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Wie Migranten zu Unternehmern wurden

Wirtschaft / Drei Erfolgsgeschichten Wie Migranten zu Unternehmern wurden

Landkreis. Die Eltern kamen zum Teil noch als Gastarbeiter nach Deutschland. Ihre Kinder wagen immer häufiger den Sprung in die Selbstständigkeit. William Adamson, Aziz Ipek und Giovanni Di Noto sind Unternehmer mit Migrationshintergrund, die Arbeits- und Ausbildungsplätze schaffen. Drei Erfolgsgeschichten aus dem Schaumburger Land.

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Der gebürtige Schotte William Adamson suchte für sich selbst Möbel – und kam so auf die Idee, sein eigenes Möbelgeschäft in Rinteln aufzubauen.

Quelle: tol

Adamson nicht in Deutschland bleiben, als er 1981 vor der Tür seiner in Bückeburg lebenden Schwester stand, um diese zu besuchen. Der gebürtige Schotte war drei Jahre lang als Weltenbummler unterwegs gewesen, wollte sich nur einige Tage in Schaumburg aufhalten. „Am 4. Januar bin ich angekommen“, erzählt er, „am 6. Januar sah ich eine Stellenanzeige der Firma Heye-Glas.“
Seine Englischkenntnisse waren gefragt, aber natürlich war auch die deutsche Sprache erforderlich. „Technisches Deutsch habe ich in der Firma gelernt“, erinnert sich Adamson. „Die deutsche Umgangssprache hat mir eine alte Dame aus Obernkirchen beigebracht, bei der ich ein Zimmer gemietet hatte.“ Später leitete William Adamson sogar Dolmetscherschulungen für andere Mitarbeiter. Bald heiratete er. Eines Tages wurde bei ihm „Multiple Sklerose“ diagnostiziert. Damit war er nicht mehr als Schichtarbeiter einsetzbar, das Einkommen schrumpfte gewaltig, obgleich er weiterhin bei Heye beschäftigt blieb, und seine Frau trennte sich von ihm.
„Ich hatte keine Möbel mehr und suchte eine möglichst günstige Einrichtung“, beschreibt der Schotte seinen Weg zum eigenen Möbelhandel. „Aus Haushaltsauflösungen kaufte ich die ersten Dinge auf – und das, was ich nicht selbst brauchte, verkaufte ich weiter.“ So entstand Adamsons eigenes Möbelgeschäft.
Von nun an ging es stetig bergauf. In der Rintelner Bahnhofstraße mietete er in einem Hinterhof eine Lagerhalle, wo er zunächst nach Feierabend Möbel verkaufte. Büromöbel kamen dazu, und sein Geschäft wurde so etwas wie ein „Geheimtipp“. Aus Haushaltsauflösungen und Restposten vom Großhandel suchte er sich sein Angebot zusammen. Bald reichte der Platz nicht mehr aus. Auf der Suche nach einem neuen Domizil fand er eine Halle an der Bünte in Rinteln.
1996 war sein Geschäft schließlich so gewachsen, dass er nach 17 Jahren bei der Firma Heye kündigte, um sich endgültig in die Selbstständigkeit zu wagen. Als gelernter Kaufmann war ihm der geschäftliche Teil einer Firma vertraut, und an handwerklicher Begabung fehlte es auch nicht. So fuhr er anfangs selbst mit einem Kumpel zu den Kunden, um die Waren zu liefern und aufzubauen. „Das hat mir sehr viel Spaß gemacht. Aber dann lief es so gut, dass ich zeitweise fünf Angestellte hatte“, erzählt Adamson.
Zwischenzeitlich gab es die Möglichkeit, ein paar Häuser weiter eine größere Räumlichkeit zu mieten. Und auch diese geräumigeren Hallen kann der geschäftstüchtige Schotte problemlos mit seinem Möbelsortiment füllen. Inzwischen gehören auch Küchenplanungen inklusive Aufbau zu seinem Angebot. Drei Fachkräfte beschäftigt er im Moment, außerdem zwei Teilzeitkräfte zum Ausliefern und Auf- und Abladen. Unterstützung erhält der 57-Jährige, der nach wie vor die schottische Staatsbürgerschaft besitzt, auch von seiner Lebensgefährtin. Außerdem sind seine drei Border Collies – eine schottische Hunderasse – ständige Begleiter in dem Laden.
