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Niedersachsen Was das Produktionsende für die Kumpel bedeutet
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00:18 22.12.2018
Der stellvertretende Werkstattleiter Christian Lucke bleibt noch mehrere Jahre in Sigmundshall – viele andere Kumpel müssen jedoch wechseln. Quelle: Moritz Frankenberg
Wunstorf

Die Welt von Volker Kuhr ist dunkel, heiß und nicht ganz ungefährlich. Der 48-jährige Bergmann steht am Ende eines Tunnels in rund 1200 Metern Tiefe. Über seinem Kopf drückt ein Gebirge aus Steinsalz, Sandstein und Gips auf die Decke. Vor ihm klafft ein autogroßes Loch im Boden. Kuhr wirft einen Salzbrocken in das schwarze Nichts. Nach ein paar Sekunden ertönt ein dumpfer Schlag. „160 Meter freier Fall“, sagt Kuhr.

Für ihn ist das nichts Besonderes. Er fühlt sich in seiner Welt sicher. Schon sein Vater arbeitete hier im Kalibergwerk Sigmundshall in Wunstorf-Bokeloh, er selbst ist seit einem Vierteljahrhundert dabei. Und doch gibt es etwas, das ihm zusetzt: die Hitze. In den letzten Jahrzehnten sind er und seine Kollegen dem Kali immer weiter in die Tiefe gefolgt. Alle 100 Meter stieg die Temperatur um drei Grad. Mittlerweile sind sie bei 1400 Metern und 50 Grad Celsius angelangt. „Am Ende der Belastbarkeit“, sagt Kuhr.

Das sieht nicht nur er so. Auch sein Arbeitgeber, die Kasseler K+S AG, hält die Grenze des Machbaren für erreicht – und stellt die Förderung ein. An diesem Freitag schaffen die Kumpel ihre letzte Tonne Kali ans Tageslicht. Zwar werden rund 200 von ihnen noch ein paar Jahre lang Maschinen zerlegen und Hohlräume füllen. Und doch ist der Tag eine Zäsur: Das letzte von einst vielen Kalibergwerken in Niedersachsen schließt. Eine einzigartige, spektakuläre Arbeitswelt verschwindet.

Schon lange am Limit

Die Vorräte gingen zur Neige, der Aufwand steige, deshalb könne das Bergwerk nicht mehr wirtschaftlich betrieben werden, erklärte der K+S-Vorstand vor rund einem Jahr. Das klingt fast so, als hätten die Sigmundshaller erst seit Kurzem Probleme. Ein Besuch unter Tage zeigt jedoch: Sie kämpfen schon seit Jahrzehnten mit der Hitze, der Tiefe und geologischen Widrigkeiten. Nur dank technischer und körperlicher Höchstleistungen konnten sie überhaupt so lange am Weltmarkt mithalten.

Erstens kostet die Tiefe viel Zeit. Durch den Schacht Sigmundshall geht es zwar schnell nach unten. Ein knappes „Glück auf“, dann rauscht der Korb mit 7 Metern pro Sekunde in die Tiefe. Der Schacht führt aber nur bis zur 725-Meter-Sole. Dort steigen die Bergleute in Geländewagen und fahren durch kilometerlange Tunnel und parkhausartige Wendel durch das weißgraue Steinsalz. „Achtzig Prozent des Abbaus finden unterhalb von 1150 Metern statt“, sagt Henning Korte, Chef der Produktion unter Tage, während er im offenen Jeep mit 40 km/h in die Tiefe braust. Manche Kumpel bräuchten eine halbe Stunde bis zum Arbeitsplatz, allein das drücke die Produktivität.

Die Rohstoffe

K+S hat in Sigmundshall vor allem Sylvinit abgebaut, ein kaliumhaltiges Mineral. Es wird zu Dünger für die Landwirtschaft verarbeitet. Kalium stärkt die Halme und steigert im Zusammenspiel mit anderen Elementen die Erträge massiv. China und Indien gehören zu den wichtigsten Märkten. Seit 2000 produzierte Sigmundshall auch magnesiumhaltige Spezialdünger. Die im gern „Kalimandscharo“ genannte Abraumhalde enthält kein Kali – sondern die weniger wertvollen Produktionsreste.

K+S betreibt ein weiteres Bergwerk in Niedersachsen: „Braunschweig-Lüneburg“ in Grasleben fördert Salz für die Industrie und Auftaumittel, aber auch für die Lebensmittelbranche.

Zweitens wird es mit jedem Meter heißer. Korte erklärt, wie sich die Hitze auswirkt. Ab 40 Grad wird es schwierig. Die Gefäße weiten sich, der Blutdruck sinkt, im Kopf kommt weniger Sauerstoff an. Erst kann man sich schlechter konzentrieren, dann folgt Schwindel, dann kippt man um.

Abkühlen nach 15 Minuten

K+S kühlt das Bergwerk deshalb mit hohem Aufwand. Durch den Wetterschacht Kolenfeld wird kalte Luft in die Tiefe gesaugt. Nur deshalb liegt die Temperatur in 1400 Metern Tiefe knapp unter der gesetzlichen Höchstgrenze von 52 Grad Celsius statt bei 60 Grad. Außerdem hat der Konzern Klimacontainer aufgestellt und Kühlaggregate in Maschinen und Fahrzeuge eingebaut –normale Auto-Klimaanlagen wären überfordert.

