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Welche Versicherungen brauche ich wirklich?

Sicherheitswoche Welche Versicherungen brauche ich wirklich?

Der Markt mit Versicherungspolicen boomt: Mittlerweile gibt es für jede Lebenssituation die richtige Police. Doch reicht das auch aus? Und wann ist es zu viel des Guten? Ein Leitfaden.

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„Die Deutschen sind falsch versichert“

Bitte hier unterschreiben: der Versicherungsmarkt wächst. 64 Milliarden Euro jährlich zahlen Bundesbürger an Beiträgen für Schaden- und Unfallversicherungen.

Quelle: dpa

Hannover. Mit Versicherungen ist das so eine Sache: Es ist besser, eine zu haben und sie nicht zu brauchen, als eine zu brauchen und sie nicht zu haben. Ein Gedanke, der hierzulande weit verbreitet zu sein scheint. Knapp 2400 Euro gibt jeder Bundesbürger im Jahr für Versicherungsbeiträge aus. Ist das zu viel? Die Versicherungswirtschaft verneint und verweist auf die Schweiz, wo dieser Wert bei 6600 Euro liegt. Die Griechen kommen allerdings mit 326 Euro auch irgendwie hin.

Versicherungen, die jeder haben sollte

Unstrittig ist, dass es eine Reihe von Versicherungen gibt, die jeder abgeschlossen haben sollte. An erster Stelle gehört sicher die Krankenversicherung dazu. Egal, ob gesetzlich oder privat versichert – ohne diesen Schutz kann jeder Krankenhausaufenthalt zum existenzbedrohenden Risiko werden. Seit 2007 sind Bundesbürger sogar per Gesetz zur Krankenversicherung verpflichtet. Trotzdem kamen 2015 noch 80.000 Menschen dem nicht nach.

Fachleute wie Hermann-Josef Tenhagen vom Ratgeberportal „Finanztip“ empfehlen darüber hinaus eine Haftpflichtversicherung und eine Berufsunfähigkeitsversicherung.

Bei der Privathaftpflicht ist eine hohe Deckungssumme wichtig. Zwischen 20 Millionen und 50 Millionen Euro sollte die liegen. Für Verheiratete oder Menschen, die in einer eheähnlichen Gemeinschaft leben, genügt eine gemeinsame Police. Nach Angaben der Verbraucherzentralen sind Beitragsunterschiede von mehr als 200 Prozent möglich, und die Leistungen unterscheiden sich auch erheblich.

Eine Berufsunfähigkeitsversicherung (BU) erhalten junge Versicherte noch zu günstigen Konditionen, später wird es deutlich teurer. Die BU springt zum Beispiel mit einer Rentenzahlung ein, wenn der Versicherte seinen Beruf nicht mehr ausüben kann. Kunden sollten darauf achten, dass in der Police die sogenannte abstrakte Verweisung ausgeschlossen ist, raten die Verbraucherzentralen. Sonst kann die Versicherung im Fall der Fälle verlangen, dass irgendein anderer Beruf ausgeübt wird, solange er auch nur theoretisch möglich wäre. Verbraucherschützer raten zudem, eine BU als selbstständige Versicherung abzuschließen und nicht in Kombination mit einer Lebens- oder Rentenversicherung.

Ein Muss für Immobilienbesitzer ist die Wohngebäudeversicherung. Sie reguliert Schäden durch Sturm, Hagel, Feuer und Blitzschlag. Wer in gefährdeten Gebieten wohnt, sollte seine Immobilie zudem gegen Überschwemmungen, Erdrutsche, Erdsenkungen, Erdbeben oder Lawinen versichern. Die entsprechende Elementarschadenversicherung gibt es als Zusatz zur Hausrat- oder Wohngebäudeversicherung. Sie ist in Risikogebieten aber oft schwer zu bekommen oder teuer.

Eine Kfz-Haftpflichtversicherung wird am meisten abgeschlossen

Eine Kfz-Haftpflichtversicherung wird am meisten abgeschlossen.

Quelle: RND-Grafik; Quelle: GDV

Sinnvoll, aber kein Muss

Neben diesen wichtigsten Policen gibt es eine Reihe anderer Verträge, über die man je nach persönlicher Situation nachdenken sollte.

Vor allem für junge Familien kann eine Risikolebensversicherung hilfreich sein, wenn ein Elternteil stirbt. „Alleinerziehend zu sein gehört zu den größten Armutsrisiken in Deutschland“, sagt Tenhagen. Die Police sichert die Hinterbliebenen ab.

Wer sein Heim mit teuren Möbeln und anderen wertvollen Einrichtungsgegenständen ausstaffiert hat, sollte eine Hausratversicherung in Erwägung ziehen. Sie ersetzt beispielsweise bei einem Wasserschaden Kleider, Möbel und Elektrogeräte.

Die Hundehaftpflichtversicherung ist in Berlin, Hamburg, Niedersachsen, Sachsen-Anhalt, Schleswig-Holstein und Thüringen für alle Hundehalter vorgeschrieben. In Brandenburg besteht die Pflicht nur für gefährliche Hunde, in Nordrhein-Westfalen nur bei Hunden mit einer Körpergröße von mehr als 40 Zentimetern. Kampfhunde müssen in allen Bundesländern außer in Mecklenburg-Vorpommern versichert sein. Weil Hunde von der Privathaftpflicht nicht abgedeckt sind, kommt die spezielle Police für Schäden auf, die das eigene Tier verursacht.

