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Wissen Zeitumstellung: Ewige Sommerzeit hätte fatale Folgen
Nachrichten Wissen Zeitumstellung: Ewige Sommerzeit hätte fatale Folgen
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14:46 12.09.2018
Die Zeitumstellung entscheidet darüber, wann der Tag beginnt. Quelle: Jan Eifert/dpa
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München/Berlin

Abends noch etwas mehr vom Tag zu haben – darauf hatten sich schon viele Deutsche gefreut. Bei der von EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker initiierten Umfrage zur Sommerzeit hatten sich Millionen Europäer für die Abschaffung der Zeitumstellung ausgesprochen. Ein Großteil der Deutschen plädierte in der anschließenden Debatte für eine ständige Sommerzeit. Konkret: Damit würden die Uhren Ende Oktober nicht um eine Stunde zurückgestellt. Es wäre also morgens zwar länger dunkel, dafür aber bliebe es abends auch im Winter länger hell.

Grundsätzlich begrüßen Wissenschaftler das Ende der Zeitumstellung, weil dieser künstliche Wechsel der biologischen inneren Uhr widerspreche. Allerdings warnen Mediziner jetzt davor, ausgerechnet die „ewige Sommerzeit“ einzuführen: Sie könnte fatale Folgen für die Gesundheit und das Wohlbefinden der Deutschen haben, so ihre Einschätzung.

Die drastischsten Worte dazu findet Till Roenneberg vom Institut für Medizinische Psychologie der Universität München. Stelle man die Uhren ganzjährig auf Sommerzeit um, werde es „riesige Probleme geben“, warnt er vor dem „Cloxit“. „Man erhöht die Wahrscheinlichkeit für Diabetes, Depressionen, Schlaf- und Lernprobleme - das heißt, wir Europäer werden dicker, dümmer und grantiger.“

Nachteile für deutsche Schüler und Studenten

Der Chronobiologe prognostiziert zudem: „Jedes Land, das das nicht macht, wird uns akademisch überholen“. Denn vor allem Schüler und Studenten seien betroffen, weil Lernen und das Gelernte zu verarbeiten, bei zu wenig Schlaf stark eingeschränkt werde. Im Alter von etwa 20 Jahren schlafe man besonders spät ein und stehe morgens entsprechend spät auf. Russland habe schon einmal versucht, dauerhaft die Sommerzeit einzuführen - und sei damit gescheitert, sagt Roenneberg.

Sein Kollege Henrik Oster, Direktor am Institut für Neurobiologie an der Universität zu Lübeck, geht noch einen Schritt weiter: Unabhängig von der Zeitumstellung plädiert er schon länger dafür, bei den Schulzeiten an der Uhr zu drehen. Denn die innere Uhr, das weiß man, geht in der Pubertät nach. Für Schüler, die um acht oder früher in die Schule müssen, beginnt der Unterricht quasi mitten in der Nacht. Darunter litten Gesundheit und Lernfähigkeit. „Die Auswirkungen können für den ganzen Lebensweg entscheidend sein“, konstatiert Oster.

Forscher kritisiert „Umfrage ohne Aufklärung“

Bei dauerhafter Sommerzeit müsse man an deutlich mehr Tagen im Dunklen aufstehen, sagt Roenneberg: „Je nach Wohnort haben sie sechs Wochen mehr dunkle Schulwege morgens.“ Er kritisiert, dass die Online-Befragung weitgehend ohne Aufklärung geschehen sei. „Wenn EU-Kommissionschef Jean-Claude Juncker gesagt hätte, dass wir künftig alle ganzjährig eine Stunde früher arbeiten müssen, wären die Leute auf der Straße gewesen. Es ist aber nichts anderes.“ Auch Ingo Fietze von der Berliner Charité sagt: „Da denkt im Moment keiner dran, weil es Sommer ist und so hell draußen. Wenn die Umfrage im Winter gewesen wäre, hätten wahrscheinlich viele für die Winterzeit plädiert.“

In einer nicht repräsentativen Online-Umfrage der EU-Kommission hatten sich 84 Prozent der 4,6 Millionen Teilnehmer gegen die Zeitumstellung ausgesprochen. Mitgemacht haben damit weniger als ein Prozent der EU-Bürger. Allein drei Millionen Antworten kamen aus Deutschland. Die meisten waren für eine dauerhafte Sommerzeit.

