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Deutschland / Weltweit Eon plant Umbau ohne Stellenabbau
Nachrichten Wirtschaft Deutschland / Weltweit Eon plant Umbau ohne Stellenabbau
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22:06 01.12.2014
Von Stefan Winter
Radikalkur: Eon will das frühere Hauptgeschäft mit Atom, Kohle und Gas abgeben. Quelle: dpa
Düsseldorf

Deutschlands größter Energiekonzern e.on plant einen radikalen Umbau. Das traditionelle Geschäft mit Strom aus Kohle- und Gaskraftwerken soll abgespalten und an die Börse gebracht werden. Mittelfristig werde man sich aus diesem neuen Unternehmen mit rund 20 000 Mitarbeitern völlig zurückziehen, teilte e.on gestern Abend nach einer Aufsichtsratssitzung mit. Der Düsseldorfer Konzern will sich auf erneuerbare Energien, Energienetze und Dienstleistungen konzentrieren. „Das bisherige breite Geschäftsmodell wird den neuen Herausforderungen nicht mehr gerecht“, erklärte Vorstandschef Johannes Teyssen. „e.on wird sich Wachstumspotenziale aus der Umgestaltung der Energiewelt erschließen.“

Der hoch verschuldete Konzern leidet seit Jahren massiv unter den Folgen der Energiewende und eigener Fehlinvestitionen. Auch hier will Teyssen reinen Tisch machen: Beteiligungen und Anlagen werden neu bewertet. Die Folge sind zusätzliche Abschreibungen von 4,5  Milliarden Euro, die den Konzern in diesem Jahr tief in die roten Zahlen drücken werden. Die Aktionäre tröstet e.on mit einer garantierten Dividende von 0,50 Euro je Aktie für dieses und das nächste Jahr.

Eon setzt auf Unterstützung der Politik

Bis 2016 sollen die Umbaupläne realisiert sein. Der Aufsichtsrat habe sie gestern einstimmig, also mit den Stimmen der Arbeitnehmervertreter, beschlossen. Zunächst werden die Geschäftsfelder konventionelle Energieerzeugung, globaler Energiehandel und Exploration sowie Produktion in eine neue Gesellschaft ausgegliedert, die 2016 an die Börse gehen soll. Die Mehrheit der Aktien wird an die e.on-Aktionäre verteilt, nur eine Minderheit bleibt beim Konzern. Auch diese Anteile will e.on schrittweise „über einen mittelfristigen Zeitraum“ an der Börse verkaufen. Das neue Unternehmen werde seinen Sitz in der Region Rhein-Ruhr haben und den 20 000 Mitarbeitern „gute Perspektiven“ bieten. Das Modell schaffe „bessere Voraussetzungen zur Sicherung der Arbeitsplätze in einem veränderten Marktumfeld“. Von Arbeitsplatzgarantien ist in der Mitteilung allerdings keine Rede.

Zu den konventionellen Anlagen zählen auch Atomkraftwerke, die schrittweise bis 2022 abgeschaltet werden müssen. Ob das durch die neue Gesellschaft abgewickelt werden soll, blieb gestern ebenfalls offen.

Die verbleibende e.on mit 40 000 Mitarbeitern will durch die Abspaltung und weitere Verkäufe finanziellen Spielraum für Investitionen bekommen. Ein besonderer Schwerpunkt sei der Ausbau der Windenergie in Europa und „ausgewählten weiteren Zielmärkten“. Auch das Geschäft mit Photovoltaik werde intensiviert, die Verteilnetze in Europa sollen aufgerüstet werden, um „neue Produkte rund um das Thema Energieeffizienz und dezentrale Erzeugung“ möglich zu machen.

Die beiden künftigen Unternehmen sollen mit ihren Geschäftsmodellen unterschiedliche Anleger ansprechen. e.on stehe künftig für „attraktive Erträge und klare Wachstumschancen“. Die abgespaltene Gesellschaft mit dem traditionellen Geschäft verspreche kontinuierlichen Mittelzufluss – was in erster Linie Finanzinvestoren interessiert.

Durch den Eon-Umbau sind nach Ansicht von Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel (SPD) weder Jobs noch die Milliarden-Atom-Rückstellungen gefährdet. "Wir gehen davon aus, dass die Arbeitsplätze in beiden Unternehmen gesichert bleiben", sagte Gabriel in Berlin. Der Staat sei an einem Einstieg nicht interessiert, betonte der SPD-Chef. Sorgen, dass Eon sich beim Atomausstieg aus der Verantwortung ziehen könnte, seien unbegründet, so Gabriel. Dies sei gesetzlich klar geregelt: "Wir passen auf, dass die Rückstellungen für den Rückbau von Atomkraftwerken und die nukleare Entsorgung gesichert bleibt." Er sei bereits am Wochenende vorab von Eon über die Pläne informiert worden, sagte der Minister. Er sei erstaunt gewesen, wie rasch der Düsseldorfer Konzern nun auf die völlig veränderten Bedingungen am Energiemarkt reagiert habe.

