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Ein Weinbrand mit Harry Belafonte

Jürgen Albrecht Ein Weinbrand mit Harry Belafonte

Erinnert sich noch jemand an den Fernseh-Vierteiler vor Weihnachten? An den Seewolf? Oder an Tom Sawyer und Huckleberry Finns Abenteuer? Würde es sie heute noch geben, und wäre das ZDF auf der Suche nach einer tragenden Geschichte, man könnte die Redakteure nach Bad Nenndorf schicken, dort könnte Jürgen Albrecht ihnen sein Leben erzählen.

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 Jürgen Albrecht in historischer Kleidung, wie sie Friedrich Schiller trug.

Quelle: pr.

Rehren/Bad Nenndorf. 1947 in Wunstorf geboren, spielte er mit vier Jahren die ersten Lieder, und Weihnachten, so erinnert er sich in Rehren bei seinem Vortrag im Seniorenheim Schäferhof, gab es erst Geschenke, wenn der kleine Jürgen vor dem Weihnachtsbaum ein Gedicht aufgesagt hatte. Und: „Einen Diener musste ich auch machen“, sagt Albrecht.

 Gedichte hat er zeitlebens geliebt, den Diener lange gehasst, aber vielleicht war es diese Geste, die ihm vor Publikum die Nervosität genommen hat, sinniert er in der Rehrener Aula, „denn ich hatte nie Angst in meinem Leben, vor einem Publikum zu sprechen – egal, wie viele Menschen dort gerade waren“. Also: Übung macht den Meister.

 Mit 16 Jahren bekommt er diese erste Gitarre geschenkt, die erste Band wird gegründet, die Haare werden länger. Bis 1970 ist er mit der Band unterwegs, allerdings nur am Wochenende. In der Woche ist er in der Lehre als Industriekaufmann, dann bei der Bundeswehr, und 1970 hat er am Bodensee ein Studium begonnen. Auftritte gibt es im Großraum Hannover, aber manchmal auch in Osnabrück oder in Hamburg. Sogar im „Star Club“ auf der berühmten Reeperbahn spielt er mit seiner Band. „Das war ein unbeschreibliches Gefühl, dort zu stehen“, sagt er, „denn ich stellte mir vor, wie an derselben Stelle einige Jahre vorher die Beatles gestanden haben.“ Übrigens: Am nächsten Tag, man glaubt es kaum, spielt dort die Gruppe „Cream“, eine der ersten Supergruppen der Rockmusik: Die drei Namen Jack Bruce, Eric Clapton und Ginger Baker kann jeder Rockfreund noch heute im Schlaf aufsagen.

 Man muss das Leben von Albrecht ein bisschen straffen, aber irgendwann in jenen Tagen schrieb er sein erstes Kinderlied – und ahnte nicht, dass ihm im Laufe der nächsten 30 Jahre noch 800 weitere Lieder einfallen würden. Aber so war es.

 Nach dem Studium steigt er ins Berufsleben ein, arbeitet bei einigen Wirtschaftsunternehmen, verdient viel Geld – und fühlt sich nicht wohl. Irgendwie fehlt etwas. Aber was?

 Er stellt sich also ein kleines Repertoire zusammen und tingelt als Liedermacher durch Clubs und Bars und Diskotheken in ganz Deutschland. Sechs Jahre lang ist er auf Tour, mit der Gitarre vor dem Bauch, und singt vertonte Balladen von Robert T. Odemann, Fritz Grasshoff, Gerhard Herrmann Mostar und auch eigene Lieder. Manche sind philosophisch klug und manche albern, also das, was man heute Comedy nennt. Und Albrecht lernt Menschen kennen: Interessante Menschen, kluge Menschen, eingebildete Menschen, Blödmänner, es ist alles dabei. Und berühmte Männer, denn aus allem wird dann ein Engagement im Beraterteam von Rudi Carrell für die Sendung „Am laufenden Band“. Die Gäste der Sendung sind manchmal weltberühmt, und so trinkt Albrecht einen Weinbrand mit Harry Belafonte. Der Wunstorfer hasst Alkohol, aber wenn ein Weltstar der Ansicht ist, man müsse jetzt mit ihm ein Gläschen gemeinsam trinken, kann man sich dann verweigern? Eben. (Heute würde der Bad Nenndorfer „Nein“ sagen).

 1978 gründet er den Kinderchor „Das fröhliche Dutzend“. Er ist mit insgesamt 144 Kindern und Jugendlichen von der Ukraine bis Marokko, von Dänemark bis Italien unterwegs, vom größten Kinderfest mit 10000 Menschen bis zum fröhlichsten Kindergartenfest mit 80 Kindern, Albrecht könnte viel erzählen will das auch, aber dazu gleich.

 Den Kinderchor gibt es heute in der Form nicht mehr. Albrecht hat im Alter gesundheitliche Probleme, seit ein paar Jahren nimmt er keine Termine mehr an. „Nach 912 Auftritten in 17 verschiedenen Ländern haben wir mit Live-Auftritten aufgehört“, sagt er. Zwei neue CDs möchten er allerdings noch aufnehmen, „dazu besuchen wir sporadisch ein Studio und singen die Titel ein“.

 Aber mit einem kleinen, feinen Programm tritt er eben manchmal doch noch auf – sowie in Rehren im Schäferhof. Er kann 200 Gedichte auswendig vortragen: Schiller, Goethe und natürlich Rilke, der für ihn der Größte ist, aber auch Unbekanntes und wenig Bekanntes. Tausende von Gedichten habe er gelesen, erzählt er in Rehren, und nicht alle waren gut, natürlich nicht. Aber ein paar schöne hat er auch bei den Dichtern gefunden, über die sich längst der Staub der Jahrhunderte gelegt hat: Victor Blüthgen beispielsweise, ein deutscher Dichter, Operntexter, Kinderlyriker und Schriftsteller. Oder Otto Reutter, der Sänger, Künstler, König der Kleinkunst, der einst reimte: „Wir drängen alle vorwärts, ob Hinz oder Kunz, / sind stets außer uns, und wir kommen nie zu uns, / denn wir werden mit uns ja nur flüchtig bekannt, / mit der Uhr in der Hand, mit der Uhr in der Hand.“ Viele Strophen ist das Lied lang, in dem Reutter schon vor vielen Jahrzehnten die Hast des Menschen durch Freizeit, Freundschaft, Arbeit und Liebe skizziert, bis ihm am Ende ein anderer Mann mit einer Uhr in der Hand gegenübertritt. Und dann schlägt eine Uhr weiter und eine hört auf, für immer. Und nie, so möchte man sagen, wenn Albrecht die letzte Strophe gesungen hat, war dieses Lied wahrer als hier und jetzt, als heute. Genau das zeichnet in den Augen von Jürgen Albrecht auch einen kreativen Kopf aus: Was er sagt, ist 100 Jahre wahr – oder eben erst in 100 Jahren wahr.

 Noch Pläne?

 „Ja“, sagt Albrecht vor dem Konzert, „ich würde gerne meine Erinnerungen, meine Memoiren schreiben.“ Genug zu erzählen hat er ja, und ein Fazit kann er auch ziehen: „Es war immer und überall schön.“

 Vielleicht sollte er die Memoiren dann an das ZDF schicken, womöglich überlegt sich der Sender dann, ob man nicht doch die Tradition des weihnachtlichen Fernsehvierteilers wieder aufleben lässt. rnk

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