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Die Gänse bestimmen den Züchter-Urlaub

Rehren Die Gänse bestimmen den Züchter-Urlaub

Wer Andreas Seifert fragt, wie er seine Gänse heute hält, dem antwortet der Schlachter und Züchter mit vier Worten: „Wie vor hundert Jahren.“

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Sind die niedlich: Gänseküken auf dem Hof Seifert.

Quelle: la

Von Frank Westermann

Rehren. Und das kann auch jeder gerne sehen, also geht es durch die Ställe, in denen bei ihm neben den Gänsen noch Hühner und Schafe leben, hinaus auf die Wiese hinter dem Hof: Auf vielen Hundert Quadratmetern tummeln sich rund 30 Gänse, vor allem Böhmische.

 Böhmische Gänse, das ist eine sehr vitale, lebhafte, aber auch laute Gänserasse, die durchaus eine prima Legeleistung vorzeigen können. Die mittelgroße Gans mit der ovalen Körperform und der breit gerundeten Brust gilt als zutraulich und ruhig mit guten Brut- und Führungseigenschaften. Jedoch machte die Gans nur ein Gelege pro Jahr. Geschätzt wurde die Böhmische Gans vor allem wegen ihres sehr saftigen, zarten Fleisches. Bereits mit acht Wochen sollen die außergewöhnlich frohwüchsigen Gössel einen beachtlichen Braten abgegeben haben, von einem wunderbaren Fleisch spricht Seifert, der in diesem Jahr 70 Stück züchtet und verkauft, im letzten Jahr waren es noch deutlich mehr. Aber das ist eben so, wenn man bei der Ganszucht der Natur einfach ihren freien Lauf lässt, erzählt Seifert, denn wirken sich ein milder Dezember oder ein kalter März sofort auf den Nachwuchs aus.

 Die Gänse haben es gut bei Seifert, denn hier gibt es, was in der modernen und auf reine Masse getrimmten industriellen Industrie keinen Platz mehr hat: Familienanschluss. Denn Gänse verbindet ein starkes soziales Band zueinander. Man nimmt heute an, dass die Vögel sogar starke Gefühle wie Trauer empfinden können; oftmals schließen sie sich beim Tod des Partners oder der Küken aus der Gruppe aus und trauern eine gewisse Zeit für sich allein.

 Gänse wählen für ihr Leben nur einen Partner, mit dem sie jedes Jahr erneut Brüten und Küken großziehen. Stirbt dieser Partner, bleiben sie den Rest ihres 25 Jahre langen Lebens alleine. Gänse lieben es, ihr Gefieder zu putzen, nach Futter zu graben im Gras und Zweige, Rinde und Blätter zu sammeln, um ihre Nester noch kuscheliger zu machen. Sie legen einmal im Jahr im Frühling Eier, und die weibliche Gans brütet sie 30 Tage lang aus, während ihr Lebensgefährte ihr gut verborgenes Heim bewacht. Und ihrer loyalen Natur entsprechend wollen Gänse jedes Jahr wieder dasselbe Nest benutzen.

 Früher hielt man die Gänse nicht nur als Fleischlieferant, sondern auch als „Wachhunde“ auf großen Burgen und Höfen. Durch das laute Schnattern der Tiere wurde jeder Eindringling erfolgreich gemeldet; eine Eigenschaft, die auch die Böhmischen Gänse von Seifert auszeichnet – ein bellender Schäferhund würde gar nicht gehört werden, wenn die Gänse losschnattern.

