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Auetal Allerlei Seelenleid
Schaumburg Auetal Allerlei Seelenleid
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00:25 12.03.2015
Quelle: PHOT'OSSTRICKER
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Rolfshagen

 Ob sie damit die Zahl der Zuhörer gemeint hat? Nur ein gutes Dutzend hat den Weg gefunden, um sich das „Aschenglück“ anzuhören.

 Kosok erzählt Märchen, und dazwischen gibt es kleine Denkanstöße, was man aus diesem Märchen für das eigene Leben lernen könne. Was man als Zuhörer sofort bemerkt: Märchen sind sprachliche Kostbarkeiten, diese Texte bereichern den Wortschatz enorm. Wann hat man zuletzt von einem Menschen gehört, dass er böse und „garstig im Herzen“ sei? Von „allerlei Seelenleid“? Oder von Linsen, die es „auszulesen“ gilt?

 Aber schon die Brüder Grimm selbst wollten ihre „Kinder- und Hausmärchen“ eindeutig als „Erziehungsbuch“ verstanden wissen – aus dieser Art pädagogischem Ratgeber sollten die Leser Morallehren ziehen.

 Und so können die Stiefschwestern zwar den Königssohn täuschen, weil sich die eine den Zeh abschneidet und die andere die Ferse, damit der Fuß in den Schuh passt, aber die beiden Vögel auf dem Baum, die lassen sich nicht verwirren: Der Schuh ist zu klein, die richtige Braut ist noch daheim, gurren sie – und der Königssohn kehrt um. Bei der Hochzeit erhalten die bösen Stiefschwestern ihre Strafe: Die beiden Vögel hacken ihnen die Augen aus. Die Hamelner Erzählerin hat anschließend eine Frage an die Zuhörer: „Wann können Sie Ihre Zehen mal wieder frei bewegen?“

 Kosok ist eine gute Erzählerin, mit einer tragenden Stimme, die sich auch nicht zu schade ist, in der Pause mit den Zuhörern zu plaudern und davon zu erzählen, dass sie sich in einem Märchen immer, aber wirklich immer verspricht: Statt „Schleppe tragen“ entfallen ihrem Munde stets die Worte „Treppe schlagen“.

 Die Schuhe, die Aschenputtels Schwestern zu klein sind, sieht die Erzählerin als Metapher: Man könne sich aus ihnen ja auch befreien, und „manchmal haben wir vergessen, nach innen zu schauen“.

 Und dann erzählt sie von dem jungen grönländischen Fischer, der hinausfährt, weil er nichts weiß von der Skelettfrau, die tief im Meer liegt. Er fischt sie heraus, und sie folgt ihm – in die Einsamkeit des Iglus. Und dort richtet er ihr die Knochen, legt alles an seinen richtigen Platz, und sie legt ihm ihre knöcherne Hand auf die mächtige Trommel seines Herzens und trinkt die Tränen, die er vergießt. Sehr glücklich sollen sie gewesen sein, so erzählt man es noch heute bei den Inuit. Kosok sieht es so: „Sie ist hinaufgestiegen, obwohl sie nicht wusste, was sie erwartete.“ Der große Held, das kleine Kind, der Penner oder die große Dame: „Man muss sich trauen – und weinen lässt einen wieder atmen.“ Denn: „Wir haben es in der Hand, uns zu ändern.“

 Sehr schön auch das Märchen von den drei Federn und dem Dummling, dem jüngsten der drei Brüder. Er ist unverdorben, fähig zur unvoreingenommen Tat, aus sich heraus. Er ist noch nicht entwickelt, differenziert, er ist, wie es gern im Märchen heißt, „nicht recht von dieser Welt“. Er ist nicht so typisch männlich. In der männlichen Gesellschaft von Vater und Brüdern ist der Dummling nicht akzeptiert, aber er steht zu seinen weiblichen Anteilen. Er siegt, indem er sich der Macht seines Unbewussten bedient, von dem seine Konkurrenten abgeschnitten bleiben – sie bleiben auf die Oberfläche der Dinge fixiert. Doch wer in die Unterwelt steigt (und höflich zu Kröten ist), der erhält am Schluss die schönste Braut und den Platz auf dem Thron, und alles Murren hat ein Ende – und: „Ach, das Volk staunte nicht schlecht, denn der Dummling herrscht weise und gut und lange.“

 Und Beate Schürmann sollte sich nicht entmutigen lassen: Auch Riesen haben einmal klein angefangen – das gilt gerade für den kulturellen Bereich. rnk

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