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Deutschland / Weltweit Land verweigert Winterkorn und Diess Entlastung
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06:38 23.06.2016
VW-Aufsichtsrat Hans Dieter Pötsch entschuldigt sich in der Hauptversammlung für den Abgas-Skandal. Quelle: dpa/Peter Steffen
Hannover

Die Landesregierung geht auf Distanz zu den anderen Großaktionären bei Volkswagen. Überraschend enthielt sich das Land auf der Hauptversammlung gestern bei der Entlastung für den früheren Vorstandschef Martin Winterkorn und VW-Markenchef Herbert Diess. Am Montag war bekannt geworden, dass die Staatsanwaltschaft Braunschweig nach einer Anzeige der Finanzaufsicht BaFin gegen beide Manager wegen Manipulation des Finanzmarkts ermittelt. Ihnen wird vorgeworfen, Informationen über den Abgas-Skandal zu spät veröffentlicht haben.

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Trotz der Ermittlungen blieb der Aufsichtsratsvorsitzende Hans Dieter Pötsch auf der Hauptversammlung in Hannover bei seiner Haltung, dass allen Vorstands- und Aufsichtsratsmitgliedern Entlastung für das Jahr 2015 erteilt werden sollte. Die Entlastung hat keine konkreten Folgen, ist aber ein ausdrücklicher Vertrauensbeweis der Aktionäre für die Manager.

Bei der Abstimmung am späten Abend vor leeren Rängen kam es zum Bruch der Großaktionäre: Winterkorn und Diess bekamen nur die Stimmen der Familien Porsche und Piëch und des Emirats Katar. Die 20 Prozent des Landes fehlten. Man habe sich schlecht über den Verdacht zweier staatlicher Stellen gegen die beiden Manager hinwegsetzen können, hieß es in Kreisen der Landesregierung. Vor der Hauptversammlung waren offenbar Versuche von Ministerpräsident Stephan Weil (SPD) im Aufsichtsrat gescheitert, die anderen beiden Großaktionäre ebenfalls auf diese Linie zu bringen. Am Ergebnis ändert der Bruch nichts: Auch Winterkorn und Diess sind damit entlastet. Das Verhältnis zwischen dem Land und den Aktionärsfamilien, das seit Wochen belastet ist, steht aber vor einer weiteren Belastungsprobe.

Viel Kritik – und eine Entschuldigung

Vor der Abstimmung hatten die Aktionäre auf der Hauptversammlung in Hannover stundenlang heftige Kritik an der VW-Führung und der ihrer Ansicht nach schlechten Aufarbeitung von „Dieselgate“ geübt. Vorstand und Aufsichtsrat warben dagegen um Vertrauen für einen Neubeginn. Pötsch entschuldigte sich für den Skandal um manipulierte Diesel-Motoren.

Gerd Kuhlmeyer, Vorsitzender der Gemeinschaft der VW-Belegschaftsaktionäre zeigte sich „sprachlos und schockiert“ über den Diesel-Skandal. Viele in der Belegschaft hätten das Vertrauen in das Management verloren. „Ich kenne viele, denen bei dem Thema die Tränen in den Augen stehen.“

Auch die schwache Rendite der Kernmarke VW machte den Aktionären Sorgen. „Wir wollten in einen Weltmarktführer investieren, bekommen haben wir den Weltkostenführer“, wetterte Christian Scholl von der Fondsgesellschaft Deka. Bei VW fertige ein Mitarbeiter im Jahr 13 Autos, bei Toyota seien es pro Kopf 28 Fahrzeuge.

Mehrere Aktionäre beantragten die Abwahl von Pötsch als Leiter der Versammlung. Gegen die Macht der Großaktionäre, darunter die Familien Porsche und Piëch, hatten sie aber keine Chance. Reihenweise betonten die Redner, dass sie Pötsch nicht in den Aufsichtsrat wählen wollen. Die Nachwahl ist nötig, da Pötsch im Oktober nur per Gericht in das Kontrollgremium bestellt wurde.

„Wir bedauern aufrichtig, dass durch die Diesel-Thematik ein Schatten auf dieses großartige Unternehmen fällt“, sagte Pötsch. Niemand habe sich im Unternehmen vorstellen können, dass so etwas bei Volkswagen möglich sein könne. Auch Konzern-Chef Matthias Müller versuchte, die nach VW-Angaben rund 3000 anwesenden Aktionäre zu beruhigen. „Ein Schock wie die Diesel-Thematik kann auch heilsam sein“, sagte er – und bekräftigte, die Struktur des Konzerns überarbeiten zu wollen. Unter anderem ein neues Führungsmodell soll den Konzern, der zuletzt rasant auf mehr als 600.000 Beschäftigte gewachsen ist, zukunftsfähig machen. Dazu gehört für Müller vor allem mehr Flexibilität. „Zu glauben, man könne einen Weltkonzern wie unseren in all seinen Verästelungen aus der niedersächsischen Ebene lenken, ist eine Illusion.“

Auch Konzern-Chef Matthias Müller versuchte, die rund 3000 anwesenden Aktionäre zu beruhigen und bekräftigte, die Struktur des Konzerns überarbeiten zu wollen. „Zu glauben, man könne einen Weltkonzern wie unseren in all seinen Verästelungen aus der niedersächsischen Ebene lenken, ist eine Illusion.“   

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