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Wissen Zu viel „Liebe“
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15:00 06.02.2018
An dieser Stelle schildert Paartherapeut Christian Hemschemeier regelmäßig Fälle aus seiner Praxis. Quelle: gpt
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Hannover

Im vergangenen Jahr habe ich häufig darüber geschrieben, wie problematisch Beziehungen sein können, in denen man über die Zeit immer weniger bekommt und sich „abgefertigt“ fühlt.

Interessanterweise kann aber auch das Gegenteil Probleme bereiten. Julia und Tobias kommen in meine Praxis. Sie sind erst zwei Jahre zusammen, aber Tobias verliert schon seit langer Zeit immer mehr das Interesse an ihr. Er kann selbst nicht genau sagen, woran das liegt, weil es nur selten größere Streite gibt. Meistens läuft eine Auseinandersetzung so, dass eher Julia etwas anspricht, dann beide kurz ihre Positionen austauschen. Tobias sagt dann etwas in der Richtung von „wir müssen diese Beziehung ja nicht führen“, woraufhin Julia nachgibt und der Streit beendet ist. Julia hat allerdings durchaus einige Kritikpunkte, die sie aber eher sammelt als zeitnah anspricht. Dann ist es oft eine Kleinigkeit, die das Fass zum Überlaufen bringt. Tobias kann meist nicht verstehen, warum diese Kleinigkeit der Grund für den Streit ist, weil er das lange angehäufte „Ärgerkonto“ seiner Partnerin gar nicht wahrnimmt.

Wenn zu viel Aufmerksamkeit zu viel wird

Für Julia ist Tobias aber laut ihrer Aussage ansonsten „eigentlich der perfekte Partner“, und sie will die Beziehung um jeden Preis erhalten.

Im Beziehungsalltag läuft es so, dass Julia eigentlich alles für Tobias macht. Sie räumt seine Wohnung auf, kocht oft für ihn, und sie hat die Lust auf Sexualität mit ihm nie verloren. Sie möchte ihn so oft wie möglich sehen. Auch wenn Tobias mal Freiraum braucht, gibt sie ihm diesen. Aber Tobias merkt trotzdem, dass sie sich dann nicht wirklich wohl fühlt. Besonders an Weihnachten ist ihm aufgefallen, dass sie ihm viel zu viel geschenkt hatte.

Im Einzelgespräch sagt Tobias, dass sie eigentlich alles „richtig“ macht. Dennoch fühle er sich nicht wirklich frei. Er habe das Gefühl, sie stelle ihn „auf ein Podest“. Dass sie so viel für ihn tue, genieße er schon sehr. Er würde sie auch grundsätzlich sehr attraktiv finden. Es quäle ihn dennoch regelrecht, dass er sich nicht wirklich wohl fühle in der Beziehung.

Nur auf die Beziehung fokussiert

Julia erzählt davon, wie sehr sie schon immer „ihn“ gewollt habe. Es sei exakt der richtige Partner und sie würde auch gern zu ihm ziehen. Es wird außerdem deutlich, dass Julia sehr an sich als Partnerin zweifelt und eigentlich das Gefühl hat, ihr Freund wäre „eine Liga über ihr“. Ich bespreche mit ihr, dass sie sich viel zu sehr fokussiert auf die Beziehung. Ich frage sie, ob sie wirklich „aus Liebe“ all diese Sachen macht oder ob es nicht doch unterbewusst darum geht, sich (aufgrund eines alten Musters) Liebe verdienen zu wollen. Sie kennt dies von zu Hause, wo sie immer das Gefühl hatte, sich alles erkämpfen zu müssen. Wir besprechen, wie schwierig es manchmal ist, herauszufinden, ob man Dinge wirklich aus „reiner Liebe“ tut (was bedeutet, man erwartet eigentlich nichts zurück, weil das Geben an sich schon erfüllend ist) oder ob man sie tut, um vom anderen das Gleiche zurückzubekommen.

Erste Hilfe: Selbstliebe stärken

Selbstliebe ist immer attraktiv. Sich selbst nicht so wichtig zu nehmen und dem anderen alles zu geben hingegen nicht so sehr. Die Unterschiede sind im äußeren Verhalten manchmal sehr subtil, aber die Wirkung kann eine total andere sein.

Wenn es wirklich frei gegeben ist (was in Reinform eher selten der Fall sein dürfte), entsteht beim anderen nicht dieses Gefühl von „Verpflichtung“.

Die Lösung für beide ist schließlich (nach einigen Sitzungen), dass Julia sich mehr um ihr restliches Leben kümmert und dort mehr Energie hineingibt. Außerdem macht sie deutlich, dass sie Grenzen hat und keineswegs die Beziehung um jeden Preis führen will. Tobias darf lernen, einfach anzunehmen was Julia ihm gibt, und sich immer wieder zu sagen, er muss nicht das exakt Gleiche zurückgeben. Das führt dazu, dass er sich auch wieder viel wohler und freier fühlt in der Beziehung. (Namen geändert)

Der Autor ist unter www.liebeschip.de zu erreichen.

Von Christian Hemschemeier/RND

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