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Wenn der Chef in einer eigenen Welt lebt

Leitartikel Wenn der Chef in einer eigenen Welt lebt

Unter der Pleite von Air Berlin haben viele zu leiden. Mitarbeiter bangen um ihre Jobs. Kunden haben ihre Tickets verloren. Die Politik muss mit einer Bürgschaft aushelfen. Nur für den Chef des Unternehmens geht der Konkurs gut aus. Dahinter steckt ein Fehler im System, meint Stefan Winter.

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Air-Berlin-Chef Thomas Winkelmann bekommt trotz Pleite eine hohe Prämie.

Quelle: dpa

Berlin. Chefs, die ihr Amt antreten, bersten vor Selbstvertrauen und Zuversicht. Es scheint in ihrer Welt nichts anderes zu geben als die Selbstaufgabe für den Erfolg dieses großartigen Unternehmens. Komischerweise haben sie sich noch kurz davor besonders intensiv mit ihrem Scheitern beschäftigt: Abfindungsregeln gehören zu den wichtigsten Bestandteilen des Arbeitsvertrags im Topmanagement. „Meine Aufgabe ist es, Air Berlin zum Erfolg zu führen“, sagte Thomas Winkelmann, als er im Februar an die Spitze der Fluggesellschaft rückte. Die Aufgabe hat Winkelmann nicht erfüllt, aber das sah er wohl kommen: Der erfahrene Manager ließ das Gehalt aus seinem Fünfjahresvertrag insolvenzgeschützt absichern. So kommt es, dass in der Air-Berlin-Pleite viele verlieren: Lieferanten, Mitarbeiter, Kunden, die Sozialversicherung. Nur der Chef steht mit rund vier Millionen Euro da, als habe es die Pleite – für die er tatsächlich nichts kann – nie gegeben.

Es ist ein weiterer Fall in der Kette der Instinkt- und Maßlosigkeiten, die nicht nur die weniger privilegierte Öffentlichkeit empören, sondern zunehmend die Politik nerven – die Kanzlerin vorneweg. Es ist schließlich der gleiche Winkelmann, der erst um Bürgschaften bat und dann einen Überbrückungskredit des Staates bekam. Schlechtes Licht, das auf ihn und den Fortgang der Air-Berlin-Dinge fällt, streift auch die Regierung. Angela Merkel wird sich bestärkt fühlen in ihrer Geringschätzung für die Managementkaste. Sie hat es früh mit den Spitzen der Energiewirtschaft und später mit denen der Autobranche gelernt: Auf die selbstbewussten Konzernherren ist kein Verlass, ihr Gespür für alles jenseits der Firma unterentwickelt.

Doch es geht vor allem bei den üppigen Abfindungsregeln um mehr als Instinktlosigkeit. Sie sind Fehler im System, denn sie hebeln den Urzusammenhang des Wirtschaftens aus: die Kopplung von Chance und Risiko. Wer einmal ins Vorstandsbüro einer großen Aktiengesellschaft eingezogen ist, hat riesige persönliche Chancen, aber praktisch kein finanzielles Risiko mehr. Misserfolg oder Rausschmiss machen fortan nur noch den Unterschied zwischen großem und kleinerem Reichtum. Während Sonntagsreden das Unternehmertum preisen, wird peinlich genau darauf geachtet, im Arbeitsvertrag das Unternehmerrisiko auszuschließen. Es sind keineswegs nur Neider, die das kritisieren: Auch mittelständische Chefs und vor allem selbstständige Unternehmer, die wirklich im Risiko stehen, erregen sich über die Vollkasko-Verträge. Zum Unternehmenserfolg tragen sie rein gar nichts bei. Sie sind weder Motivation, noch geben sie strategische Leitlinien. Sie fördern im Gegenteil die Selbstzufriedenheit und tragen auch nicht erkennbar dazu bei, die Besten zu holen.

Von Stefan Winter

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