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Auetal Der Kämpfer
Schaumburg Auetal Der Kämpfer
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21:01 07.03.2013
 Das Recht der Kinder auf Vater und Mutter ist ein unentziehbares und unverzichtbares Grund- und Menschenrecht, sagt Jürgen Kreth. Dafür kämpft er mit seinem Verein. Quelle: rnk

Von Frank Westermann

Auetal. “ Wenn der Ehemann nachts heimlich mit dem Kind das Haus mit unbekanntem Ziel verlässt, „dann sucht den am nächsten Morgen Interpol.“

 Kreth ist Gründer, Vorsitzender und Sprecher der Kreisgruppe Lippe-Weserbergland des Vereins „Väteraufbruch für Kinder“.Hauptanliegen des Vereins ist die Aufrechterhaltung der Beziehung der Kinder zu beiden Eltern nach einer Trennung, indem er sich für das Recht der Kinder auf Vater und Mutter als unentziehbares und unverzichtbares Grund- und Menschenrecht einsetzt. Der Verein will insbesondere die Not der Kinder wenden, die von Trennung und Scheidung ihrer Eltern betroffen sind. In diesem Falle sollen die Kinder die Beziehung zu Vater und Mutter aufrechterhalten können.

 Denn zu Beginn ist es ja immer Liebe, dann folgt die Ehe, es kommen die Kinder. Aber wehe, die Ehe scheitert und die Eltern werden sich über den Umgang mit dem Kind nicht einig und streiten sich über den Unterhalt, dann, so formuliert es Kreth, „werden die Väter in das Sorgerechts-Fegefeuer geschickt.“

 Kreth ist ein ruhiger, ein besonnener Mensch. Der Medizintechniker aus dem Lippischen erzählt unaufgeregt, wenn er berichtet, was bei einer Trennung „strukturell falsch“ läuft, was in den EU-Nachbarstaaten anders und viel besser, weil gerechter geregelt wird, und je länger er erzählt, desto tiefere Einblicke gewinnt man als Außenstehender in eine Parallel-Welt: Eine Ehe wird beendet– das ist längst die Norm –, und dann bricht zur Verblüffung der Betroffenen – und das sind meist die Männer – ein erbarmungsloser Rosenkrieg aus, mit dem das große Leiden an der erloschenen Ex-und-hopp-Ehe erst recht beginnt.

 Der schmutzige Krieg um das Sorgerecht (und damit war zumeist gemeint: die Alimente) sollte eigentlich durch die Reform des Kindschaftsrechts 1998 beendet werden. Bis dahin war die Alleinsorge der Mutter die Regel gewesen. Das neue gemeinsame Sorgerecht wird heute bei drei von vier Scheidungen angewandt. Das weiß auch Jürgen Kreth, aber das Problem sind die restlichen 25 Prozent, und dann sagt er: „Schauen Sie sich doch mal die Proksch-Studie an.“

 Diese Studie hat vor gut zehn Jahren Professor Roland Proksch, Präsident der Evangelischen Fachhochschule Nürnberg, im Auftrag des Justizministeriums erstellt. Er hatte für jene 25 Prozent der Verfahren, in denen ein Elternteil das alleinige Sorgerecht für sich beantragt hatte, befunden, dass hier eine „bedenkliche Rechtsprechung“ überwiege. „Wenn die Kooperation zwischen den Eltern nicht stimmt, dann sehen manche Gerichte allzu schnell keinen Platz mehr für die gemeinsame Sorge“, befand der Jurist Proksch. Es ist ein Satz, den Kreth sofort unterschreiben würde. Denn Familienrichter wollen die gemeinsame Sorge für das Kind ungern solchen Eltern übertragen, die uneins sind. Die Gewinnerin sei in nahezu allen Fällen die Ehefrau.

 Das hat viele Gründe, sagt Kreth. Oft gibt in vielen Fällen, in denen sich ein Konflikt ums Kind über Jahre hinzieht, der Vater einfach zermürbt auf. Ein Fehler, denn genau dies wird, so zitiert Kreth aus der Proksch-Studie, häufig erneut gegen den Vater gewendet – er kümmere sich wohl nicht mehr um sein Kind.

