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Das war Steinbrücks große Chance

Antendorf / Grünkohlessen Das war Steinbrücks große Chance

Peer Steinbrück ist nicht zum traditionellen Grünkohlessen der Auetaler SPD erschienen. Was sich auf den ersten Blick als normalste Sache der Welt liest, ist auf den zweiten eine kleine Geschichte, denn eine Einladung hatte der designierte Kanzlerkandidat der SPD ja erhalten: Weil der zweite Vorsitzende des SPD-Verbandes Stefan Weber jemanden aus dem Umfeld des Berufspolitikers kennt, wurde er kurzerhand auf die Gästeliste gesetzt.

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Schaute für 20 Minuten vorbei: Karsten Becker (l.).

Quelle: pr

Von Frank Westermann Antendorf.. Steinbrück hat sogar antworten lassen: Direkte Termine mache er nicht selbst aus, diese würden vom Landesverband der SPD koordiniert.

 Was natürlich schade ist, denn man hätte ihn im Antendorfer Schützenhaus gern gesehen; den Kandidaten, der einen katastrophalen Start in den Bundestagswahlkampf hinlegte und dessen Name nicht zuallererst mit sozialer Gerechtigkeit und dem Anprangern der Bankengier und dergleichen in Verbindung gebracht wird, sondern mit Stadtwerken und Bochum und eigener Gier und Vorträgen und Millionen, die man in zwei Jahren verdienen kann. Hier, im Schützenhaus, hätte Steinbrück erhalten, was ihm so offensichtlich noch fehlt: eine Druckbetankung mit richtigen Leben.

 Aber vielleicht hätte ja Sebastian Edathy erklären können, warum zur anstehenden Bundestagswahl im nächsten Jahr die Friseuse, die mit 3,80 die Stunde nach Hause geht, erst die Bilder des Vortrags-Millionärs plakatieren und ihn und seine Partei dann auch noch wählen sollte – doch der SPD-Bundestagsabgeordnete hat nachmittags absagen lassen: Danke für die Einladung, aber die Gesundheit spielt nicht mit.

 So ist es Karsten Becker überlassen, über die Politik zu sprechen, über die Themen, die anstehen, wie es SPD-Ortsvereinsvize Rüdiger Teich angekündigt hatte. Becker spricht natürlich nicht über die Bundes-SPD oder sogar Steinbrück, warum sollte er an diesem Abend auch? Aber 20 Minuten nimmt er sich doch Zeit, um dazulegen, warum er im Januar erstens in den Landtag einziehen und zweitens die bisherige Landesregierung mit der SPD und Grünen ablösen wird: Die Umfragen seien seit einem Jahr stabil und würden Rot-Grün vorn sehen; natürlich auch, weil die FDP verlässliche bei nur drei oder vier Prozent stehe – ein Wert, so Becker, der in Ordnung ist und eine saubere Bewertung ihrer bisherigen Arbeit darstellt. Das ist pointiert, das sitzt.

 Man tritt Becker sicherlich nicht zu nahe, wenn man ihm bescheinigt, dass er kein geborener Redner ist, er ist niemand, der die Massen rockt und mitreißt. Becker spricht grundsolide, und wer ihn im Sommer im Freibad Rolfshagen beim SPD-Frühstück ebenfalls hören konnte (oder wollte), stellt doch deutliche Unterschiede fest: Der Kandidat ist jetzt breiter aufgestellt und rhetorisch sicher, der Wahlkampf schult. War vor Wochen im Freibad nahezu nur vom Landkreis Schaumburg und dessen Zukunft die Rede, so befasst sich der Kandidat jetzt mit der schlechten Stimmung in der niedersächsischen Polizei, der finanziellen Ausstattung der Kommunen und den immer kleiner werdenden Möglichkeiten der Selbstgestaltung, dem eingeführten Flächenfaktor, der den Landkreis Schaumburg Jahr für Jahr um Millionen bringt, und Anrufbussen, die den Nutzer künftig dort abholen und später wieder absetzen, wo er es möchte, und den Regionsbeauftragten, die kommen sollen. Natürlich spielt auch die Bildung eine zentrale Rolle, Becker hat die Zahlen im Kopf, fast immer ist Niedersachsen Schlusslicht – viele, viel zu viele verlassen die Schule ohne Abschluss, ohne echte Perspektive, weil keine Förderung stattfindet.

 Vier Termine hat Becker an diesem Abend, da liegt ein kleiner Scherz für den Marathon-Mann nahe: Vier Termine also, aber zu keinen sei er lieber gekommen als zu diesem hier im Schützenhaus Antendorf, sagt Becker. Er lächelt in die Runde, wartet ein, zwei Sekunden ab und schiebt die Pointe hinterher: „Den Satz sag ich heute Abend viermal.“

 Das Schützenhaus Antendorf ist nicht nur ein schöner Ort zum Feiern für bis zu 120 Gäste, sondern auch ein guter Platz, um der Auetaler Sozialdemokratie den Puls zu fühlen: Schlägt er noch? In der Tat, er schlägt noch, wie schon der reine Blick in die Runde beweist: Ein hoher Anteil der Gäste wird von den 20- bis 40-Jährigen gestellt, die Schröder-Ära hat anscheinend bei den Mitgliederzahlen durchgeschlagen.

 Weil es seit drei Jahren Tradition ist, wird im Schützenhaus anschließend gewählt: Gesucht wird der neue Grünkohlkönig. Es wird, wenig überraschend, Bürgermeister Thomas Priemer, der damit ein weiteres Mal in einem Amt auf Ursula Sapia nachfolgt. Die Wahl zieht sich, weil geheim abgestimmt wird. Da hätte sogar Peer Steinbrück eine realistische Chance gehabt; hier hätte ihm gelingen können, worauf er womöglich sein ganzes Leben vergeblich wartet: Einmal eine wichtige Wahl zu gewinnen. Dafür hätte er nur eine Einladung annehmen müssen.

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