu. Sie spricht in beispielloser Offenheit über eine oft totgeschwiegene Krankheit, live übertragen von mehreren Fernsehsendern.
Schwere Depressionen haben ihren Mann, den 32-jährigen Ausnahmetorhüter, am Dienstagabend dazu getrieben, sich bei Neustadt vor einen Regionalzug und in den sicheren Tod zu stürzen. Und der Fußballprofi hat, so eröffnet Teresa Enke weiter, bereits seit Jahren an den in Schüben auftretenden depressiven Phasen gelitten. Schon seit 2003 ließ er sich ebenso regelmäßig wie insgeheim bei dem Kölner Psychiater Valentin Markser behandeln, der neben ihr auf dem 96-Podium sitzt und mit seiner Expertise Flankenschutz gibt: Hinweise auf das schrecklich Ende habe es nicht gegeben, „ein Selbstmord zeichnete sich nicht ab“, sagt Markser. „Im Nachhinein kann man sagen, dass er sehr gute Abwehrmechanismen hatte und es so verschleiern konnte, dass wir die Gefährdung nicht bemerkt haben“, erklärt der Experte. Und Teresa Enke fügt an: „Wir dachten, mit Liebe geht das.“ Nicht dieser Satz an sich, aber dass Teresa Enke dort sitzt und ihn sagt, macht das eigentliche Eingeständnis der Ohnmacht tatsächlich zu einer mächtigen Demonstration der Stärke.
Das Klicken der ausgelösten Fotokameras verdichtet sich zum grotesken Konzert, wenn Teresa Enke Regung zeigt. Beispielsweise, wenn sie mit dem Taschentuch die Nase abtupft oder mit der zittrigen Hand nervös an Ärmel oder Kragen zupft. Doch wenn sie spricht, so tut sie dies klar und eindrucksvoll – und umso erschütternder. Noch am Tag des Todes hatte Enke eine Aufnahme zur stationären Behandlung abgelehnt und seine Suizidgefahr verneint. Sie hätten schon so viele dieser schweren Zeiten durchgestanden. Auch mit Marksers Hilfe. Das sei nach der Flucht aus Istanbul so gewesen und nach dem Tod der Tochter Lara. Doch immer und so auch diesmal habe Enke sich geweigert, eine Auszeit zu nehmen. „Er wollte nicht, dass das rauskommt. Er hatte solche Angst, dass wir Leila wieder verlieren. Dabei habe ich ihm gesagt, dass es für alles eine Lösung gibt, dass das kein Problem ist“, beteuert Teresa Enke.
Die zweite große Angst sei gewesen, den Sport aufgeben zu müssen. „Fußball war sein Lebenselixier“, berichtet Teresa Enke, während sie mit verschränkten Armen und dabei auf den Tisch aufgestützten Ellbogen den Blick kurz vom Boden hebt und das Medienpublikum ins Auge fasst. Nicht wenige denken hier an Sebastian Deisler, den früheren Profi des FC Bayern München, der ebenfalls von Depressionen geplagt das Glück hatte, den Fußball los- und das Leben festhalten zu können.
Robert Enke wurde zuletzt fast täglich von seiner Frau zum Training begleitet.Doch nicht am Dienstagnachmittag. Während die Mannschaft nach dem 2:2 gegen den Hamburger SV am Sonntag einen trainingsfreien Tag hatte, sollte Enke zwei Übungseinheiten absolvieren. Am Vormittag erschien er wie geplant, wie 96-Klubchef Martin Kind am Rande der Pressekonferenz berichtet. Am Nachmittag jedoch sei Enke nicht erschienen – ohne abzusagen. Sein Freund und Manager Jörg Neblung, gestern ebenfalls in der Arena, alarmierte daraufhin Teresa Enke und die Polizei, um nach dem vermissten Profi zu suchen – vergeblich.
Psychiater Markser bestätigt schließlich, dass ein Abschiedsbrief Robert Enkes gefunden worden sei, dessen Inhalt schaudern lässt: Der Wortlaut ist nicht bekannt, wohl aber, dass Enke sich bei „seinen Angehörigen und seinem Therapeuten dafür entschuldigt, sie über seine wahren Suizidabsichten getäuscht zu haben“, sagt Markser. „Wie kann das unbemerkt bleiben“, fragt der Psychiater ins Publikum und gibt selbst die Antwort: „Das war keine typische endogene Depression. Eher eine reaktive mit dem Hang zur neurotischen Kompensation.“ Die Selbstmordgefahr war weniger akut als eher latent.“
Kind, der Enke zuletzt nach dem 2:2 im Heimspiel gegen den HSV in der Kabine gesprochen hatte und dabei das Gefühl hatte, dass Enke „sehr viel Kraft ausstrahlte“, muss später immer wieder erklären, wie ein ganzer Klub und seine medizinische Abteilung die Depressionen übersehen konnten. Er kann es nicht. Beim besten Willen. Und er verkneift sich verschleiernde Floskeln. „Wir werden das diskutieren, ob wir einen Psychologen fest im Stab der Mannschaft anstellen sollen“, sagt er dann doch – aber er klingt wenig überzeugt. Enke sei es möglich gewesen, ihn trotz des „intensiven und vertrauensvollen Verhältnisses“ zu täuschen. Selbst Teresa Enke, so zeige deren Schilderung, habe den Tod nicht verhindern können. Was soll da ein zusätzlicher Mann im Stab ausrichten, scheint Kind zu denken, aber er sagt den Satz nicht.
So bleiben viele Fragen. Teresa Enke, so die Ankündigung vor Beginn, werde keine davon beantworten. Wer hätte dafür kein Verständnis.
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