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Niedersachsen Wolfram von Fritsch verlässt Deutsche Messe AG
Nachrichten Wirtschaft Niedersachsen Wolfram von Fritsch verlässt Deutsche Messe AG
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22:03 22.05.2017
Von Stefan Winter
Ein Mann und sein Reich: Wolfram von Fritsch hat 2008 die Deutsche Messe AG übernommen, jetzt wird ein Nachfolger für ihn gesucht. Quelle: Behrens
Hannover

Die Deutsche Messe AG bekommt überraschend einen neuen Chef. Nach HAZ-Informationen wird der Aufsichtsrat den Vertrag für Wolfram von Fritsch nicht verlängern. Spätestens im April 2018 wäre dann nach zehn Jahren Amtszeit Schluss. Der Nachfolger komme aus dem Unternehmen, heißt es in Aufsichtsratskreisen. Als Favorit gilt der für die Hannover Messe verantwortliche Jochen Köckler. Das Unternehmen wollte sich zu der Personalie nicht äußern.

Mit dem Führungswechsel soll der Vorstand auf drei Mitglieder verkleinert werden. Damit erfüllt der Aufsichtsrat auch eine Forderung des Landesrechnungshofs, der das Gremium für zu groß hält. Für einen Mittelständler sei eine dreiköpfige Führung ausreichend, sagte ein Aufsichtsratsmitglied. Die Messe AG macht rund 300 Millionen Euro Umsatz im Jahr und beschäftigt rund 1200 Mitarbeiter. Ob von Fritsch seine Amtszeit bis zum letzten Tag erfüllt, ist offen. Sollte der Aufsichtsrat im Juni den Nachfolger ausrufen, dürfte der Wechsel schneller vonstatten gehen.     

Es fing gut an - mit der Lehman-Pleite. Sie war gerade noch zweieinhalb Monate entfernt, als Wolfram von Fritsch im Sommer 2008 Vorstandschef der Deutschen Messe AG wurde. Der Stillstand des Finanzsystems erwischte ihn kalt, brachte aber auch eine Chance: Der neue Chef nutzte den Ausnahmezustand, um die großen Eigentümer - Land Niedersachsen und Stadt Hannover - zu einer üppigen Kapitalerhöhung zu bewegen. Ohne die 250 Millionen Euro wäre die Messe wegen Abschreibungen auf die überdimensionierten Hallen wohl selbst bald pleite gewesen.

Messemarkt ist heftig umkämpft

Wenige Jahre später gelang Ähnliches mit den hoch umstrittenen Cross-Boarder-Leasingverträgen. Sie galten einst als clevere Finanzierungslösung, verhinderten aber später jede Geländeentwicklung: Investoren in den USA hätten Änderungen abnicken müssen.

Jahrelang hatten sich die Messechefs Klaus Goehrmann und Sepp Heckmann vergeblich an beiden Themen abgearbeitet. Doch Vermarkter Goehrmann und Baumeister Heckmann liefen sich fest. Gebraucht wurde dafür ein Jurist und halber Politiker wie von Fritsch. Im Wendejahr 1990 hatte es ihn ins DDR-Außenministerium verschlagen, später war er zum Staatskonzern Deutsche Bahn gegangen.

Doch die großen Befreiungsschläge der ersten Jahre haben nicht genügt. Im heftig umkämpften deutschen Messemarkt holten andere auf, und verlässlichen Gewinn soll es erst von diesem Jahr an geben - dem letzten der Ära von Fritsch. Bei einem Umsatzanstieg auf 302 Millionen Euro blieb 2016 noch ein Verlust von 3,7 Millionen Euro. Das war zwar deutlich besser als in den vergleichbaren Vorjahren - der Veranstaltungsrhythmus ähnelt sich alle zwei Jahre -, die Eigentümer sehen das Kapital dennoch weiter schrumpfen.

Der eloquente von Fritsch sieht das Unternehmen aber auf gutem Weg. Das Programm, das er sich einst bis 2018 vorgenommen hatte, sei weitgehend umgesetzt, sagte er schon vor einigen Monaten. In der Aufsichtsratssitzung am 12. Juni ist eine Art Bilanz fällig, zudem sollen dort die Weichen für die nächste mehrjährige Strategie gestellt werden. Das wollen die Messe-Eigentümer aber mit einem neuen Chef angehen.

Die Herausforderungen sind weiter groß. Kein anderes Land hat so viele Messegesellschaften mit eigenem Gelände, die zudem meist in öffentlichem Besitz sind. In Deutschland wird mit Haken und Ösen um Veranstaltungen und Aussteller gekämpft, und auch bei den Auslandsengagements kommt man sich bisweilen in die Quere. Gleichzeitig verlieren Branchen das Interesse an Messen, viele laden ihre Kunden zu eigenen Veranstaltungen.

Von Fritsch hat an vielen Schrauben gedreht, um mit den Strukturproblemen fertig zu werden. Seine Sparprogramme und Umbauten im Unternehmen trugen ihm die dauerhafte Gegnerschaft des Betriebsrats ein, der traditionell von der IG Metall gestellt wird. Die Digitalisierung steht oben auf der Agenda, und für rund 40 Millionen Euro wurden Messen und Unternehmen gekauft.

Doch bei allem Erfolg blieb die Cebit ein Dauerpatient. Der Quereinsteiger von Fritsch hat zwar nie Messen organisiert, aber für die Dauermisere der IT-Schau muss auch er geradestehen. Im März hat Cebit-Chef Oliver Frese überraschend ein völlig neues Konzept angekündigt, das selbst intern als „letzter Schuss“ gilt. Mit der Hannover Messe ist das schon einmal geglückt. Deren Chef Jochen Köckler dürfte nun an die Spitze rücken.

Zwei Kandidaten
für die Nachfolge

Als wahrscheinlicher Nachfolger von Wolfram von Fritsch wird Jochen Köckler gehandelt. Der 47-jährige gebürtige Westfale war vor seiner Berufung in den Vorstand der Deutschen Messe AG im Jahr 2012 für das Messegeschäft der Deutschen Landwirtschaftsgesellschaft zuständig, darunter ist die weltgrößte Landtechnik-Messe Agritechnica in Hannover. Der promovierte Agrarökonom ist verheiratet und hat zwei Kinder. Er ist im Messe-Vorstand unter anderem für die Hannover Messe sowie alle Gastveranstaltungen wie die Agritechnica und die IAA Nutzfahrzeuge zuständig. Chancen auf den Chefposten hat aber offenbar auch noch der 53-jährige Andreas Gruchow. Er ist seit 2008 im Messe-Vorstand und dort unter anderem für die Domotex, die Ligna und die Biotechnica verantwortlich. Gruchow hat an der Uni Hannover ein Maschinenbau-Studium mit Promotion abgeschlossen. Der gebürtige Kieler ist verheiratet und hat zwei Kinder.

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