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Auetal Angst vor der Blauzungenkrankheit
Schaumburg Auetal Angst vor der Blauzungenkrankheit
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00:22 22.02.2019
Milchbauer Dirk Blaue und sein Sohn Jannik sind in Sorge. Sie haben sich entschlossen, ihre 220 Rinder impfen zu lassen. Quelle: leo
Auetal

Die Leiterin des Veterinäramtes, Dr. Kerstin Haver, rät zu einer Impfung. „Es ist sehr wahrscheinlich, dass der Virus auch in unserem Landkreis Tiere befallen wird“, sagt Haver im Gespräch mit dieser Zeitung. Die Blauzungenkrankheit muss aber nicht einmal im Landkreis auftreten, um trotzdem die heimischen Tierhalter zu betreffen. Denn: Tritt die Krankheit auf, wird im Umkreis von 150 Kilometern ein Sperrbereich eingerichtet. „Wenn die Krankheit also im nordrhein-westfälischen Detmold ausbrechen würde, dann wäre auch der Landkreis Schaumburg von der Sperrzone betroffen“, sagt Haver. Aus dem Sperrbereich heraus dürfen dann nur geimpfte Tiere transportiert und vermarktet werden, erklärt die Expertin. Auch das sei ein Grund, warum viele ihre Tiere impfen lassen würden.

Milchbauer Dirk Blaue aus Borstel ist in Sorge. Bereits vor zehn Jahren, als die Krankheit zuletzt in Deutschland ausbrach, haben sich seine Rinder mit den Viren infiziert, „obwohl sie im Stall geblieben sind und nicht draußen waren“, erinnert sich Blaue. Fünf seiner Kühe starben infolge der Blauzungenkrankheit.

Impfung für 220 Rinder

Diesmal will der Bauer vorsorgen. Blaue hat sich bereits informiert. Er will seine 220 Rinder mit einer Impfung gegen die Viren, die durch Mücken übertragen werden, schützen lassen. Die freiwillige Schutzimpfung nennt Blaue ein „notwendiges Übel“. Wie tief er für die Impfung seiner Tiere in die Tasche greifen muss, weiß er noch nicht. Blaue geht aber davon aus, dass es teuer werden dürfte. Das sei gerade bei dem derzeit niedrigen Milchpreis ärgerlich. „Bisher weigert sich die Tierseuchenkasse, die Kosten für die Impfung zu übernehmen“, sagt Blaue. Der Milchbauer will noch einmal mit der Versicherung reden, um doch noch eine Kostenübernahme zu erreichen. So schnell gibt er nicht auf. Als die Krankheit das letzte Mal ausgebrochen war, hatte die Kasse noch Geld zur Impfung dazugegeben. Sein Vieh will Blaue aber auf jeden Fall impfen lassen – koste es, was es wolle.

Impfstoff ist derzeit aber Mangelware. „Jetzt, wo die Krankheit ausgebrochen ist, wollen viele ihre Tiere impfen lassen – und da kommt die Industrie nicht hinterher“, erklärt die Leiterin des Veterinäramtes. Das weiß auch die Hessisch Oldendorfer Tierärztin Kirsten Döffinger-Kick, die viele Tiere im Auetal medizinisch versorgt. Bei ihr haben bereits einige Nutztierhalter Impfstoff bestellt. „Es gibt derzeit einen Engpass bei der Lieferung, deswegen lohnt es sich, die Impfdosen vorzubestellen. Das haben auch schon viele Tierhalter getan“, sagt Döffinger-Kick.

Schutz erst nach 60 Tagen

Wer bereits bestellt hat, muss trotzdem lange warten. „Der Impfstoff kann frühestens Ende April oder im Mai geliefert werden“, sagt die Tierärztin. Es könne aber auch durchaus noch länger dauern. Möglich sei sogar, dass manche Impfstoffe erst im Sommer geliefert werden können, meint die Tierärztin. Ein sicherer Schutz gegen das Virus würde erst 60 Tage nach der Impfung bestehen, sagt Haver.

Bauer Blaue hat bereits bei seinem Tierarzt Impfstoff bestellt. Doch auch er muss bis Ende April warten. „Das ist schlecht. Eigentlich wäre es besser gewesen, die Tiere zu impfen, bevor es wärmer wird“, sagt Blaue. Der Viehhalter, der sich mit dem Gedanken trägt, ein paar seiner Tiere zu verkaufen, möchte auch deshalb seine Rinder impfen lassen. Dass die Krankheit durch die Impfung ausgerottet werden kann, bezweifelt Haver. „Dafür müsste eine generelle Impfpflicht bestehen.“

Auch für die Mufflons im Auetal kann der Blauzungenvirus vom Stereotyp 8, der von Frankreich nach Deutschland eingeschleppt wurde, gefährlich werden. „Nur fällt eine Infektion hier viel später auf. Wir merken es erst, wenn Jäger oder Förster totes Muffelwild finden und uns darüber informieren“, sagt Haver. Das Veterinäramt würde in so einem Fall den Kadaver zum Landesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit, kurz LAVES, in Hannover schicken. „Dort untersuchen Pathologen dann das verstorbene Tier und schauen, ob das Schaf an der Blauzungenkrankheit gestorben ist“, sagt Haver. Bisher sei aber noch kein totes Muffelwild angezeigt worden.

Von Leonhard Behmann

Die Blauzungenkrankheit

Bei der Blauzungenkrankheit handelt es sich um eine ansteckende und anzeigepflichtige Tierseuche, die vor allem Rinder, Schafe und Ziegen befällt. Der Erreger der Blauzungenkrankheit, das Blue-Tongue-Virus (BTV), wird durch stechende Insekten, sogenannte Gnitzen, übertragen und ist für den Menschen ungefährlich. Mit dem Ausbruch im Dezember 2018 in Baden-Württemberg hat Deutschland den BTV-Freiheitsstatus verloren, weitere aktuelle BTV-Fälle wurden im Januar 2019 im Saarland und in Rheinland Pfalz registriert. Um die Ausbruchsbestände wurden Sperrgebiete eingerichtet. Davon sind neben Baden-Württemberg, Saarland und Rheinland-Pfalz auch Hessen und Nordrhein-Westfalen betroffen. Nach Angaben des Landesamtes für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (LAVES), sind die Symptome bei Rindern Entzündungen der Zitzenhaut und Schleimhäute im Bereich der Augenlider, Maulhöhle und Genitalien. Zudem würden Ablösungen von Schleimhäuten im Bereich der Zunge und des Mauls sowie Blasen am Kronsaum auftreten. Das Virus würde in den Tieren in der Regel 100 Tage aktiv bleiben und sich insbesondere unter der Haut sammeln. Schafe zeigen laut LAVES circa sechs bis sieben Tage nach der Infektion die ersten Anzeichen einer akuten Erkrankung. Erhöhte Körpertemperatur, Apathie und Absonderung von der Herde seien typisch. Nach dem Anstieg der Körpertemperatur würden die geröteten Maulschleimhäute anschwellen, und es würde zu vermehrtem Speichelfluss und Schaumbildung vor dem Maul kommen, erklärt das LAVES. Die Zunge würde zudem anschwellen, blau werden und kann aus dem Maul hängen. leo