Menü
Schaumburger Nachrichten | Ihre Zeitung aus Schaumburg
Anmelden
Niedersachsen Das „Schärfste am Norden“
Nachrichten Wirtschaft Niedersachsen Das „Schärfste am Norden“
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
20:42 23.12.2014
Im Rentenalter wurden sie noch einmal Firmengründer: Rainer Koch, Siegfried Kappey und Bodo Rengshausen (von links).
Einbeck

Es war eine spontane Idee, die zu einer Mission geworden ist, für guten Geschmack und Qualität, erzählt Siegfried Kappey. Man ahnt es schon. Es sollte ein besonderer Senf sein, mehr als die klassische Beigabe zu „länglichem deutschem Grillgut“. Dieser Senf sollte – wie zu Großmutters Zeiten – wieder Würzgrundlage für die gute Küche sein, ein natürlicher Geschmacksverstärker. Denn so einen „richtig guten“ Senf finde man nicht mehr, behauptet Kappey.

Geboren wurde die Idee zufällig, vor vier Jahren bei einem Essen mit reichlich gutem Wein, bei dem jene drei Herren, leidenschaftliche Hobbyköche, wehmütig den Verlust des guten Geschmacks durch industriell gefertigte, immer gleich schmeckende Lebensmittel beklagten. Und so kamen sie auf den Senf und darauf, dass es in Einbeck bis in die fünfziger Jahre schon einmal eine Senfmühle gegeben hatte. Warum nicht an diese Tradition anknüpfen? Es wurde ein lange Nacht, in der sie – mehr aus Spaß – beschlossen, „es der Industrie zu zeigen“.

Nur eine Woche später machten Kappey, mit heute 69 Jahren der Älteste des Trios und früher Vertriebsmanager beim Einbecker Brauhaus, sowie der ehemalige Banker Rainer Koch und der Ethnologe Bodo Rengshausen Nägel mit Köpfen. Kappey fand einen Biobauern in Auetal im Schaumburger Land, der auf den Anbau von Senf spezialisiert ist, experimentierte mit wachsender Begeisterung in seiner Küche mit verschiedenen Senfsorten und kreierte schließlich sechs Geschmackslinien, die beim Tag der offenen Tür in Einbeck präsentiert wurden. „Ans Verkaufen haben wir nicht gedacht“, sagt Kappey. „Wir wollten den Leuten etwas Gutes anbieten.“

Aber als die 900 Senfgläser weggingen wie warme Semmeln, stand ihr Entschluss fest: sie gründeten eine Firma, die Einbecker Senfmühle. Der Banker stellte den Masterplan auf. Das Startkapital von 80 000 Euro für die GmbH brachten die drei zu gleichen Teilen aus eigenen Mitteln auf. Von einem Spezialisten für alte Maschinen in Chemnitz ließen sie sich eine Senfmühle bauen. Dann ging es los in einer leer stehenden alten Fleischerei mitten in der Altstadt.   

Ohne Hetze. Das verträgt der Senf nicht. Auch die drei Freunde nicht, denen es vor allem um eine vergnügliche Freizeitbeschäftigung ging, wie Kappey berichtet. Immer sonnabends trafen sie sich zum „Senfmachen“. Dazu braucht es nicht viel: Senfsaat, die geschrotet wird, damit sich die Körner gut mit den Zutaten Weinessig, Wasser, Salz und Gewürzen – alle aus ökologischem Anbau in der Region – vermengen, erklärt Kappey. Dadurch entsteht eine Senfmaische, die ein bis zwei Tage quellen muss.

Aber dann kommt das Besondere: Die Maische wird kalt vermahlen. 500 Kilogramm wiegt der Mühlstein aus Granit, der sich 60-mal in der Minute dreht. Zweimal wird der Vorgang wiederholt, jeweils eine Stunde. Dann, so Kappey, habe der Senf die richtige Konsistenz, sei noch körnig, enthalte aber gerade deshalb alle Inhalts- und Geschmacksstoffe. Das unterscheide die Qualität des Einbecker Senfs von Industrieware, die öfter vermahlen und dadurch erhitzt werde. Man gewinne zwar Menge, aber das Aroma gehe verloren und werde nachträglich zugesetzt.

