Oder was soll denn das - könnte man mit kritischem Unterton Herrn Dr. Westerwelle fragen? Althistoriker, die sich mit dem Verfall oder dem Untergang des römischen Reiches befasst haben, kommen ja zweifellos zu einer Reihe von Ursachen, denen sie jeweils eine unterschiedlich gewichtige Bedeutung an dekadenten Wirkungen beimessen. So ein Hobbyhistoriker wie Herr Dr. Westerwelle hat mit seiner Wortwahl Anlass gegeben, auf ihn - auch persönlich verletzend - einzuschlagen; und er hat trotz der bevorstehenden NRW Landtagswahl mit seinen Äußerungen der FDP einen kurzzeitigen erheblichen Imageeinbruch verschafft. Die Historiker haben nun eifrig damit zu tun, ihm „geschichtswissenschaftlich“ nachzuweisen, dass dieser rhetorische Sprung in die römische Spätepoche wohl voll oder zumindest teilweise daneben war. Das Ergebnis ist mir gleich. Provozierende Rhetorik ist aber erlaubt, und wie wir alle feststellen, kann sie sehr aufrüttelnd und nachdenklich machend wirksam sein.
Erstaunlich was so eine Wortwahl „Spätrömische Dekadenz“ bewirken kann. Hat denn vor der Bundestagswahl niemand richtig zugehört? An dem, was vor der Wahl gesagt worden ist, hat sich doch gar nichts geändert. Und die Politiker und besonders alle, die an gesellschaftlichen Entscheidungsprozessen beteiligt sind, müssen sich jetzt positionieren. Für die Opposition sind Westerwelles Aussagen Öl ins Feuer des Vorwurfs der sozialen Kälte, weil sie immer noch nicht einsehen wollen, dass wir bald eine soziale Eiszeit haben werden, nämlich dann, wenn der Teil der Bevölkerung, der Sozialleistungen erhält, zunehmend größer wird, während der Teil der Bevölkerung, der die Sozialkassen füllt, immer kleiner wird. Wie gut, dass es auch Politiker gibt, die zu dem stehen was sie sagen. Aber: „Wer die Fackel der Wahrheit durch die Menge trägt, läuft Gefahr, anderen den Bart zu verbrennen.“
Paul-Egon Mense, Rinteln
(veröffentlicht in der SN-Printausgabe vom 05.03.2010, Seite 8)
Kommentare
Spätrömische Dekadenz – was ist denn das? Gerd Altwicker – 08.05.10
Sehr geehrter Herr Paul-Egon Mense,wissen Sie eigentlich, wie sinnstiftend Arbeit ist? Ich glaube daher nicht, das Menschen und ganze Familien nicht arbeiten wollen. Sie können in der Regel davon ausgehen, das so gut wie jeder arbeiten will. Alleine schon um in unserer Leistungsgesellschaft Anerkennung zu finden. Hartz IV Empfänger sind nicht besser oder schlechter als andere Menschen. Sie versuchen auch nur im Leben zurecht zu kommen wie jeder andere.
Aus diesem Grunde ist der Satz von Westerwelle "Wer arbeitet, muss mehr haben als derjenige, der nicht arbeitet", vollkommen unsinnig. Vielleicht sollte Herr Westerwelle einmal weniger arbeiten in seinem Sinne (Herr Westerwelle weiß überhaupt nicht was Arbeit ist), sondern mehr Leistung erbringen, denn zur Zeit bringt er eine außergewöhnlich hohe Negativleistung für Deutschland und ganz Europa. Dafür bekommt der, von der spätrömischen Dekadenz befallene Hutständer auch noch Geld.
Auf Herrn Westerwelle trifft das Zitat von Bertolt Brecht zu: Wer die Wahrheit nicht weiß, der ist bloß ein Dummkopf. Aber wer sie weiß und sie eine Lüge nennt, der ist ein Verbrecher.
Gleichzeitig müssen die arbeitenden Menschen und die Arbeitslosen, Kranken und Hoffnungslosen es ertragen, dass sich so ein arrogantes Etwas über sie erhebt.
Sie brauchen die Historiker nicht mehr zu bemühen, ich liefere Ihnen die Auflösung des "geschichtswissenschaftlichen" Nachweises: Die spätrömische Dekadenz bestand darin, dass die Reichen und Eliten nach ihren Fressgelagen sich in Eselsmilch gebadet haben und der Kaiser Caligula einen Esel zum Konsul ernannt hat.
So kann man auch verstehen, dass Herr Geißler nach 100 Tagen Amtszeit von Westerwelle feststellt: Vor 100 Tagen sei ein Esel zum Aussenminister gemacht worden.
Ich hoffe nicht, dass Sie Bartträger sind, sonst würden Sie sich an Ihrer Fackel der Wahrheit selbst verbrennen. Auf diesen Kommentar antworten Kommentar melden
ja nee is klar stadthagener – 08.03.10
mein lieber herr mense--wohl nicht nur den ? verbrand ? oder?na klar, jobs gibts hier ja ohne ende in diesem land, meisten so viele das einige sogar mehrere auf einmal haben.
nur die faulen harzer- die wollen einfach nicht. so einfach ist die welt.
wichtig ist das die leistungsträger, wie z.b. herr nonnenmacher und konsorten, wieder ordentlich für ihre leistung belohnt werden. obwohl- lohn bekommen die ja garnicht, denn die sind ja was besseres.
ach, wie war das noch bei otis? da hatten die leistungsträger auch keinen bock mehr weil das werk nur schwarze zahlen geschrieben hat. wo sind die arbeitsplätze heute? wieviele von den ehem. beschäftigten beziehen noch heute leistungen aus den sozialkassen?
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