Auswirkungen auf Hannover noch offen

Eon hat in Hannover bereits jede vierte Stelle gestrichen. 300 von 1300 Beschäftigten mussten sich bereits im April dieses Jahres für einen Wechsel nach Essen zu. Der Konzern hat dort die Führung von zwei Kraftwerksgesellschaften zusammengefasst. Bisher steuerte das Unternehmen seine Kohle- und Atomkraftwerke aus Hannover – die Sparte für die erneuerbaren Energien sitzt in Essen. Wie sich Radikalkur auf Hannover auswirkt, ist noch offen.

 

„Atomkosten sollen auf den Staat abgewälzt werden“

Herr Minister Wenzel, e.on verabschiedet sich von der Kernenergie. Es gibt einige Atomanlagen in Niedersachsen. Was bedeutet dieser radikale Schritt für das Land?

Die neue Konzernlinie lässt leider nicht vermuten, dass man Kernkraftwerke abschalten will, sondern dass man sich lediglich aus der finanziellen Verantwortung für die Folgen der Nutzung der Atomkraft verabschieden will.

Aber zum Abschalten der Kernkraftwerke gibt es klare Regeln und auch einen gültigen Ausstiegsbeschluss, nach dem der letzte Atommeiler 2022 vom Netz gehen soll. Der Part ist geregelt. Aber was bedeutet es für den beschlossenen Atomausstieg, wenn sich der bedeutendste Energiekonzern Deutschlands von seinem Kerngeschäft im doppelten Wortsinn lossagt?

An der Nutzung der Atomenergie hängt auch immer die Frage, wer für viele hunderttausend Jahre die Kosten übernimmt für die sichere Lagerung des Atommülls und den sicheren Rückbau der Meiler. Es ist heute durch ein Bundesgesetz noch so geregelt, dass die Verursacher auch für alle Folgekosten aufkommen. Mit der jetzt vorgestellten neuen Konzernstrategie könnte eine Situation entstehen, in der alle Kosten auf den Staat abgewälzt werden könnten. Denn derzeit haben wir rechtliche Regeln, die 2022 auslaufen.

Was muss die Bundesregierung tun, um das Verursacherprinzip zu erhalten?

Man müsste eine dauerhafte gesetzliche Pflicht verankern, die garantiert, dass die Konzerne sich nicht einfach aus ihrer Verantwortung mogeln können. Zusätzlich müssen die Rückstellungen, die derzeit noch in den Konzernbilanzen stehen, in einen öffentlich-rechtlichen Fonds überführt werden, um zu verhindern, dass am Ende der Steuerzahler bluten muss.

Aber die Bildung eines solchen Fonds oder einer Stiftung war doch der Vorschlag, der Anfang des Jahres aus der Energiebranche kam, jedoch auch von Ihnen wie anderen Politikern empört zurückgewiesen wurde?

Die Konzerne wollten ihre Rückstellungen nicht in einen öffentlich-rechtlichen Fonds überführen, sondern dem Staat ihre Altlasten einfach schenken oder vererben. Nur wäre dies ein zweifelhaftes Erbe, weil die Kosten für die gesamte nukleare Entsorgung dann an die allgemeine Öffentlichkeit weitervererbt werden würden. Wir rechnen da mit Größenordnungen von 60 bis 70 Milliarden Euro für alle vier Atomkonzerne, die etwa 35 Milliarden Euro zurückgelegt haben. Es könnte aber auch deutlich mehr werden.

e.on steigt aus und will die Kernkraftwerke abgeben. Wer kauft heute noch ein Kernkraftwerk in Deutschland?

Ich glaube nicht, dass sich jemand eine solche Altlast ans Bein bindet.

Wird e.on nach ihrer Meinung also auf seinen Kraftwerken sitzen bleiben?

Die Konzerne haben mit der Kernkraft lange Zeit sehr, sehr viel Geld verdient. Damit stehen sie in Verantwortung für die angefallenen Altlasten und den entstandenen Atommüll. Niemand kann sich einfach davonmachen. Jeder kleine Handwerker oder mittelständische Betrieb muss für die Beseitigung seiner Abfälle aufkommen sowie für die Sanierung seines Grundstückes.

Die Politik hat die konventionelle Energie, auch die Kernenergie durch den gesetzten Rahmen unwirtschaftlich gemacht. Können Sie es nicht verstehen, wenn ein betriebswirtschaftlich denkendes Unternehmen sich da zurückzieht?

Nein. Dass der Konzern jetzt keine Zukunft mehr sieht, hat er seinen eigenen Vorständen zu verdanken, die Milliarden in Südeuropa versenkt haben. Auch das zu lange Festhalten an der Atomenergie, der Versuch, den Atomausstieg noch einmal auszuhebeln und die lange Missachtung der Möglichkeiten der regenerativen Energie – das rächt sich jetzt.

Halten Sie es für möglich, dass der deutsche Staat die Atomkraftwerke übernimmt? Dann könnten Sie die Meiler doch sofort abschalten?

Übernehmen nein. Abschalten könnten die Konzerne sofort.

Mit dem niedersächsischen Umweltminister Stefan Wenzel sprach Michael B. Berger

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