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Angst und Frust bei Faurecia: „Das setzt dich in die Ecke“

Stadthagen / Stellenabbau Angst und Frust bei Faurecia: „Das setzt dich in die Ecke“

Einen Tag nach Verkündung des massiven Stellenabbaus sitzt der Schock bei Faurecia-Mitarbeitern tief. In der Eiseskälte haben am Dienstag nicht nur lokale Journalisten die Werkstore belagert, um Stimmen der Betroffenen einzufangen.

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Journalisten warten auf die Faurecia-Mitarbeiter. Einigen ist die Verärgerung deutlich anzusehen.

Quelle: rg

Stadthagen (ssr). Viele winkten ab, stapften eilig vorbei – mit ängstlichen, wütenden, aber auch müden Gesichtern.

 „Ein paar resignieren einfach“, sagt Sandra Homoth. „Es ist ja nicht das erste Mal.“ Die junge Frau arbeitet seit 2007 beim Autositze-Hersteller in Stadthagen. Unter denen, die es jetzt „trifft“, sagt sie, befänden sich auch jene, die sie einmal angelernt haben. „Die haben Familien und Kinder“, weiß Homoth.

 Nach der Hiobsbotschaft habe bei der Betriebsversammlung Stille geherrscht. „Das setzt dich in die Ecke“, sagt Homoth. Jeder sei in diesem Moment mit sich beschäftigt, mit Gedanken an die eigene, dunkle Zukunft.

 Salim Kisakol zeigt weniger Verständnis. „Das hat mich sehr enttäuscht, diese Ruhe“, sagt er. Der gelernte Kfz-Mechaniker ist vor 21 Jahren aus seinem alten Job zu Faurecia gewechselt. „Da kommt einer und erzählt so was“, ärgert sich Kisakol. „Das ist, als wenn plötzlich einer neben dir steht, die Maschine ausstellt und sagt: So, das war’s.“

 Die Leute, „die reden können“, denkt Kisakol: „Die müssen doch in so einem Moment aufstehen und ’was sagen.“ Aber keiner hätte „Mumm in den Knochen“ gezeigt.

 Salim Kisakol hat drei Kinder. „Planen kann ich schon seit zehn Jahren so gut wie gar nicht mehr“, spielt er auf den stetigen Stellenabbau bei Faurecia an. „Aber jetzt ist natürlich endgültig Schluss.“ Von ehemaligen Kollegen wisse der Vater: Bekommt er überhaupt wieder einen Job, wird der wesentlich schlechter bezahlt sein als seine jetzige Stellung.

 Seit 35 Jahren arbeitet Betriebsratsmitglied Manfred Kreusel am Standort. Von den Leuten, die über die Jahre geblieben sind, sagt er, kenne er nahezu alle persönlich. Kreusel: „In den Verhandlungen habe ich bei jeder Kündigung ein Gesicht vor Augen.“

 Der Betriebsrat werde versuchen zu retten, was zu retten ist. Auch wenn bei Faurecia, so Kreusel, streng genommen die Perspektiven ausgegangen seien. Faktisch bedeuteten die Pläne schließlich das Ende des Produktionsstandortes.

 Seine Gedanken niedergeschrieben hat Faurecia-Mann Martin Krügel. „Der Großteil der Beschäftigten hat einen wesentlichen Teil seiner Lebensleistung in die Arbeit bei Faurecia investiert und mit seiner Kraft und seinem Engagement zum langjährigen Erfolg beigetragen.“ Voller Frust heißt es in dem Papier weiter: „Kein Konzernlenker fühlt sich nun für die Zukunft der Menschen an diesem und an anderen ausblutenden Standorten verantwortlich.“

 Vor dem Werkstor sagt Krügel nicht minder wütend: „Die Autos sollen die Leute schon noch kaufen.“ Er frage sich nur, mit welchem Geld.