Anschließend braucht der Senf Ruhe. Drei Wochen muss er in Fässern reifen, damit sich der Geschmack richtig ausbildet. Dann wird der fertige Senf in Gläser und Töpfe aus Steinzeug abgefüllt.
Seine „Senfphilosophie“ hat Kappey schon mehr als 7000 Besuchern nahe gebracht. Meist kämen sie in kleinen Gruppen in die Mühle und in den Laden, um etwas über die ursprüngliche Herstellung eines Lebensmittels zu erfahren. Seine Botschaft ist Kappey fast wichtiger, als sein Produkt in Bioqualität zu verkaufen. Das „Schärfste am Norden“ findet trotzdem immer mehr Liebhaber, weil sich dank Internet gute Tipps schnell herumsprechen. Viermal ist die Einbecker Senfmühle schon im Wettbewerb „Kulinarischer Botschafter Niedersachsen“ ausgezeichnet worden.

Rund 70 000 Gläser, eine Menge von etwa 30 Tonnen, werden in diesem Jahr aus 4,2 Tonnen Senfsaat hergestellt, vor allem Küchensenf, aber auch Spezialitäten wie Henry’s Echter, Bockbiersenf, Honigsenf, Senf feinsüß, Trauben-, Kräuter- und sogar Chilisenf. Die Preise sind mit 3,70 bis 4,70 Euro pro Glas höher als für herkömmlichen Senf – der Qualität angemessen, sagt Kappey. Die Kunden schreckt das anscheinend nicht. Im Gegenteil, seit dem Start 2010 hat sich der Umsatz des kleinen Unternehmens auf über 300 000 Euro mehr als verdoppelt. Auch ein kleiner Gewinn bleibt übrig. Davon wurde eine zweite Senfmühle angeschafft. Vier Vollzeitkräfte, darunter eine Lebensmitteltechnikerin, beschäftigt die Firma inzwischen.

Handelsriesen wie Rewe und Edeka haben auch schon in Einbeck angeklopft. Die Senfmacher haben jedoch ein Prinzip. Nur inhabergeführte Geschäfte wie Bioläden, Feinkostgeschäfte und ausgewählte Gastronomiebetriebe werden beliefert, längst nicht mehr allein in Einbeck. Fast überall in Niedersachsen findet der Senf seine Abnehmer und über den Onlineshop darüber hinaus.  

Aus der Freizeitbeschäftigung ist ein Fulltimejob geworden. Siegfried Kappey wird die Arbeit langsam zu viel, im nächsten Jahr soll der Kompagnon Rainer Koch die Geschäfte führen. Dann sehe man weiter.

Von Carola Böse-Fischer

Niedersachsen Entwicklung in Niedersachsen - Mehr Menschen, mehr Jobs, mehr Arme

Die jüngsten Daten des Statistischen Landesamtes zeigen eine positive Entwicklung für Niedersachsen. Doch davon profitieren nicht alle: Rund 1,2 Millionen Menschen im Land sind von Armut gefährdet – mehr als in den Jahren zuvor.

20.12.2014

Aus dem hannoverschen Traditionshaus Pelikan und dem Schreibwarenhersteller Herlitz entsteht am Freitag ein börsenorientierter Konzern. „Ein Meilenstein für die Pelikan-Gruppe“, findet Konzernchef Loo Hooi Keat.

Lars Ruzic 19.12.2014

Gute Nachrichten für die knapp 1,8 Millionen Mitglieder der AOK Niedersachsen: Ihr Beitragssatz sinkt im kommenden Jahr von 15,5 auf 15,4 Prozent.

Jens Heitmann 18.12.2014