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Niedersachsen Frost und Regen vermiesen Landwirten die Ernte
Nachrichten Wirtschaft Niedersachsen Frost und Regen vermiesen Landwirten die Ernte
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21:12 22.08.2017
Die Landwirte müssen sich bei der Ernte in diesem Jahr mit weniger Getreide begnügen. Fotos: dpa (2) Quelle: Julian Stratenschulte
Hannover

Eigentlich klingt es gar nicht so kompliziert: Wenn Weizen und Gerste reif sind, holen die Bauern die Ernte ein. Doch so einfach ist es dieses Jahr nicht. „Die Landwirte mussten das Getreide regelrecht vom Feld stehlen“, sagte Bauernpräsident Joachim Rukwied über den Sommer. Vielerorts sei das Dreschen nur an wenigen Tagen überhaupt möglich gewesen. Dauerregen, aber auch Hagel und Stürme drückten Halme nieder und bedeuteten Zwangspausen für die Traktoren. Ganz unter Dach und Fach ist die Ernte immer noch nicht. Tendenzen zeichnen sich aber schon ab - womöglich gelten sie bis zu den Supermarktregalen.

Dass Wetterkapriolen ihnen die Arbeit erschweren, sind die Bauern gewohnt. Diesmal sei die Ernte aber geradezu zu „einem Nervenspiel“ geworden, sagte Rukwied am Dienstag in Berlin. Manche Landwirte entschlossen sich so zum Beispiel, mit dem Mähdrescher loszufahren, obwohl der Weizen streng genommen noch zu feucht war. Die Körner müssen dann nachträglich getrocknet werden, um lagerfähig zu sein. Das kostet extra. Andererseits drohen bei zu langem Abwarten auf dem Feld natürliche Qualitätsverluste - statt für Brotmehl lässt sich Getreide dann nur noch zu niedrigeren Preisen als Futterweizen verkaufen.

Insgesamt dürfte die Getreideernte nun mit 44,5 Millionen Tonnen das zweite Mal in Folge unter dem mehrjährigen Durchschnitt liegen. Im Vergleich zum Vorjahr erwartet der Bauernverband 2 Prozent weniger Wintergerste, 3 Prozent weniger Winterweizen, 6 Prozent weniger Winterraps und sogar 10 Prozent weniger Roggen. Nur Sommergerste legte leicht zu.

Erklären lässt sich die schlechte Bilanz nicht nur durch den Regen, der im Sommer die Ernte erschwerte. In weiten Teilen Deutschlands war es im Winter und im Frühjahr zu trocken. Die Ernte-Ergebnisse fallen regional unterschiedlich aus: Die Landwirtschaftskammer in Schleswig-Holstein etwa berichtet von „recht passablen“ Erträgen. Für Niedersachsen wird eine „leicht unterdurchschnittliche“ Ernte erwartet. Im Südwesten und Westen des Landes müssen jedoch viele Höfe zum wiederholten Male Einbußen verkraften.

Eine Zäsur war ein Kälteeinbruch Mitte April, als nächtliche Minusgrade ganze Obstbestände dezimierten. Bei Äpfeln zeichnet sich deshalb die kleinste Ernte seit 1991 ab, wobei es etwa in Baden-Württemberg düsterer aussieht als im Norden. Der Bauernverband rechnet mit einem Rückgang um insgesamt 46 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Auch bei Birnen, Kirschen und Zwetschgen falle die Ernte diesmal voraussichtlich um fast um die Hälfte geringer aus, hieß es.

„In diesem Jahr haben wir in Deutschland Frostschäden beim Obstbau in Höhe von rund 200 Millionen Euro bis hin zu regionalen Totalausfällen“, erklärte Rukwied. Der Klimawandel und die Zunahme von „Extremwetterereignissen“ zwängen die Betriebe, sich stärker abzusichern, zum Beispiel durch Versicherungen und Frostschutzberegnungsanlagen. Immerhin gibt es bisher keine Hiobsbotschaften aus den Weinbergen. „Die Reben zeigen sich in einem sehr guten Entwicklungsstand“, meldete der Bauernverband.

Obst könnte teurer werden

Auch in der Europäischen Union wird mit weniger Äpfeln gerechnet. Ein knapperes heimisches Angebot könnte die Preise im Herbst steigen lassen. Dabei muss sich aber erst zeigen, wie der Einzelhandel reagiert - womöglich kauft er anderswo Obst zu günstigeren Preisen. Schließlich gebe es inzwischen überall Weltmärkte, sagte Rukwied. Auf den Märkten für Getreide sind gerade leicht steigende Preistendenzen zu verzeichnen - ein Trost für die Bauern, die weniger ernten. Dass dies auf die Brotpreise durchschlagen könnte, glaubt der Bauernverband nicht.

Hochwasser-Folgen belasten Bauern im Land

Für Niedersachsen nannte der Bauernverband am Dienstag noch keine Ernte-Zahlen. Wie in anderen norddeutschen Bundesländern findet die Ernte hier relativ spät statt und dauert noch an. Der Verband geht allerdings davon aus, dass die niedersächsische Getreide-ernte „leicht unterdurchschnittlich“ ausfallen werde. Der Rückgang sei nicht so stark wie etwa im Rheinland. Als Ursachen für den Ernterückgang in Niedersachsen nennt der Bauernverband den verregneten Sommer und das Hochwasser – vor allem im Raum Hildesheim und an den Harz-Hängen seien die Ackerböden zeitweise überflutet oder so durchnässt gewesen, dass sie nicht befahren werden konnten. Die Obsternte wird auch in Niedersachsen sehr schlecht ausfallen. Landwirtschaftsminister Christian Meyer (Grüne) will sich dafür einsetzen, dass der Bund die Frostschäden als „nationale Katastrophe“ einstuft – und dann Hilfszahlungen von Bund und Land möglich sind.

Von Sascha Meyer und Christian Wölbert

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