Meine: Das ist „Kahlschlagpolitik“

Die IG Metall ist empört über den kurzfristig angekündigten Arbeitsplatzabbau bei Faurecia.“ Das hat Hartmut Meine, IG Metall-Bezirksleiter für Niedersachsen, in einer Pressenotiz kundgetan. Anstatt tragfähige Lösungen zu erarbeiten, werde den Beschäftigten kurz vor den anstehenden Feiertagen die Schließung der Fertigung mitgeteilt und als alternativlos dargestellt.
„Seit Jahren,“ so Meine, „kennt der französische Sitzhersteller nur eine Antwort auf die Herausforderungen in der Schaumburger Kreisstadt: den Abbau von Arbeitsplätzen und die Verlagerung von Produktionsumfängen.“ Diese „Kahlschlagpolitik der Faurecia-Geschäftsführung auf Kosten der Beschäftigten und ihrer Angehörigen wird die IG Metall nicht ohne Gegenwehr hinnehmen“. Meine weiter: „Wir fordern die Landesregierung und die Politiker in der Region auf, ihren Einfluss auf die Geschäftsführung für den Erhalt der Arbeitsplätze zu nutzen.“

„Bittere Nachricht“

„Traurig und betroffen“ sei er über „die bittere Nachricht“ von Faurecia. Das hat der Stadthäger Bürgermeister Bernd Hellmann bekannt. Es sei „enttäuschend“, wie mit Mitarbeitern umgegangen werde, „die viele Jahre den Kopf für das Unternehmen hingehalten haben“. Die hiesige „Betriebsleitung“ habe offensichtlich „nur Konzernentscheidungen umzusetzen“, so Hellmann. Aus Sicht der Stadtverwaltung sagte er: „Wir haben offensichtlich keine Chance, hier einzuwirken.“ Stützungsmöglichkeiten hätte hingegen die Landesregierung gehabt, sagte Hellmann und stellte rhetorisch die Frage: „Was ist da aber in den letzten sechs, acht Jahren passiert?“

  • Der Stadthäger Europa-Abgeordnete Burkhard Balz (CDU) hat nach eigenen Worten am Dienstag mit Vertretern der Landesregierung gesprochen. Ministerpräsident David McAllister sei bereits in Kontakt mit der IG Metall. Handlungsmöglichkeiten für Arbeitnehmer und Land würden ausgelotet.
  • Als „Katastrophe für die Mitarbeiter und einen schweren Schlag für den Standort“ hat der Chef der SPD-Ratsfraktion, Karsten Becker , die Entscheidung bezeichnet. Becker, der noch am Freitag Gespräche mit Angehörigen des Betriebsrates geführt hatte, ist von der Rigorosität der Konzernentscheidung nach eigenen Worten „überrascht“ worden. Über den Stil der Geschäftsleitung sei er „persönlich enttäuscht“. Jetzt komme es darauf an, „zu retten, was zu retten ist“, so Becker. Denn durch das Ende der Produktion werde auch die hiesige Faurecia-Zentrale strategisch geschwächt. In dieser Frage sei auch die Landesregierung gefordert.
  • „Eine schreckliche Nachricht für die Mitarbeiter, ein schlimmer Schlag für den Wirtschaftsstandort“, entfuhr es CDU-Fraktionssprecher Heiko Tadge . Der Konzern interessiere sich „nur für Gewinn-Maximierung und nicht für Belange vor Ort“, kritisierte der Unionspolitiker. „Objektiv nur relativ wenig Einwirkungschancen“ sieht Tadge für die Politik. Ausnahme: „Vielleicht geht etwas über den Einfluss der Landesregierung auf VW.“
  • „Ich bin betroffen und extrem überrascht“, sagte Landrat Jörg Farr . Im Werk gebe es ein Team motivierter und spezialisierter Mitarbeiter. Die Anforderungen der Zukunft in der Automobilindustrie seien Effizienzsteigerung und Elektromobilität. Dafür seien qualifizierte Zulieferbetriebe wichtig. „Durch die Nichtnutzung solcher Ressourcen direkt vor den Toren Hannovers und Wolfsburg werden Potenziale verschenkt“, ist Farr überzeugt.
  • „200 Familien wird das Weihnachtsfest gründlich verhagelt“, kommentierte der niedersächsische SPD-Vorsitzende Stephan Weil : „Das ist menschlich unanständig und wirtschaftlich unsinnig.“ Weil rief alle im Landtag vertretenen Parteien auf, sich schnellstmöglich auf eine gemeinsame Protestnote zu verständigen, um der Konzernleitung „klarzumachen, dass wir diesen Kahlschlag nicht akzeptieren werden“.
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