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Deutschland / Weltweit Wütende Osteuropäer bei „Nutella-Gipfel“ in Brüssel
Nachrichten Wirtschaft Deutschland / Weltweit Wütende Osteuropäer bei „Nutella-Gipfel“ in Brüssel
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17:50 27.07.2017
Der bekannte Nuss-Nougat-Aufstrich gehört zu den beanstandeten Lebensmitteln. Quelle: dpa
Brüssel

Jean-Claude Juncker hat einen neuen Spitznamen weg: „Käpt’n Iglo“ wird er schmunzelnd in Brüsseler Diplomatenkreisen genannt. Schließlich musste sich der EU-Kommissionspräsident an seinem ersten Urlaubstag gestern noch mit einem besonders pikanten Thema herumschlagen: Zu Gast war der slowakische Ministerpräsident Robert Fico und der wollte vor allem über Fischstäbchen, Nutella und Waschmittel reden.

„Das ist kein kleines Thema, das ist ein europäisches Problem“, sagte er warnend mit Blick auf die Populisten im eigenen Land. Um eventuelle Kritiker aus dem Feld zu schlagen, unterstrich er: „Wenn wir das Thema nicht ernstnehmen, tun es andere. Und das müssen wir verhindern.“

Hühnchenreste in Schweinefleisch-Produkten

Vor wenigen Wochen hatten die vier Regierungschefs der sogenannten Visegrád-Gruppe (Slowakei, Polen, Tschechien und Ungarn) bereits ein Eingreifen der Kommission gefordert, weil unabhängige Untersuchungen von namhaften Institutionen feststellten, dass die großen Lebensmittel-Ketten minderwertige Nahrungsmittel in den Osten der Gemeinschaft liefern: billige Reste statt Fisch in den gleichnamigen Stäbchen, Hühner-Überbleibsel in Schweinefleisch-Produkten.

Die Lebensmittelbehörde in Sofia habe erst am Mittwoch dieser Woche die Ergebnisse eine Erhebung veröffentlicht, berichtete Fico, bei der gleiche Produkte aus Geschäften in Bulgarien, Deutschland und Österreich untersucht worden waren. Fazit: Im Osten enthielt ein Schokoladen-Dessert weniger Milch und Kakao als im Westen. Bei sieben von 31 Proben gab es auffällige Abweichungen bei Bestandteilen, Geschmack oder Preis (bei gleicher Größe).

Nutella ist weniger cremig

Die Lebensmittelkrise schwelt schon seit Wochen und wird in den Medien gerne „Nutella-Krieg“ genannt. So hatte Ungarn bemängelt, dass der Aufstrich weniger cremig sei als im Nachbarland Österreich. Auch über den Geschmack von Coca Cola hat sich Ungarn beschwert. Das Getränk sei weniger „vollmudig“.

„Was würden Sie denn sagen, wenn in Ihrem Land Waschmittel 20 Prozent weniger aktive Substanzen enthielten und die Hersteller sich darauf berufen, dass Ihre Bürger heißeres Wasser zum Waschen benutzen?“, so Fico weiter.

Juncker hofft auf Bewegung in der Flüchtlingsfrage

Juncker („Ich glaube nicht, dass die Produkte unterschiedlich schmecken“) versprach Abhilfe. Da ein neues EU-Gesetz zu lange dauerte, sagte er kurzfristig neue Leitlinien zu, die bereits im September vorlegt würden. Inhalt: Die derzeitige Verbraucherschutz-Richtlinie zur Lebensmittelqualität soll strenger gefasst und unmissverständlicher ausgelegt werden.

Dass die Kommission sich willig zeigte, die Sorgen der 65 Millionen Verbraucher in den vier Ost-Familienmitgliedern der EU ernst zu nehmen, entspannte die Atmosphäre erkennbar. Was aber vor allem auch daran liegen dürfte, dass Fico in Sachen Flüchtlinge neue Offenheit signalisiert.

Ficos Schlüsselsatz lautete: „Die Slowakei ist bereit, einen Kompromiss zu finden.“ Das hatte man bisher noch nicht gehört. So war der slowakische Premier am Schluss der Begegnung in Brüssel denn auch unerwartet angetan: „Solche Gespräche sollte es öfter geben.“

Kommentar: Es geht ums Miteinander – nicht nur bei Lebensmitteln

Junckers spitze Bemerkung beim Besuch des slowakischen Premier Robert Fico zeigte, warum der Kommissionspräsident so bereitwillig seinen ersten Urlaubstag opferte: Es sei das erste Mal, dass die vier Visegrád-Staaten mehr Kompetenzen der EU-Behörde forderten, frotzelte er – und ergriff die Gelegenheit, etwas für die vier EU-distanzierten Familienmitglieder zu tun.

Denn dass sich Brüssel mal mit der Frage beschäftigen wird, ob die Nutella in Prag und Bratislava genauso schokoladig schmeckt wie in Wien oder Berlin, hatte wohl niemand gedacht. Tatsächlich aber geht es um das Miteinander der Union mit den vier in anderen Fragen so rebellischen Mitgliedstaaten. Dass Fico zwar über Fischstäbchen redete, allerdings noch eine Botschaft in Sachen Flüchtlinge im Gepäck hatte, machte die Sache leichter.

Die Kommission darf hoffen, sich mit ein paar Leitlinien zur Lebensmittelqualität einen Kompromiss in der Asylpolitik zu erkaufen. Ob in Prag, Warschau, Bratislava und Budapest wirklich die gute Einsicht siegte oder nicht auch das absehbare Urteil des Europäischen Gerichtshofes gegen Ungarn und die Slowakei eine Rolle gespielt hat, bleibt unwichtig, wenn es nur endlich einen Durchbruch gibt.

Denn die wachsende Überlastung Italiens durch Flüchtlinge über das Mittelmeer nimmt unstrittig dramatische Ausmaße an und wird zu einer neuen Herausforderung für die Union. Ein Signal der Entspannung wäre ein Segen für die ganze EU. Dafür kann man sich dann als Kommissionschef auch mal um Waschmittel kümmern.

Detlef Drewes/RND

Von Detlef Drewes/RND

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