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Alle Vögel sind schon da? Schön wär’s

Schwalben-Rückgang Alle Vögel sind schon da? Schön wär’s

Beim Rundgang durch die Stallungen seines um 1880 erbauten Hofes in Bernsen muss Oliver Brinkmann nicht viel erzählen, die Zahl der fliegenden und brütenden Schwalben spricht für sich: Dort finden die Flugkünstler ein kleines Paradies vor, dort haben sie alles, was sie benötigen: ein- und Ausflugschneisen und jede Menge Platz.

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Bei Oliver und Sarah Brinkmann sind Schwalben willkommen. rnk

Bernsen. Noch kennt sie jeder, die Rauch- und Mehlschwalben, die das Ende des Winters verkünden. Jahrhunderte lang gehörten sie in jedes Dorf, auf jeden Bauernhof und auch in jede Stadt – sie gelten als Vorboten des Sommers.

Schwalben haben sich als sogenannte Kulturfolger an eine vom Menschen geprägte Umgebung angepasst. Sie tauschten ihre ursprünglichen Brutplätze an felsigen Steilküsten gegen einen Platz im Stall oder an der Hauswand ein. Somit blieb den Menschen ihre jährliche Rückkehr nicht verborgen: „Wenn Schwalben am Haus brüten, geht das Glück nicht verloren“, sagt ein Sprichwort. Dieser enge Bezug zum Menschen hat jedoch nicht verhindern können, dass die Schwalben in Deutschland und insbesondere auch in Niedersachsen in den vergangenen Jahrzehnten immer seltener geworden sind.

Der Grund für den Rückgang liegt vor allem in der Beeinträchtigung der Lebensräume. Versiegelung von Feldwegen, Höfen und Dorfplätzen, Umwandlung von Grünland in intensiv genutzte Äcker, Einsatz von Insektiziden sowie in jüngerer Zeit moderne Fassadenbauweisen und Hygienevorschriften der intensiven Landwirtschaft machen den Mehl- und Rauchschwalben zu schaffen: Sie finden oft keinen lehmigen Boden zum Bau ihrer Nester mehr, können ihre Nester an den glatten Fassaden nicht befestigen.

Oder sie sind sogar der Nachstellung durch den Menschen ausgesetzt, weil Hausbesitzer die Nester nicht dulden und abschlagen. Mit seinem Projekt „Schwalben willkommen“ will der Naturschutzbund (Nabu) den Vögeln helfen. Und derjenige, der den Vögeln hilft, wird ausgezeichnet, so wie Oliver und Sarah Brinkmann. Zwar sind sie unmittelbare Nachbarn von Rolf Wittmann, dem Auetaler Nabu-Chef, doch zur Übergabe der Auszeichnung reist der Vorsitzende des Nabu Burgdorf, Lehrte, Uetze an, denn dort ist Uwe Brinkmann noch immer Mitglied, auch wenn er vor zwölf Jahren ins Auetal zog.

Mit dem Vorsitzenden aus Hannover ist er sogar verwandt, es ist sein Vater Dirk Brinkmann, der an diesem Tag Geburtstag feiert. In Bernsen habe die Familie Brinkmann die Struktur des Hofes aufrechterhalten, sagt Dirk Brinkmann bei der Übergabe der Urkunde, die Stallungen werden ja weniger, die Rauchschwalbe hat es immer schwerer. Dabei ist sie dem Menschen am nächsten, was schon an ihrem Namen erkennbar ist: Gerne hat sie früher am Rauchfang gebaut, also der trichterförmigen Haube über einem freien oder offenen Feuer – im Gegensatz zur Mehlschwalbe, die außen an den Häusern ihre Nester baut, aber immer weniger Pfützen in der Natur vorfindet, in denen sie den für den Nestbau notwendigen Lehm findet.

Der Mensch also muss helfen. Und Dirk Brinkmann erzählt, wie er vor 40 Jahren gebaut hat: ein Haus mit viel Rasen, wie es in den siebziger und achtziger Jahren üblich war. Heute prägen Margeriten und Habichtskraut seinen Garten, dafür wird er regelmäßig von Buch- und Grünfinken und Stieglitzen besucht. „Doch generell schreitet das Sterben der Artenvielfalt voran“, sagt Brinkmann. Denn nur wenige Arten haben von den Schutzbemühungen der vergangenen Jahre profitiert. So gibt es heute wieder deutlich mehr Seeadler, auch Wanderfalke und Steinkauz haben sich erholt.

Aber 30 Vogelarten werden auf der Roten Liste der bedrohten Arten als „vom Aussterben bedroht“ eingestuft. 24 weitere gelten als „stark gefährdet“. Im April haben die Grünen im Bundestag eine Kleine Anfrage eingereicht: Sie wollten von der Regierung wissen, wie es um die Vögel in Deutschland steht. Die Antworten auf die Anfrage sind erschreckend: Seit 1960 sind 16 Vogelarten „ausgestorben oder verschollen“, darunter Zwergsumpfhuhn, Schlangenadler und Blauracke. Alle Vögel sind schon da? Schön wär’s.

Oliver Brinkmann kann in Bernsen ein weiteres Beispiel nennen: Als er ins Auetal zog, konnte er stets im Frühsommer den Kuckuck schreien hören; das ist heute fast vorbei. Seit die Wirtsvögel wie der Teichrohrsänger früher aus ihrem afrikanischen Winterquartier zurückkehren und zu brüten beginnen, wird es schwierig für den Kuckuck. Denn pünktlich wie die Kuckucksuhr kehrt er nach wie vor erst Mitte April aus seinem Winterquartier zurück.

Das heißt: Er kommt pünktlich zu uns – und damit zu spät, denn alle Vögel sind längst da. Dann hat er aber kaum noch Chancen, den Zieheltern in spe ein fremdes Ei unterzujubeln. Denn auch der dümmsten Vogelmama fällt irgendwann auf, wenn unter ihren schon geschlüpften Jungen ein Kuckucksei liegt. rnk

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