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Die Männer jagen, die Frauen bauen Boote

Rehren / Münchhausen Die Männer jagen, die Frauen bauen Boote

Vielleicht hat er die Abenteuerlust von seinem Vater geerbt. Denn schon Carl Ludwig Philipp Freiherr von Münchhausen, zog es mit 15, 16 Jahren hinaus in die Ferne, hinweg aus der Enge des Elternhauses, fort von der neuen Ehefrau seines Vaters und den drei Stiefgeschwistern.

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„Willst du uns schiffen?“: So lebten die Indianer zur Zeit, als Münchhausen sie besuchte.

Quelle: pr.

Rehren (rnk). Zur Marine zog es ihn, als Matrose und Offizier bereiste er die Meere und entging in Russland nur knapp der Inhaftierung und der Verbannung nach Sibirien.

 Sein Sohn ist Karl Ludwig August Heino von Münchhausen, und über ihn will Otto von Blomberg an diesem Abend erzählen, gut 65 Zuhörer sind der Einladung des Vereins für Heimatpflege gefolgt. Die Erzählung entpuppt sich als Reise in die Geschichte und als Reise in der Geschichte, ganz, wie es von Blomberg versprochen hat. Nach Kanada soll sie führen, diese Reise, wo Münchhausen die Huronen besucht; von Blomberg stellt seinen Vortrag unter das Motto: Wie Münchhausen in das Zelt der schönen Indianerin kam.

 Es sind unruhige Zeiten, in den Münchhausen damals aufbricht. England befindet sich im Krieg mit der amerikanischen Kolonie, seit 1775 tobt der Unabhängigkeitskrieg zwischen den 13 nordamerikanischen Kolonien einerseits und der britischen Kolonialmacht andererseits.

 Benötigt wird Menschenmaterial, es fehlt an Kämpfern, es fehlen Soldaten. Und die kann Friedrich II. von Hessen-Kassel als Landgraf liefern, schließlich ist der englische König Georg III. nicht nur in Personalunion König von Hannover, sondern auch noch sein Schwager.

 Und sollte dies nicht genug Motivation sein, so drücken den Landgrafen gewaltige Schulden – und der Verkauf oder Verleih von Soldaten ist in jenen Tagen übliche Praxis. Und so verpflichtete sich der hessische Landesfürst, Großbritannien mietweise ein Kontingent Soldaten in einer Gesamttruppenstärke von etwa 12000 Mann zu überlassen. Der Engländer, so urteilt von Blomberg, „kämpft ja immer bis zum letzten Inder.“

 Es dauert, bis Münchhausen das Zelt der schönen Indianerin erreicht hat, denn Otto von Blomberg erzählt in einem eher gemächlichen Tempo: Nach einer Stunde seines Vortrages hat das Schiff den deutschen Hafen noch immer nicht verlassen. Was nicht weiter zu tadeln ist, denn von Blomberg ist nicht nur ein versierter Geschichtenerzähler, sondern auch ein richtig guter Pantomime, der seine Zuhörer packt und sie ins nächtliche Lager wirft, wo sie Münchhausen auf den Dichter Johann Gottfried Seume treffen lassen. Diese Freundschaft beginnt mit einem großen Missverständnis, aber sie entwickelt sich schnell: Seume wird von ihr in seiner Autobiografie „Mein Leben“ berichten und Karl von Münchhausen damit ein kleines literarisches Denkmal setzen, durch das er sich von seinen damaligen Namensvettern abheben kann. Denn Menschen mit dem Namen Münchhausen gibt es zu jener Zeit viele.

 Zurück zum Erzähltempo: Natürlich haben genau jene Stellen ihren Reiz, die hier spielen, also in Rinteln, Oldendorf, Rodenberg oder gar im Auetal, das ebenfalls vom Mantel der Geschichte gestreift wird, weil die Preußen auf dem Schiff das preußische Land meiden und daher das Schiff verlassen und sich zu Fuß auf den Weg nach Stolzenau machen, um dort wieder an Bord zu gehen.

 Aber nach monatelanger Überfahrt landen Seume, Münchhausen und alle anderen mit dem Schiff im August 1782 bei Halifax in Kanada, wo es dann aber nicht mehr zu Kampfhandlungen kommt. Daher hat man Zeit, Land und Leute zu erkunden. Münchhausen beschreibt es in seinen Erinnerungen der damaligen Zeit entsprechend: Ausführlich wird die Natur geschildert, das Morgenrot malt den Nebel erst gülden und dann rot, als Münchhausen mit einem zweiten Soldaten einen Wilden beim Fischen trifft. Man kommt ins Gespräch, auf die Frage „Willst du uns schiffen?“ verweist der Wilde auf die Getränke, man wird sich einig und schifft und unterhält sich währenddessen (in welcher Sprache, weiß auch Erzähler von Blomberg nicht), man kommt ins Dorf – und weil die beiden Gäste versprechen, artig zu sein, weil ihnen sonst wehgetan wird, dürfen sie auch die schönste Indianerin weit und breit kennenlernen. Und die holde Schöne hat viel zu tun in jenen Tagen, denn sie baut ein Boot: Das ist ihr Ja-Wort für einen männlichen Indianer, der mit einem Lied um sie geworben hatte, und die Aussteuer zugleich. Denn die Männer gehen auf die Jagd und fischen, die Frauen bauen Boote und Hütten. Und weil die beiden Gäste auch wirklich artig waren, wurde ihnen nicht wehgetan und sie durften ihren Skalp behalten.

 Für Karl von Münchhausen wandte sich später viel zum Guten, seit 1813 lebte er, zuletzt durch Erbschaften wohlhabend, als Gutsherr meist zu Lauenau. Und Seume? Der Dichter war von den edlen Wilden und ihrer natürlichen Ungezwungenheit so angetan, dass er davon in einem Gedicht kündete: „Ein Kanadier, der Europens übertünchte Höflichkeit nicht kannte“, heißt es in „Der Wilde.“

 Kurzum: Ein lehrreicher Abend, gut besucht, kurzweilig und unterhaltsam.

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