Die Versorgung betagter Menschen ist teuer. Weil die gesetzliche Pflegeversicherung nur einen Teil der Kosten abdeckt, kann eine private Pflegezusatzversicherung helfen. Die ist vor allem für Menschen sinnvoll, die absehbar im Alter über kein relativ hohes Einkommen verfügen werden. Der Staat fördert unter bestimmten Voraussetzungen den Abschluss einer privaten Zusatzversicherung mit dem sogenannten Pflege-Bahr – benannt nach dem früheren Gesundheitsminister Daniel Bahr – in Höhe von 5 Euro pro Monat.

Was die Krankenkasse nicht zahlt

Für gesetzlich Krankenversicherte gibt es viele private Zusatzversicherungen. Einige können nützlich sein. Preise und Leistungen unterscheiden sich aber sehr.

Gesetzlich Krankenversicherte sollten außerhalb von Deutschland mit einer Auslandsreisekrankenversicherung unterwegs sein. Sie zahlt Behandlungen und medizinisch notwendige Rücktransporte, die bei vielen Kassen nicht oder nur teilweise abgedeckt sind. Alleinreisende müssen dafür nicht mehr als 10 Euro jährlich ausgeben, Familien rund 30 Euro.

Wer jung ist, kann eine Zahnzusatzversicherung abschließen. Die gesetzliche Kasse zahlt nur Festbeträge für Zahnersatz, das reicht oftmals nur für eine einfache Grundversorgung.

Die Krankentagegeldversicherung fängt bei einer schweren Erkrankung den Einkommensausfall auf. Das kann gerade für Selbstständige und Besserverdiener wichtig sein, weil das Krankengeld nicht mit dem Einkommen steigt.

Spezielle Fälle

Den Nachwuchs bis zum Ende der Ausbildung mit einer Kinderinvaliditätsversicherung abzusichern kann sinnvoll sein. Danach brauche das Kind aber eine Berufsunfähigkeitsversicherung, sagt Tenhagen.

Eine Unfallversicherung zahlt nur in schweren Fällen, die eine Behinderung zur Folge haben

Eine Unfallversicherung zahlt nur in schweren Fällen, die eine Behinderung zur Folge haben.

Quelle: dpa

Zu einer Unfallversicherung rät der Experte allenfalls als Notlösung, wenn eine Berufs- oder Erwerbsunfähigkeitsversicherung nicht möglich sind. Die Unfallversicherung zahlt bei schweren Unfällen, die in einer Behinderung münden. Aber nur 2 Prozent aller Schwerbehinderungen seien Folge eines Unfalls, erläutert Tenhagen. Viel häufiger sei eine Krankheit die Ursache.

Nur wer eine besonders teure Reise gebucht hat und häufig krank wird, muss sich über eine Reiserücktrittsversicherung informieren.

Kapitalbildende Lebensversicherung auf dem Rückzug

Der Deutschen liebste Altersvorsorge war die klassische kapital- oder fondsgebundene Lebensversicherung. Wegen der seit Jahren sehr niedrigen Zinsen in der Euro-Zone und der Kosten einer solchen Police lohnt sich der Neuabschluss derzeit aber nicht. „Oft kommt nicht einmal mehr der über Jahre eingezahlte Betrag dabei heraus“, sagt Bianca Boss vom Bund der Versicherten. Grundsätzlich sollte man ohnehin Versicherung und Geldanlage voneinander trennen, rät sie.

Wo gibt es Informationen?

Die Verbraucherzentralen in den Bundesländern bieten eine unabhängige Beratung an. Wer sich vorab informieren möchte, findet Einzelheiten zu Fallstricken auf den Internetseiten der Verbraucherzentralen oder beim Onlineportal „Finanztip“. Auch der Bund der Versicherten (www.bundderversicherten.de) gibt auf seinem Portal Entscheidungshilfen. Die Stiftung Warentest (www.test.de) hält ebenfalls Tipps bereit und vergleicht zudem regelmäßig die Angebote der Versicherungsunternehmen.

Wie erkenne ich, ob eine Versicherung überflüssig ist?

„Enormen Einfallsreichtum“ bescheinigt der Bund der Versicherten (BdV) den Unternehmen beim Erfinden neuer Policen. Es sei aber nicht so schwer, unnötige Angebote zu erkennen, sagt Bianca Boss vom BdV. Man sollte sich nur fragen, ob eine Versicherung wirklich ein existenzbedrohendes Risiko abdeckt.

Eine Brillenversicherung etwa springe ohnehin nur bei mindestens zwei Jahre alten Sehhilfen ein und trage auch nicht die Kosten für höherwertige Gläser. Ähnlich nutzlos sei eine Handyversicherung , die nur den Zeitwert des Mobiltelefons zahlt – und der sinkt schnell. Wer braucht eine Insassenunfallversicherung ? Niemand, sagt Boss. Sie biete nichts, was nicht die eigene Kfz-Haftpflicht oder die eines Unfallgegners abdecke. Als besonders widersinnig gilt die Reisegepäckversicherung : Nur wer seinen Koffer ständig im Blick hat, bekommt Ersatz – wird ihn aber wohl nie verlieren. Wer nicht hingeschaut hat, gilt vielen Versicherern als grob fahrlässig.

Wer seine Angehörigen von Beerdigungskosten entlasten will, sollte Geld beiseitelegen, statt es in eine Sterbegeldversicherung zu stecken. Bei langer Laufzeit zahle man da häufig mehr ein, als die Hinterbliebenen am Ende herausbekommen, sagt Boss. Ähnlich sei es mit der Krankenhaustagegeldversicherung (nicht zu verwechseln mit der Krankentagegeldversicherung , die für einige Menschen durchaus sinnvoll sein kann).

Gegen „häusliche Notfälle“ müsse sich auch niemand versichern. Sperrt man sich aus oder streikt die Heizung, holt man eben den Notdienst. Das koste in der Regel nicht mehr als jahrelange Versicherungszahlungen.

Von Helmuth Klausing/RND

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