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Niedersachsen Wolfsburg soll attraktives Umfeld für Start-ups werden
Nachrichten Wirtschaft Niedersachsen Wolfsburg soll attraktives Umfeld für Start-ups werden
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00:15 26.12.2016
Blickt auf 2016 zurück – und in die Zukunft: VW-Betriebsratschef Bernd Osterloh. Quelle: Kay Nietfeld

Herr Osterloh, 2016 war für die VW-Belegschaft nicht einfach. Die Verunsicherung war deutlich zu spüren. Hat sich das mit dem Abschluss des Zukunftspaktes geändert?

Die Stimmung in der Belegschaft hat sich deutlich gebessert. Das merke ich. Die Menschen haben in den vergangenen Monaten Angst um ihren Arbeitsplatz gehabt. Mit dem Zukunftspakt haben wir nun Sicherheit: In den nächsten neun Jahren - also bis Ende 2025 - sind betriebsbedingte Kündigungen ausgeschlossen. Der Abschluss des Zukunftspaktes war etwas Positives, nicht nur für das Unternehmen, sondern auch für die Menschen.

Dazu gehört aber auch der Wegfall von 23.000 Arbeitsplätzen in Deutschland bis 2020. Wie stark wird der Stellenabbau das Stammwerk in Wolfsburg treffen?

Es wird bei Volkswagen in Wolfsburg einen Stellenabbau geben, aber zugleich bauen wir hier auch neue Zukunftsarbeitsplätze auf. Aber zur Wahrheit gehört: In Summe werden wir 2020 weniger Arbeitsplätze haben als heute. Der Arbeitsplatzabbau passiert allerdings nicht unkontrolliert über Nacht, sondern Schritt für Schritt über Altersteilzeit entlang der demografischen Kurve.

Wie soll der Abbau über die Altersteilzeit im Detail ablaufen?

Im ersten Schritt sollen die Beschäftigten angesprochen werden, die Altersteilzeit schon unterschrieben haben, aber noch nicht gestartet sind. Da geht es um die Frage, ob sie sich auch einen früheren Ausstieg vorstellen können. Dann starten in den nächsten Tagen Gespräche mit den Kolleginnen und Kollegen des Jahrgangs 1961. Die folgenden Jahrgänge müssen dann schnell folgen. Die zentrale Frage ist, wie viele Beschäftigte überhaupt in Altersteilzeit gehen wollen. In Wolfsburg liegt die erwartete Quote bei 65 Prozent, an den anderen Standorten bei 90 Prozent.

Warum der Unterschied?

Das liegt an der Struktur der Belegschaft. Altersteilzeit wird in der Produktion am häufigsten genutzt. Dort, wo körperlich besonders belastende Tätigkeiten anfallen. Bei Facharbeitern liegt die Quote schon etwas niedriger und bei Angestellten am niedrigsten. Übrigens: Je höher die Entgeltstufe, desto seltener ist Altersteilzeit.

Sie sprachen davon: Es geht bei Volkswagen auch um Stellenaufbau. Wo passiert der?

In den Zukunftsbereichen wie Digitalisierung, autonomes Fahren und Mobilitätsdienstleistungen. In Wolfsburg werden bis 2020 rund 1000 neue Arbeitsplätze entstehen. 911 dieser Stellen sind schon konkret beschrieben. Allein schon aus diesem Grund hat der Zukunftspakt seinen Namen verdient.

Neue Stellen sollen vorrangig intern besetzt werden. Soll sich also ein Montagearbeiter zum Software-Entwickler weiterbilden?

Das geht nicht in jedem Fall, aber ist auch nicht grundsätzlich unmöglich. Mein Kollege Heinz-Joachim Thust, als Betriebsrat für die Volkswagen-IT zuständig, hat ein Programm zur Nachwuchsförderung angeregt mit Leuten, die von ihrer formalen Qualifikation her nichts mit dem Thema IT zu tun haben. Da gab es viele Bewerbungen, zum Beispiel von einem Werkzeugmacher, der für sich zu Hause privat Java-Software entwickelt, oder von Montagewerkern, die richtige Computerfreaks sind. Es kommt nicht so sehr darauf an, was man auf dem Papier vorzuweisen hat, sondern darauf, was man kann.

VW und Stadt wollen Wolfsburg zur digitalisierten Großstadt entwickeln. Ist Wolfsburg denn attraktiv genug, um ausreichend junge und kreative Leute anzuziehen?

Wir Wolfsburger sind manchmal einfach zu bescheiden. Wolfsburg bietet viel Lebensqualität. Ich jedenfalls fühle mich hier wohl. Und für viele Firmengründer sind Städte wie München inzwischen auch recht teuer. Für solche Leute müssen wir die nötige Infrastruktur schaffen. Damit meine ich nicht hippe Discos, sondern ideale Arbeits- und Lebensbedingungen - ein attraktives Umfeld für Gründer und Start-ups.

Der Zukunftspakt sieht für Wolfsburg den Bau eines neuen Elektro-SUVs vor. Außerdem sollen dort künftig Autos anderer Konzernmarken vom Band laufen. Werden dann mehr Fahrzeuge im Werk gebaut als die rund 800.000 in diesem Jahr?

Für 2020 hat Volkswagen für Wolfsburg ein Produktionsziel von 820 000 Fahrzeugen. Wenn die Kunden mehr Fahrzeuge bestellen, können sicher auch mehr produziert werden. Beim Thema Elektromobilität ist klar: Solange es kein ausreichendes Volumen von E-Fahrzeugen allein für die Marke Volkswagen gibt, wäre es fahrlässig, wenn man hier bei uns in Wolfsburg nicht die Montage stärker auslastet - zum Beispiel mit dem im Zukunftspakt vereinbarten SUV-Modell von Seat und vielleicht sogar noch mit einem Elektro-SUV anderer Marken. Natürlich nur, solange die Stückzahlen überschaubar sind. Bei steigenden Volumen müssen die E-Fahrzeuge in den Werken der jeweiligen Marken gebaut werden.

Der VW-Konzern wird auch dieses Jahr wieder mehr als zehn Millionen Autos ausliefern. Läuft also trotz des Diesel-Skandals alles rund?

Wir haben enorme Steigerungsraten in China, die Lage in Europa ist stabil. Anders ist die Situation in Brasilien, Nordamerika, Russland und Indien. Für diese Regionen fordern wir als Betriebsrat vom Vorstand klare Zukunftsaussagen. An diesen Aussagen muss sich der Vorstand dann auch messen lassen. Es ist doch logisch, dass die Beschäftigten in Deutschland nicht die Verluste zahlen wollen, die VW anderswo auf der Welt einfährt.

Interview: Florian Heintz

Zur Person

Bernd Osterloh steht seit 2005 an der Spitze der Arbeitnehmervertretung bei VW. Der 1956 in Braunschweig als Sohn eines Eisenbahners geborene Osterloh machte zunächst eine Ausbildung zum Industriekaufmann, bevor er zu dem Autokonzern wechselte. Als Betriebsratschef war er Nachfolger von Klaus Volkert, der in Folge der VW-Affäre unter anderem um Bordellbesuche auf Konzernkosten zurückgetreten war. Der 60-jährige Fußballfan sitzt außerdem im Präsidium der VfL Wolfsburg-Fußball GmbH.

Beim Umbau seiner traditionsreichen niedersächsischen Standorte macht der Volkswagen-Konzern auch vor dem 60 Jahre alten Werk Hannover nicht halt. Die Marke VW Nutzfahrzeuge (VWN) will an ihrem Stammsitz in den kommenden fünf Jahren bis zu 1500 Stellen abbauen.

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