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Niedersachsen „Was ist so schlimm an einer Lehre?“
Nachrichten Wirtschaft Niedersachsen „Was ist so schlimm an einer Lehre?“
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19:13 04.09.2016
Von Lars Ruzic
Seit wenigen Monaten Chef der IHK: Christian Hinsch. Quelle: Tim Schaarschmidt

Herr Hinsch, Sie sind seit wenigen Monaten der 24. Präsident der Industrie- und Handelskammer Hannover und stehen damit in einer Reihe mit Namen wie Fritz Beindorff oder Philipp von Bismarck. Ist das Ansporn oder Bürde?

Zunächst einmal ist es vor allem eine Ehre. Ich sehe mich da auch familiär in einer gewissen Tradition. Mein Großvater war einst Kammerpräsident in Bremen. Seine Antrittsrede vor fast hundert Jahren hatte übrigens schon Themenschwerpunkte, die wir heute noch beklagen - etwa eine zu hohe Steuerlast oder eine überbordende Bürokratie.

Derzeit mangelt es nicht an politischen Krisen, die sich auf die Wirtschaft auswirken. Wie spüren das die Firmen im IHK-Bezirk Hannover?

Es fehlen Impulse aus dem Auslandsgeschäft. Darunter leidet vor allem die Industrie. Insgesamt gehen wir noch von 1,4 Prozent Wachstum für Niedersachsen in diesem Jahr aus. Und wir rechnen mit 50 000 neuen Arbeitsplätzen. Die aber entstehen vor allem in Handel, Gastronomie und Dienstleistungen. Diese Jobs sind aber erfahrungsgemäß weniger nachhaltig als Arbeitsplätze in der Industrie. Sie ist das Rückgrat der Wirtschaft. Deshalb müssen wir alles tun, damit sich die Industriebetriebe hier wohlfühlen.

Die Landesregierung hat mehrere Initiativen zur Unterstützung der Industrie angeschoben - eine Forschungsförderung, einen Beteiligungsfonds. Das müsste doch ganz in Ihrem Sinn sein.

Das sind durchaus sinnvolle Ansätze - allerdings sind die Effekte solcher Maßnahmen begrenzt. Wirkungsvoller wäre es, die staatlich ausgelösten Standortkosten attraktiver zu gestalten. Das gilt vor allem auch für die Gemeinden. Bei Gewerbe- und Grundsteuer ist derzeit jedenfalls kein guter Trend erkennbar. Anstatt die Prioritäten in ihren Haushalten zu hinterfragen, drehen viele Städte - wie zuletzt auch Hannover - lieber an der Steuerschraube.

Die Wirtschaft hat auch Hausaufgaben zu machen - zum Beispiel bei der betrieblichen Ausbildung. Von Jahr zu Jahr wächst die Zahl der leer gebliebenen Lehrstellen.

Ich mache mir wirklich große Sorgen, dass wir diese Errungenschaft, um die uns andere Länder beneiden, aufs Spiel setzen. Das zu verhindern ist aber eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe. Wir müssen aufhören, unseren Kindern einzureden, dass sie alle Akademiker werden sollen. Was ist so schlimm daran, eine Lehre zu machen? Oft machen Ausgelernte schneller und nachhaltiger Karriere als Uni-Absolventen, die sich erst in der Wirtschaft zurechtfinden müssen. Außerdem sind unsere Bildungssysteme so offen, dass Auszubildende auch später noch berufsbegleitend studieren können. Eine weitere hervorragende Alternative ist das duale Studium.

Darüber aufzuklären ist aber auch Aufgabe der Wirtschaft.

Das stimmt. Die haben wir deshalb längst voll angenommen. Wir schicken Lehrlinge aus unseren Betrieben als Ausbildungsbotschafter in die Schulen der Region, die darüber aufklären, wie breit die Möglichkeiten der betrieblichen Ausbildung sind. 12.000 Jugendliche haben wir auf diesem Weg allein im ersten Halbjahr dieses Jahres schon erreicht. Zum Ende des Jahres planen wir zudem ein Audit für Lehrbetriebe. Sie können sich die Qualität ihrer Ausbildung von der IHK zertifizieren lassen und dann damit werben. Damit wollen wir vor allem kleineren und mittleren Firmen die Chance geben, sich aus der Masse abzuheben - und zu zeigen, dass nicht immer nur die großen Konzerne die erste Wahl bei der Lehrstellensuche sein müssen.

Viele Lehrstellen bleiben unbesetzt, weil die Firmen mit den Bewerbern unzufrieden sind. Haben Ihre Mitglieder zu hohe Ansprüche an die Jugend?

Die Veränderungsgeschwindigkeit ist heute eine ganz andere als noch vor einigen Jahren. Die Technologien werden immer komplexer, soziale Kompetenzen sind mehr denn je gefordert. Unternehmen, die in so einem Umfeld arbeiten, müssen das bei ihrer Personalauswahl berücksichtigen. Mit übertriebenen Ansprüchen hat das nichts zu tun. Übrigens ist es ja nicht so, dass die Firmen nicht bereit sind, die Rohdiamanten nachzuschleifen: 40 Prozent unserer Betriebe haben inzwischen eigene Nachhilfeangebote.

Die IHK Hannover hat mehr als 50 Millionen Euro auf der hohen Kante - Geld aus Zwangsbeiträgen, das sie eigentlich nicht horten darf. Was werden Sie dagegen unternehmen?

Zunächst: Unsere Beiträge sind so gering wie die keiner anderen Kammer in Deutschland - und mein Ziel ist, dass das auch so bleibt. Nur 40 Prozent unseres Budgets finanzieren wir aus Beiträgen. Außerdem entspricht es meiner Meinung nach durchaus dem Gebot des ordentlichen Kaufmanns, eine angemessene Risikovorsorge zu betreiben und vorausschauend zu planen.

Das Gros der Summe entfällt auf eine Rücklage, die Sie schon vor Jahren für die Renovierung der bestehenden oder den Bau einer neuen IHK-Zentrale in Hannover gebildet hatten. Wie lange soll das Geld dort noch liegen bleiben?

Im nächsten Jahr werden wir in die Entscheidungsphase eintreten. Es gibt konkrete Überlegungen für beide Optionen. Fest steht, dass das heutige Gebäude weder den modernen Anforderungen an Büros noch dem gestiegenen Platzbedarf entspricht.

Interview: Lars Ruzic

Zur Person

Christian Hinsch saß schon länger im IHK-Präsidium, bevor er gebeten wurde, den Vorsitz des Gremiums zu übernehmen. Die Region und ihre Firmen kennt er bestens – nicht nur, weil er Hannoveraner ist, sondern weil er als HDI-Chef auch beruflich viel mit den IHK-Mitgliedern aus der Industrie zu tun hat. Hinsch hat Jura in Bielefeld und an der University of Michigan studiert, bevor er seine Karriere bei der Talanx-Tochter HDI startete. Seit 2000 ist er dort Konzernchef, seit 2009 zudem stellvertretender Vorstandsvorsitzender bei Talanx. Der 61-Jährige ist verheiratet mit einer inzwischen pensionierten Richterin. Beide haben zwei Töchter und einen Sohn.

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