Probleme mit seinem Migrationshintergrund hat William Adamson nie bekommen, weder während seiner Zeit bei Heye noch in der Selbstständigkeit. „Meine Kumpel haben mich eigentlich nie als Ausländer angesehen, vielleicht weil ich so schnell deutsch gelernt habe.“
Ganz anders als bei Adamson verlief der Weg in die Selbstständigkeit bei Aziz Ipek, Leiter der Ambulanten Pflege I & K an der Konrad-Adenauer-Straße. Er selbst wurde in Rinteln geboren und hat die deutsche Staatsangehörigkeit, aber seine Eltern sind Migranten. „Sie lebten im Osten der Türkei, hatten keine Arbeit und keine Perspektive“, erzählt Aziz Ipek. „So beschlossen sie Ende der sechziger Jahre, als Gastarbeiter nach Deutschland zu gehen.“
Aziz Ipek und seine beiden Geschwister kamen dann in Rinteln zur Welt. Nach dem Abitur stand eigentlich ein Medizinstudium oben auf seiner Wunschliste, aber es war schwer, einen Studienplatz zu bekommen. Und so absolvierte er zunächst eine Krankenpflegeausbildung in Bad Pyrmont und anschließend eine weitere Ausbildung zur Intensivpflege.
„Dann führte mich der Weg zurück nach Rinteln, wo ich vier Jahre lang die stellvertretende Leitung in einem Pflegedienst übernahm“, so der 38-Jährige. Ein anschließendes vierjähriges Studium „Pflegemanagement“ schloss er erfolgreich als Diplompflegewirt ab. Als Pflegemanager in Altenheimketten und im Leitungsbereich von Pflegediensten konnte Ipek seine Kenntnisse und Erfahrungen so weit vertiefen, dass er im Jahr 2009 anfing, zusammen mit seinem Bruder ein eigenes Projekt zu planen.
„Im Mai 2010 meldete ich mein Gewerbe an, mietete zunächst ein Büro in der Seetorstraße und suchte erste Mitarbeiter“, beschreibt Ipek den Weg zum eigenen Pflegedienst. Am 1. September 2010 war es dann so weit: Als frischgebackener Leiter des eigenen Pflegedienstes konnte er mit der gesetzlich geforderten Mindestanzahl an Mitarbeitern in sein neues Leben starten.
Heute, fast ein Jahr nach diesem Neubeginn, hat Ipek 17 Mitarbeiter, darunter examinierte Pflegekräfte, Betreuungskräfte, Hauswirtschafterinnen und eine Verwaltungsangestellte. „An erster Stelle stehen die Menschen“, sagt Ipek. Und so bietet er ein vielfältiges Angebot rund um die Pflege und Betreuung älterer Mitbürger an. Neben der ambulanten Pflege übernimmt er auf Wunsch Patenschaften für Schlüssel, steht bei Begutachtungen zur Seite und steht für Patientenfahrten innerhalb des Landkreises zur Verfügung. „Auch Nichtpatienten helfe ich gern“, bestätigt er.
Selbst mit dem Tod eines Patienten, der einen Partner hinterlässt, ist für ihn seine Aufgabe noch nicht beendet. „Wir lassen niemanden allein“, sagt er. Sein Unternehmen arbeite mit dem Hospizverein zusammen und weise beispielsweise auf die Möglichkeit der Trauerbegleitung durch diese ehrenamtlichen Helfer hin. „Aber ich nehme mir auch die Zeit, selbst zuzuhören, wenn es erforderlich ist.“
Man merkt Aziz Ipek die Freude an seinem Beruf an. „Es sind die kleinen Dinge, die den Ausschlag geben, sowohl für den Spaß an der Arbeit als auch für die Zufriedenheit der Patienten“, erzählt er. Im September feiert er mit seinem Unternehmen den ersten Jahrestag und wünscht sich weiterhin ein stabiles Unternehmen, das den Mitarbeitern Sicherheit bietet und eine menschliche Versorgung der Patienten im eigenen Heim ermöglicht. „Und dass ich weiter mit Spaß meine Arbeit machen kann“, sagt der Geschäftsmann, der auf seinem Weg keinerlei Probleme durch seine nichtdeutschen Eltern hatte. „Ganz im Gegenteil“, sagt er. „Man kennt sich in Rinteln, und alles ist hervorragend gelaufen.“