„Die Zeitumstellung gehört abgeschafft“, bekräftigte Juncker am Mittwoch in Straßburg. Voraussetzung ist, dass das Europaparlament und die EU-Staaten dem Vorschlag der EU-Kommission zustimmen. Juncker hofft, dass das bis spätestens März 2019 der Fall ist. Die Länder könnten dann selbst entscheiden, ob sie dauerhaft in der Sommer- oder in der Winterzeit bleiben wollen.

Schlafforscher sprechen sich für Winterzeit aus

Die Forscher und die Deutsche Gesellschaft für Schlafforschung und Schlafmedizin (DGSM) raten dringend zu einer dauerhaften „Normalzeit“, also der Winterzeit. „Die bisherige Winterzeit entspricht den Verhältnissen, die unter Berücksichtigung der natürlichen Lichteinflüsse für unseren Schlaf-Wach-Rhythmus am günstigsten ist“, sagt der DGSM-Vorsitzende Alfred Wiater. „Wenn wir im Winter am Morgen länger der Dunkelheit ausgesetzt sind, werden wir schlechter wach“, sagt Wiater. Das könne Konzentration und Aufmerksamkeit beeinträchtigen und zu mehr Fehlern in der Schule und im Job führen sowie Unfälle begünstigen.

Licht und Dunkelheit bestimmen unsere innere Uhr - wann wir wach und wann wir müde werden. Das Problem ist: Die wenigsten Deutschen können sich nach diesem natürlichen Rhythmus richten. Ihr Tagesablauf wird von der sogenannten sozialen Zeit bestimmt. Der Großteil braucht daher morgens einen Wecker, um pünktlich bei der Arbeit oder in der Schule zu sein. Roenneberg nennt das „sozialen Jetlag“.

Medizin-Nobelpreis 2017 für Erforschung der biologischen Uhr

Wenn es durch die Sommerzeit abends länger hell ist, setzt die Produktion des Schlafbotenstoffs Melatonin erst später ein. Man wird nicht rechtzeitig müde, muss aber morgens trotzdem früh aus dem Bett. Mit der Zeit drohe Schlafmangel und chronische Übermüdung, sind sich die Wissenschaftler einig. Das führt wiederum zu schweren Folgekrankheiten. Wie wichtig die Forschung in dem Bereich ist, hat auch der Medizin-Nobelpreis 2017 hervorgehoben. Die drei ausgezeichneten US-Forscher hatten das biologische Uhrwerk von Menschen, Tieren und Pflanzen maßgeblich erforscht.

Auch die Umstellung der Uhren wie bisher bringt für viele Menschen Probleme mit sich - wie lange diese anhalten, ist individuell unterschiedlich. „Ein Drittel der Deutschen sind begnadete Schläfer. Die interessiert das alles gar nicht. Ein Drittel sind schlechte und ein Drittel sensible Schläfer“, sagt Fietze. Und diese litten unter dem Hin und Her wie unter einem Jetlag. „Normalerweise braucht man für eine Stunde Zeitverschiebung einen Tag zur Gewöhnung - es darf auch bei manchen zwei oder drei Tage dauern.“

Auch bei den Schulzeiten an der Uhr drehen

Einer Studie der Universität Erlangen-Nürnberg zufolge senkt die Uhrenumstellung auf die Sommerzeit vorübergehend sogar die Lebenszufriedenheit. Der Grund: Zusätzlich zum körperlichen Jetlag fühlten sich die Menschen in ihrer Souveränität im Umgang mit der Zeit beschnitten. In der zweiten Woche nach der Umstellung erreicht die Zufriedenheit demnach wieder ihr ursprüngliches Niveau. Die Zurückstellung im Herbst hat demnach dagegen keine messbaren Auswirkungen.

Die ewige Sommerzeit, folgern die Forscher, führe also langfristig gesehen eher zu einer Verschlechterung des Wohlbefindens der Deutschen.

Von Sonja Fröhlich/RND/dpa

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