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Der große Verlierer der Energiewende

Rotmilan im Auetal gesichtet Der große Verlierer der Energiewende

Zum Rotmilan gibt es nicht viel zu erzählen, erklärt der Borsteler Tier und Naturfotograf Marc-André Rehberg. Und er erzählt dann doch.

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Die Gabelweihe im Sinkflug: Marc-André Rehberg zeigt, wie ein perfektes Foto des Rotmilans aussieht.

Quelle: mar

Auetal. Berichtet, wie der Vogel am Himmel kreist, und meistens genau über ihm, über seinem Ansitz, auf dem Rehberg auf Motive wartet. Der Rotmilan schaut, kreist, lässt sich durch die Thermik abtreiben – und kommt häufig zurück: „Manchmal sieht man ihn überhaupt nicht – und dann, von einer Sekunde auf die andere, ist er plötzlich da.“ Man müsse, so Rehberg, das Verhalten des Tieres schon gut kenne, um es perfekt fotografieren zu können: Wie nutzt der Vogel die Thermik? Zieht er? Oder kreist er, weil er auf Beute aus ist? Wie steht der Wind? Rehberg sieht es so: „In der Beobachtungsphase steckt eigentlich die meiste Zeit.“

 Dass der Rotmilan über dem Auetal seine Bahnen zieht, ist so verwunderlich nicht: Es gibt ihn nur in Europa. Und von den ungefähr 20000 bis 25000 Brutpaaren leben mehr als die Hälfte – zwischen 10000 und 14000 – in Deutschland. Dass es dem Rotmilan zahlenmäßig relativ gut geht, das war nicht immer so. Eine starke Abnahme des Bestandes gab es ab der zweiten Hälfte des 19. und in der ersten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts. Bis 1990 war dann aufgrund des Verbotes der Greifvogeljagd wieder eine Zunahme des Bestandes zu verzeichnen – und der Bruterfolg war dementsprechend hoch.

 Dann fiel in Berlin eine Mauer, und mit der Wiedervereinigung und der damit zusammenhängenden Veränderung in der Landwirtschaft gingen die Bestandszahlen vor allem in Ostdeutschland erheblich zurück. Besonders im Verbreitungszentrum, im nordöstlichen Harzvorland in Sachsen-Anhalt, war eine Abnahme von 50 Prozent zu verzeichnen. Seitdem ist der Bestand ungefähr konstant.

 Aber leicht ist das Leben und Überleben nicht für ihn. Der Kulturfolger findet nur in halb offenen, abwechslungsreich strukturierten Landschaften ausreichend Beute. In der immer intensiver genutzten Feldflur dagegen fehlt es ihm an Nahrung. Besonders zu schaffen machen dem Rotmilan der fortschreitende Grünlandumbruch. Der Anbau dicht wachsender Getreidesorten und schnellwüchsiger Feldfrüchte machen seine Beute unerreichbar. Mit dem Ausbau der Feldwege verschwindet auch die alternative Jagdmöglichkeit an Grünwegen. Großflächige Felder aus Raps und Wintergetreide wirken aus der Vogelperspektive wie ein dichter Teppich, der den Blick auf die Beutetiere des Rotmilans versperrt. Wo es an Nahrung fehlt, gibt es auch keinen Nachwuchs.

 In den nächsten Jahren dürfte der Boom „nachwachsender Rohstoffe“ diesen Trend verschärfen. Die Vermaisung der Landschaft rund um die aus dem Boden schießenden Biogasanlagen und der Anbau von Ölfrüchten für die Gewinnung von Biokraftstoffen entziehen allen Agrararten wichtigen Lebensraum – auch dem Rotmilan.

 Thomas Brandt, wissenschaftlicher Leiter der Ökologischen Schutzstation Steinhuder Meer, stuft den Rotmilan als „klaren Verlierer der Energiewende“ ein, nachdem sich von 2000 bis 2014 der Bestand stabil gezeigt habe. Aus zwei Gründen: Zum einen sei da die Vermaisung der Landschaft, die das Nahrungsangebot deutlich einschränke, zum anderen die Windkraftanlagen, die häufig zum Tod der Tiere führen würden. Denn der von der Energiewende ausgelöste Windkraftboom birgt neue Brisanz: Der Rotmilan zeigt keinerlei Scheu vor diesen Anlagen und gerät deshalb von allen heimischen Vogelarten am häufigsten in den tödlichen Sog der rasant drehenden Rotoren. Umso wichtiger sei es, so Brandt, „bei künftigen Standorten für Windkraftanlagen auch auf die Tierwelt zu schauen“; im Rahmen einer Energiewende, „die aus der Hüfte geschossen Tatsachen geschaffen hat, ohne dabei allen Beteiligten gerecht zu werden“. Am Steinhuder Meer gebe es sechs Pärchen. „Ich kenne die Horste“, erklärt Brandt. Dort würden sich die Tiere auch wohlfühlen, weil es viel Grünland gebe und damit Nahrung, dazu kommen noch Aas oder tote Fische. Aber schon im Landkreis Nienburg sei der Bestand deutlich dünner, und schon am Dümmer komme der Rotmilan nicht mehr vor, erläutert Brandt.

 Am seinem meist an Waldrändern oder in Feldgehölzen gelegenen Horst sei der Rotmilan sehr störungsempfindlich. Waldarbeiten oder Freizeitaktivitäten in Horstnähe führten schnell zur Brutaufgabe. Der mittlerweile vielerorts ganzjährig erfolgende Holzeinschlag und der wachsende Erholungsdruck in der Kulturlandschaft verhinderten immer häufiger erfolgreiche Bruten.

 Es gibt hierzulande aber auch Greifvogelhasser, und sie stellen dem „Raubzeug“ mit allen Mitteln nach – mit Schlagfallen, illegalem Abschuss und vor allem mit Gift. Der Rotmilan nimmt gerne Aas auf – und wird deshalb nur zu oft zur leichten Beute für die Giftmörder.

 Im Kreis Lippe sind die ersten Rotmilane jetzt aus ihrem Winterquartier zurück; eine Woche eher als sonst zu beobachten. Eine lange Hochdruckwetterlage hat zu einem verfrühten Start geführt. Viele der Brutplätze sind bereits besetzt, sollten sich in den nächsten Tagen höhere Temperaturen einstellen, ist Ende März mit den ersten Bruten zu rechnen. Ist das Nahrungsangebot gut, können in den Horsten zwei bis drei Küken groß werden.  rnk

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