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Wissen Adipositas: Mediziner fordert bessere Therapie für extrem dicke Kinder
Nachrichten Wissen Adipositas: Mediziner fordert bessere Therapie für extrem dicke Kinder
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17:56 09.11.2018
Ein Jugendlicher nimmt an einem Abspeckprogramm für stark übergewichtige Jugendliche teil. Quelle: Peter Steffen/dpa
Hannover

Kinderarzt Martin Wabitsch von der Universitätsklinik Ulm warnt vor den gesundheitlichen Folgen der frühen Adipositas. Er ist Präsident der derzeit stattfindenden Jahrestagung der Deutschen Adipositas Gesellschaft in Wiesbaden. Ihm zufolge haben manche Kinder und Jugendliche bereits eine Herzmuskelverdickung oder andere Symptome, wie sie sonst erst im Alter ab 50 Jahren vorkommen. Gerade für diese Altersgruppe gebe es aber Versorgungslücken in der Therapie. „Sowohl Kniegelenk als auch Hüftgelenk bilden früh Verschleißerscheinungen“, sagte Wabitsch

Auch Fettleber oder eine Verfettung der Bauchspeicheldrüse „wie bei erwachsenen Patienten im Alter von 50 oder 60 Jahren“ seien bei jungen Patienten nicht selten vorhanden. „Die sind früh krank und häufig untertherapiert, denn Kinder- und Jugendärzte setzen zum Beispiel selten Blutdrucksenker ein“, sagte Wabitsch. „Da wird oft über viele Jahre etwas versäumt.“

Fast jedes dritte Kind ist übergewichtig

Zudem gingen Übergewicht und Adipositas mit einem hohen Leidensdruck einher, sagt Wabitsch. Bereits im Kindesalter würden Menschen mit Übergewicht stigmatisiert. Dabei sei das Körpergewicht in der frühen Kindheit zunächst genetisch bedingt und werde dann etwa vom Angebot an Lebensmitteln beeinflusst.

Nach einer Untersuchung des Robert Koch-Instituts zur Gesundheit von Kindern und Jugendlichen in Deutschland haben rund 26 Prozent der Fünf- bis Siebzehnjährigen in Deutschland Übergewicht, etwa 9 Prozent sind von Adipositas und damit von extremem Übergewicht betroffen.

Mehr als die Hälfte bleibt im Erwachsenenalter dick

Bei übergewichtigen Kindern im Alter von sechs bis neun Jahren liegt die Wahrscheinlichkeit, dass sie ein Leben als dicke Erwachsene führen werden, bei über 50 Prozent. Übergewichtige Kinder zwischen zehn und 14 Jahren sind sogar zu 67 Prozent gefährdet, auch im Erwachsenenalter mit Adipositas kämpfen zu müssen. Davor warnt der Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte.

Wer bereits im Jugendalter einen Body-Mass-Index (Körpergewicht dividiert durch das Quadrat der Körpergröße) von mehr als 30 habe, sei medizinisch nur noch schwer zu erreichen, warnte Wabitsch. „Nur ein kleiner Prozentsatz sucht aktiv nach einer Behandlung.“ Wenn Jugendliche nach Diätprogrammen mit frustrierendem Ausgang zu dem Ergebnis kämen, „das bringt ja alles nichts“, gingen sie oft gar nicht mehr zu Arzt.

Biologie und Lebensbedingungen sind schuld

„Gerade diejenigen, die früh im Leben adipös sind, haben später viel schlechtere Karten“, so Wabitsch. Die Daten zeigten auch, dass Jugendliche mit extremer Adipositas durch konventionelle Programme und Verhaltenstherapie nicht abnehmen könnten. Falsch sei es, den Kindern und Jugendlichen die Schuld an ihrem Zustand zuzuschreiben: „Nicht die Kinder sind schuld, sondern die Biologie und die Lebensbedingungen.“ Häufig hätten übergewichtige Kinder übergewichtige Eltern, die zudem wenig über gesunde Ernährung wüssten.

Wabitsch sieht für die wachsende Gruppe extrem adipöser Kinder und Jugendlicher drei Möglichkeiten: Entweder den Zustand des Gewichts zu akzeptieren und auf präventive Diabetes-Behandlung, Einstellung des Blutdrucks und ähnliche Maßnahmen zu achten. „Das ist nicht der optimale Weg, aber ein realistischer“, sagt er.

Unters Messer als letzte Möglichkeit

Eine weitere Möglichkeit sei eine stationäre Langzeittherapie über mehrere Monate hinweg. Dabei gehe es darum, den Lebensstil komplett umzustellen und ein ganz strenges Trainingsprogramm anzubieten. „Nur ein Teil der jungen Leute wird es schaffen, anschließend das deutlich reduzierte Gewicht zu halten“, so Wabitsch. Für die anderen komme als dritter Weg die Adipositas-Chirurgie infrage.

Von RND/so/dpa

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