 Als Vater, sagt Kreth, steht man unter Generalverdacht, und zwar immer. Ein Verdacht, der sich meistens aus traditionellen Vorstellungen speist, denen zufolge Mütter immer ihre Kinder zutiefst lieben und Väter grundsätzlich ihren Kindern emotional weniger stark verbunden sind. Und den Umgang mit Kindern scheuen sie auch, vom Windeln bis zur Hausaufgabenhilfe. Unterhaltszahlungen für ihre Kinder bleiben sie schuldig. „30 Prozent aller Väter zahlen keinen Unterhalt“, sagt Kreth, „aber 70 Prozent der Mütter, die Unterhalt zahlen müssen, die bleiben ihn schuldig“, sagt der Lipper und fragt nach einer kleinen Pause nach: „Haben Sie jemals diese Zahl in der öffentlichen Debatte vernommen?“

 „Beim Kampf um

 das Kind geht es

 immer ums Geld“

 Sein Sohn ist heute 15 Jahre, seit sieben Jahren lebt er bei Jürgen Kreth. Er hat Glück gehabt, das weiß niemand besser als er selbst, denn in aller Regel kommt der Vater im Rosenkrieg in eine gut geölte Maschinerie aus Jugendamt, Gutachtern und Gerichten, die noch immer dem Bild anhängen, dass vor allem eine Mutter wisse, was gut für ihr Kind sei. Auch Kreth kennt das. Und erzählt, wie er auf der Schule seines Sohnes von einem Lehrer zur Rede gestellt wurde: Sein Sohn sei geschlagen worden, warum er das tue? Kreth konnte nur darauf verweisen, dass er seinen Sohn seit Monaten nicht gesehen habe, die Prügel gab es von der Ex und der Schwiegermutter. Geglaubt hat ihm der Lehrer nicht.

 Einen weiteren Dialog, so Kreth weiter, führen Väter mit der Monotonie einer tibetanischen Gebetsmühle, wenn ihnen vom Jugendamt, Gutachter oder Richter dies vorgehalten wird: „Ihr Kind soll bei Ihnen leben, aber Sie müssen doch arbeiten. Wie wollen Sie das schaffen?“ Väter-Antwort: „Aber die Mutter arbeitet doch auch.“ Replik: „Das tut hier nichts zur Sache.“ Es ist eine bittere Bilanz, die Kreth zieht: Die Mutter kann machen, was sie will; jeder will, dass der Vater das nicht schafft; und: „Es ist ganz selten ein Kampf um das Kind, es ist meistens ein Kampf um die Kohle.“ Und mit Blick auf die Mitwirkenden in diesen Rosenkriegen: „Es endet immer so, wie es enden soll.“ Kreth hätte das vor zwei Jahrzehnten nie geglaubt, aber sein Glauben in die demokratische Herrschaftsform, in der alle Menschen gleich sind, dieser Glaube wurde, um es mal nett zu formulieren, hart geprüft. Und immer bleibt der Mutter im dreckigen Scheidungskrieg noch die ganz große Trumpfkarte: Sie bezichtigt den Vater des sexuellen Missbrauchs des Kindes.

 Kreth ist ein Kämpfer, was er zu einem großen Teil auf sein Leben zurückführt: Er hat den Kampf gegen Widerstand gelernt. Drei Jahre ist er auf dem Segelschulschiff Gorch Fock gefahren; wer sich auf See 1000 Tage der Natur und ihren Launen stellen muss, versteckt sich nicht unter Deck, wenn im Privatleben der Wind von vorn kommt. Zuweilen gab es Hilfe aus unerwarteter Richtung, erzählt Kreth: Der Bösingfelder Bundestagsabgeordnete Karl Hermann Haack habe ihn in seinem damaligen Kampf um den Sohn unterstützt, erfolgreich, aber: „Hat man solche Möglichkeiten nicht, kann man sich von seinem Kind verabschieden, wenn die Mutter das so will.“

 Vor einiger Zeit war er mit auf dem Familiengericht, er hatte einen Vater begleitet. „Wir sehen nicht nur die eine Seite, wir sehen beide Seiten. Und wenn einer der Väter Mist macht, dann kommt das auch auf den Tisch.“

 Denn auch das lernt man im Verein Väteraufbruch, der sich jeden dritten Donnerstag ab 18 Uhr im Restaurant Salve in Rolfshagen trifft: Man hat das Recht auf einen Beistand. Es ist der dritte Schritt, der zweite besagt, dass jedes Mitglied im Verein einen Paten erhält, der ihn stützt und hilft. Der erste Schritt ist der wohl wichtigste: Man hört dem Vater zu – und glaubt ihm seine Geschichte auch.