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Der Türkei droht eine Lira-Krise

Schwächelnde Währung Der Türkei droht eine Lira-Krise

Wohl noch nie in ihrer 94-jährigen Geschichte war die Türkische Republik international so isoliert wie jetzt: Bürgerkriege in den Nachbarländern Syrien und Irak, Konflikte mit Europa, Streit mit den USA, sogar die Nato-Mitgliedschaft steht zur Disposition. Kein Wunder, dass die Anleger das Vertrauen in die türkische Währung verlieren.

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Istanbul

Quelle: Sedat Suna/EPA/dpa

Ankara. Gegenüber dem Euro hat die Lira in den vergangenen vier Wochen fast acht Prozent ihres Werts eingebüßt. Seit Jahresbeginn sind es bereits 20 Prozent. Der Kursverfall verteuert Importwaren und Treibstoffe. Das heizt die Inflation an, die im Oktober fast zwölf Prozent erreichte. Die Teuerung schmälert die Kaufkraft.

Prekäre Folgen hat der Lira-Verfall für viele türkische Unternehmen. Sie haben Fremdwährungskredite von insgesamt rund 200 Milliarden Dollar aufgenommen und müssen nun für deren Bedienung immer mehr Lira aufwenden. Das bremst die Investitionen und zehrt an der finanziellen Substanz vieler Firmen.

Die türkische Zentralbank versucht gegenzusteuern und verteuerte jetzt die Ausleihungen für die Geschäftsbanken. Aber eine Anhebung der Leitzinsen wagt Zentralbankchef Murat Cetinkaya bisher nicht. Er muss fürchten, damit Erdogan zu erzürnen. Der Staatschef, der nach eigenen Angaben Wirtschaftswissenschaften studiert hat, vertritt die unorthodoxe Ansicht, dass man die Inflation mit Zinssenkungen bekämpfen muss.

Ankara zeichnet ein rosiges Bild

Spekulationen, dass die Notenbank trotz Erdogans Widerstand in Kürze die Leitzinsen anheben wird, um die Inflation zu dämpfen und die Währung zu stützen, sorgten am Donnerstag für eine leichte Erholung der Lira. Sie konnte gegenüber dem Dollar 0,3 Prozent zulegen. Aber der Konflikt schwelt weiter. Offen stellt Erdogan inzwischen die Unabhängigkeit der Zentralbank infrage. „Ihr seid auf dem falschen Weg“, herrschte er die Währungshüter an. Die Aussicht, dass der Staatschef die Zentralbank entmachtet und die Geldpolitik an sich zieht, alarmiert die Anleger.

Die türkische Regierung zeichnet zwar ein rosiges Bild von der wirtschaftlichen Entwicklung. Die staatliche Statistikbehörde Turkstat meldete für die ersten beiden Quartale jeweils fünf Prozent Wachstum. Erdogan erwartet übers Jahr sogar sieben Prozent. Aber viele Analysten zweifeln an den offiziellen Zahlen, seit Turkstat Ende 2016 neue Berechnungsmethoden einführte, die das Bruttoinlandsprodukt sprunghaft ansteigen ließen.

Hinzu kommen politische Risiken. Besorgt blickt man in Ankara nach New York, wo Anfang Dezember der Prozess gegen den iranisch-türkischen Geschäftsmann Reza Zarrab beginnt. Zarrab soll mit dubiosen Goldtransaktionen das Iran-Embargo unterlaufen haben. Mitangeklagt sind der ehemalige Vizechef der staatlichen Halkbank und, in Abwesenheit, Erdogans früherer Wirtschaftsminister Zafer Caglayan.

„Probleme mit den USA und dem Westen sind vorübergehend“

Die U.S.-Ankläger glauben beweisen zu können, dass Caglayan und andere Politiker von Zarrabs illegalen Geschäften wussten und Bestechungsgelder kassierten. Als möglichen Mitwisser nennen die Ankläger auch Erdogan.

Das Verfahren könnte unabsehbare Folgen haben, von Milliardenbußen der USA gegen die Halkbank bis hin zu einer Anklage gegen Erdogan. Der türkische Vizepremier Bekir Bozdag sieht in dem Prozess ein „Komplott“ gegen die Türkei und beschuldigt die U.S.-Justiz, sie bereite einen neuen Putschversuch gegen Erdogan vor. Erdogans Chefberater Yalcin Topcu kündigt sogar an, die Türkei werde ihre Nato-Mitgliedschaft „überdenken“. So schürt die Regierung den Konflikt mit den USA. Ohnehin sind die Beziehungen wegen Erdogans zunehmender Anlehnung an Kremlchef Putin und des Kaufs russischer Flugabwehrraketen stark strapaziert. Diese Spannungen verunsichern die Finanzmärkte.

Der für Finanzen und Wirtschaft zuständige Vizepremier Mehmet Simsek, ein früherer Investmentbanker, dürfte die Brisanz des Lira-Absturzes erkennen. Aber Kritik an Erdogans Kurs wagt auch er nicht. Simsek versucht, die Anleger zu beruhigen: Es gebe „keinen Grund zur Panik“. Die „Probleme mit den USA und dem Westen sind vorübergehend“, versichert der Vizepremier.

Von Gerd Höhler / RND

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