Die meiste Zeit bleiben die Kumpel in den kühlen Führerhäusern. Doch ab und zu müssen sie raus. Zehn, fünfzehn Minuten könnten sie bei 50 Grad arbeiten, sagt Korte, dann müssten sich abkühlen. Deshalb liefen die Maschinen in Sigmundshall im Schnitt nur vier Stunden pro Acht-Stunden-Schicht. „Wir nutzen also nur 50 Prozent der eingesetzten Investitionen.“

Außerdem ist Sigmundshall weltweit das einzige Kalibergwerk mit „steiler Lagerung“: Das Kaliflöz verläuft nicht waagerecht, sondern steht fast senkrecht. Teilschnittmaschinen fräsen deshalb Zufahrtswege durch Steinsalz. „Wir nehmen das Material in die Hand, gewinnen aber keinen Wertstoff daraus“, sagt Korte. Erst danach stoßen die Kumpel zum Kali vor, durchlöchern das Flöz, sprengen es und fahren das lose Mineral zu den Förderbändern.

Die Produktionskosten liegen laut Korte bei über 200 Euro pro Tonne, mehr als doppelt so hoch wie in russischen Bergwerken. Außerdem sinkt wegen des Aufwands die Menge: 2005 produzierte Sigmundshall 3 Millionen Tonnen, 2017 waren es nur noch 2,1 Millionen. „Die Mannschaft hat Außerordentliches geleistet“, sagt Korte, „aber die Fabrik über Tage ist nicht ausgelastet.“ Ohnehin habe der Standort nur so lange durchgehalten, weil er seit dem Jahr 2000 auch magnesiumhaltiges Hartsalz fördert und daraus Spezialdünger herstellt.

Nun ist Schluss. Von zuletzt 660 Angestellten bleiben nur 220 am Standort. Sie räumen unten auf, betreiben oben einige Anlagen weiter und bedecken und begrünen die Halde, die im Volksmund „Kalimandscharo“ heißt. Man gestalte den Abbau sozialverträglich, betont ein K+S-Sprecher. Man habe jedem Mitarbeiter eine Stelle an einem anderen Standort angeboten. Rund 150 hätten solche Angebote angenommen, die restlichen gingen in den Ruhestand, wechselten in eine Transfergesellschaft oder hätten gekündigt.

Kumpel hoffen auf Giesen

Einen Personalabbau dieser Größe könne man grundsätzlich nicht sozialverträglich nennen, meint hingegen der stellvertretende Betriebsratsvorsitzende Uwe Osterloh. Man habe gemeinsam mit dem Unternehmen zwar Lösungen gefunden – müsse jedoch abwarten, ob wirklich alle Kollegen eine „adäquate Anschlussbeschäftigung“ finden.

Viele Kumpel hofften auf das Reservebergwerk Siegfried-Giesen bei Hildesheim, sagt Osterloh. Dort gibt es noch genügend Kali, und K+S hat Pläne für die Wiederaufnahme des Abbaus in der Schublade. Vor Kurzem wies Niedersachsens Umweltminister Olaf Lies (SPD) den Landkreis an, dem Konzern grünes Licht zu geben. Doch vor Ort wehren sich Politiker, Bürger und Umweltschützer. Wann Giesen wieder in Betrieb geht, ist völlig unklar.

Spricht man die Kumpel unter Tage an, betonen die meisten, dass sie unbedingt im Bergbau bleiben wollen. „Giesen ist schon eine Hoffnung“, sagt der 27-jährige Laderfahrer Timo Stöxen. Er wechselt in ein K+S-Bergwerk in Sachsen-Anhalt und zieht dafür um. Würde Giesen wieder eröffnet, könnte er zurück zu seiner Freundin und den Kindern ziehen.

Volker Kuhr gehört zu denen, die in Sigmundshall weiterarbeiten. Wer bleiben darf, könne sich glücklich schätzen, sagt er, trotz der Hitze. Traurig findet er, dass die Schließung die Mannschaft nun auseinanderreißt. „Hier unten schweißt die Arbeit zusammen“, sagt er. „Wenn man hier kein Team bildet, hat man keine guten Karten.“

Über 100 Jahre Kaliabbau

Ende des 19. Jahrhunderts ist Deutschland im Kali-Fieber. Die Mineraldüngung setzt sich durch und revolutioniert die Landwirtschaft. Vor allem in der Gegend um Hannover entstehen daraufhin zahlreiche Zechen. 1898 beginnen die Arbeiten am Schacht Sigmundshall bei Wunstorf. Zwei Jahre später fördern die Bergleute in 450 Metern Tiefe mit Handbohrmaschinen die ersten Tonnen Rohsalz, vor dem ersten Weltkrieg fahren die ersten Lokomotiven unter Tage.

Anfang der Fünfzigerjahre liegt die Jahresförderung bei 270.000 Tonnen, bis Ende der Siebziger steigt die Menge durch technische Fortschritte auf 2 Millionen Tonnen. In den Achtzigern arbeiten die Bergleute erstmals in 1000 Metern Tiefe. 1997 wird die 1400-Meter-Sohle erreicht, die Fördermenge steigt auf 3 Millionen Tonnen. Ab 2005 geht die Produktion zurück: Die extreme Hitze in der Tiefe bringt Mensch und Material an ihre Grenzen, gleichzeitig gehen die wertvollsten Mineralvorräte zur Neige.

Die Strecken unter Tage sind heute insgesamt 350 Kilometer lang, was ungefähr einem Viertel des Straßennetzes der Stadt Hannover entspricht. 150 Geländewagen und Pick-ups sowie 120 Großfahrzeuge und Maschinen sind im Einsatz. Ende Oktober arbeiteten insgesamt 660 Menschen am Standort. Nach dem Ende der Förderung werden es noch 220 sein.

Von Christian Wölbert

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