Von Wilhelm Söhlke
In meiner Kindheit gab es bei uns keine epidemisch auftretenden Grippen, und sollte sich von Ferne eine Erkältung ankündigen, wurde diese mit Lebertran bekämpft. Jedenfalls war mein Großvater fest davon überzeugt, dass Lebertran für mich die beste Medizin sei. Dagegen war Lebertran für mich mit Herbst und Winter verbunden, und an den Geschmack denke ich mit Schaudern. Ich weiß noch genau, wie die Flasche aussah, etwas bauchig, Inhalt bestimmt 0,7 Liter, durchsichtig, damit man die graue, etwas milchige Farbe des Inhalts sofort erkennen konnte.
Es war jeden Abend die gleiche Prozedur: Um Punkt 6 Uhr hatte ich bei meinen Großeltern anzutreten. Während meine Großmutter mir gut zuredete, zwängte mein Großvater mir einen Esslöffel der edlen Medizin in den Mund. Bevor der Brechreiz kam, runterschlucken. Hinterher gab es als Belohnung ein dickes Himbeerbonbon.
Rückblickend betrachtet, hat es mir nicht geschadet. Jedenfalls kann ich mich an keine gravierende Erkältung in meiner Kindheit erinnern. Und außerdem, so dozierte mein Großvater, sei Lebertran gut für die Knochen und das Blut. Also: „Keine Widerworte, Du willst ja schließlich groß und stark werden.“
Mein Kampf mit dem Lebertran dauerte einige Jahre, dann hatten wir uns angefreundet. Ich werde mir demnächst mal wieder eine Flasche holen.
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