Es gibt keine genauen Zahlen, wie viele Unternehmer im Landkreis Schaumburg einen Migrationshintergrund haben, denn danach wird bei der Anmeldung eines Gewerbes nicht gefragt. Nach neuesten Erhebungen waren unter den Neuanmeldungen im Jahr 2010 im Landkreis etwa 15 bis 20 Prozent Gründer mit ausländischer Herkunft. Zum Vergleich: In Hannover waren es im gleichen Zeitraum 25 Prozent, die Stadt mit der höchsten Quote war Osnabrück mit 33,8 Prozent. Nienburg hingegen hatte nur knapp zehn Prozent Anteil an Neugründern mit Migrationshintergrund.
Auch Giovanni Di Noto ist erfolgreicher Unternehmer. Der klangvolle Name verrät das Heimatland seiner Eltern: Italien. Er selbst wurde in Bückeburg geboren. Sein Vater war als Gastarbeiter zur Firma Heye-Glas gekommen, allerdings nur mit einem Zeitvertrag. Mehrfach pendelte er zwischen Deutschland und Italien. Erst als man ihm einen unbefristeten Vertrag anbot, wagte er gemeinsam mit seiner Frau den Neuanfang.
„Nachdem ich meinen Schulabschluss hatte, wollte ich eigentlich Zahntechniker werden“, beschreibt Giovanni Di Noto seinen beruflichen Weg. „Aber ich fand keine Lehrstelle und machte erst einmal ein Praktikum beim Optiker Wehmeyer. Daraus wurde dann ein Lehrvertrag.“ Nach der Lehrzeit arbeitete er bei Optikern in Bielefeld und Minden, wagte aber später mit einem Kollegen als Teilhaber den Sprung in die Selbstständigkeit in Bückeburg.
„Das dauerte nur drei Jahre“, erinnert sich der 42-Jährige, „dann ging der Mitinhaber zurück, und ich musste überlegen, wie es weitergehen soll.“ Ein Meister war erforderlich, und so stellte der mutige Geschäftsmann eine Meisterin ein, bis er selbst die Ausbildung zum Augenoptikermeister absolviert hatte. Nebenbei machte er dann auch noch den Hörgeräteakustikermeister.
Inzwischen gibt es nicht nur den Optik- und Hörakustik-Laden in der Fußgängerzone in Bückeburg. 2010 übernahm Di Noto zusätzlich eine Filiale in Bad Eilsen.
Auch außerhalb seiner Läden wird es dem Ehemann und stolzen Vater zweier Töchter nicht langweilig. Er ist im Vorstand der Augenoptiker- und der Landes-Innung Hannover, im PR-Ausschuss des Zentralverbandes der Augenoptiker, Bezirksmeister für Schaumburg und Vorsitzender der Prüfungskommission für Augenoptik Hannover.
Giovanni Di Noto hat die italienische und inzwischen auch die deutsche Staatsbürgerschaft. „Ich sollte in einen Vorstand im Verband gewählt werden“, berichtet er. „Aber um gewählt werden zu können, musste ich Deutscher sein.“ Bis dahin hatte er als Italiener alle vier Jahre die Aufenthaltsgenehmigung erneuern lassen müssen. „Noch lustiger war es in Italien“, erzählt er lachend. „Ich war ja wehrpflichtig. Deshalb durfte ich mich höchstens drei Wochen am Stück in Italien aufhalten, wenn ich nicht eingezogen werden wollte, und musste mit Visum einreisen.“ Abgesehen von solchen Begebenheiten hat auch Di Noto keine nennenswerten negativen Erfahrungen auf seinem beruflichen Weg machen müssen, die mit seiner italienischen Herkunft zusammenhingen.
„Di Noto“ feierte am 1. August sein 20-jähriges Bestehen. Seine damals erste Auszubildende, Gundula Dohm, schaute an diesem Tag auf 20 Jahre Betriebszugehörigkeit zurück. Sie wurde später bei Di Noto zur Meisterin und Akustikmeisterin ausgebildet.

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