 Natürlich ist die Situation der Gänse auf dem Hof in Rehren mit der der anderen Artgenossen wenig bis gar nicht zu vergleichen: Die Intensivtierhaltung der modernen Landwirtschaft, die nichts anderes mehr ist als eine Industrie- und Gewerbebranche, strebt danach, eine maximale Menge an Fleisch, Milch und Eiern so schnell und billig wie möglich zu produzieren – und das bei minimaler Platzanforderung. Und das trifft nicht nur Gänse: Kühe, Kälber, Schweine, Hühner, Truthähne, Puten, Enten, Kaninchen und andere Tiere werden in kleinen Käfigen oder Ställen gehalten; oft so beengt, dass sie sich nicht einmal umdrehen können. Dahinter steckt System: Bewegungsmöglichkeiten werden geraubt, damit die ganze Körperenergie in das Fleisch, die Eier oder die Milch geht, die der Mensch später verzehrt, beklagt die Tierschutzorganisation Peta. Gänse werden in riesigen Masthallen unter künstlichen Lichtquellen gehalten. Durch die künstlichen Lichtquellen wird den Tieren ein längerer Tagesrhythmus vorgegaukelt, um sie zum übermäßigen Fressen zu animieren. Tausende Tiere werden auf engstem Raum gehalten. Der dadurch verursachte Bewegungsmangel unterstützt den Mastprozess. Die Tiere werden in nur 12 Wochen schlachtreif gemästet. In der Regel steht der Mastgans weniger als ein halber Quadratmeter Platz zur Verfügung; einziges Ziel ist die Gewichtszunahme, sie leiden infolge der raschen Gewichtszunahme und ihres Übergewichts unter Gelenkentzündungen, Knochenbrüchen und Atemnot. Rund 700000 Gänse vegetieren in Großmastanlagen vor sich hin, schätzt der Bund gegen Missbrauch der Tiere.

 Natürlich ist Weihnachten die hohe Zeit des Geschäftes mit der Gans. Rund 93 Prozent des von den Verbrauchern gekauften Gänsefleisches wird im 4. Quartal gekauft, teilt der Zentralverband der Deutschen Geflügelwirtschaft (ZDG) mit. Und: Die meisten Gänse werden als ganze Schlachtkörper vermarktet, alles saisonal ab Oktober und November. Und während frische Gänse meist deutsche Weidemastgänse bedeutet, ist die Frostware in der Regel Importware; Hauptlieferanten von Importware sind Polen und Ungarn.

 Aufgrund des starken Saisoncharakters bleibt der Pro-Kopf-Verbrauch laut Marktinfo Eier & Geflügel (MEG) gering. Im Jahr 2011 verbrauchte jeder Einwohner Deutschlands 18,9 Kilo Geflügelfleisch, davon entfielen nur 300 Gramm auf Gänse. Dies entspricht nicht einmal dem Gewicht einer mittleren Gänsekeule, teilt MEG mit. Die deutsche Erzeugung sei bei Weitem nicht ausreichend, um den Bedarf zu decken. Der Gesamtverbrauch an Gänsen bezifferte sich 2011 auf 25500 Tonnen. Der Selbstversorgungsgrad betrug dabei 17,7 Prozent.

 Die Vermarktungspreise 2012 liegen über dem Vorjahr, als Grund nennt Pressesprecherin Christina von Alemann vom ZDG gestiegene Futter- und Kükenpreise. Auch Andreas Seifert kann das bestätigen, viel Geld ist mit den Gänsen nicht zu verdienen: „Es fallen ja schon acht bis zehn Euro für die Schlachtung pro Tier an?“ Moment mal, wiese kostet das denn Geld, Herr Seifert? Sie sind doch selbst Schlachter, oder? Stimmt, sagt der Rehrener, aber: „Meine eigenen Gänse schlachten, das bringe ich einfach nicht übers Herz.“ In diesem Jahr liegt bei Seifert der Kilopreis für Gänse bei 14,90 Euro.

 Sechs Zuchtstätten hat Seifert, das sind acht bis zehn Tiere, die immer wieder eingesetzt werden, darunter echte Methusalems, die schon vor 15, 16 Jahren, als Seifert mit der Gänsezucht begann, dabei waren. Der Rehrener erzählt von seiner ersten Böhmischen Gans, die er beim Rolfshäger Züchter Willi Crede kaufte. Das Tier läuft noch heute auf dem Hof herum, und mit vier Eiern pro Jahr ist ihr Beitrag zur Zucht auch nicht besonders groß. Aber sie genießt hier ihr Gnadenbrot, und als sie vor Jahren so krank war, dass es schien, als würde sie sterben, da hat Seifert sie jeden Tag nach draußen getragen, in die Außen-Badewanne, und abends wieder zurück, bis sie über den Berg war.

 Und selbst den Urlaubsrhythmus von Andreas Seifert bestimmten seine Gänse: Er kann im Juni fahren, weil sie dann noch relativ klein sind, oder im Februar: Dann liegen die abgesammelten Eier in der Brutmaschine.

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