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Eine Frage des Respekts

Kathrinhagen / Poetry Slam Eine Frage des Respekts

Der Dichterwettstreit ist in Deutschland weitverbreitet und blickt auf eine lange Tradition zurück, berühmt wurde der Kampf der Dichter auf der Wartburg im 13. Jahrhundert.

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 „Beim Poetry Slam bist Du immer Du selbst“: Tanja Wente (l.) und Inken Weber beim Pressetermin. Die kleinen Bilder zeigen sie auf der Bühne.

Kathrinhagen. Diesen Wettstreit gibt es heute noch, doch er hat mittlerweile einen anderen Namen: Er nennt sich „Poetry Slam“, und es ist ein literarischer Vortragswettbewerb, in dem selbst geschriebene Texte innerhalb einer bestimmten Zeit einem Publikum vorgetragen werden. Bewertet werden sowohl der Inhalt der Texte als auch die Art des Vortrages. Bei den zehnten und ersten eigenständigen Jugendmeisterschaften des deutschsprachigen „Poetry Slams“ in Kiel haben sich auch zwei Auetalerinnen beteiligt: Inken Weber aus Kathrinhagen und Tanja Wente aus Rannenberg.

Und auch wenn es bei einem Wettbewerb immer Siege und Niederlagen, Vorrunde, Halbfinale und Finale gibt, so sagen beide, dass es beim „Poetry Slam“ um mehr geht als nur darum, zu gewinnen oder zu verlieren: Es geht um den Respekt. Und zwar für den Mann oder die Frau auf der Bühne. Der Wettbewerbsaspekt dient dagegen vor allem dazu, das Publikum zum Mitfiebern und Mitwerten einzuladen, da das Publikum auch den Sieger kürt. „Man muss authentisch sein“, sagt die 17-jährige Inken Weber, die wie die ein Jahr ältere Tanja Weber die 12. Stufe des Gymnasium Ernestinums besucht. Beide haben vor ein paar Monaten im Rintelner Gymnasium bei einem „Poetry Slam“-Wettbewerb die vorderen Plätze belegt, aber das sie nun nach Kiel eingeladen wurden, das war dann doch eine größere Überraschung.

 Dass das Gymnasium mit im Boot war, ist den Versuchen zu verdanken, „Slam“ als lebendige Vermittlungsform für Literatur auch an die Schulen zu bringen, etwa durch Fortbildungen für Lehrkräfte. Oder durch einen Workshop, in dem die beiden Auetalerinnen einen tiefen Einblick in die „Poetry Slam“-Gepflogenheiten erhielten.

 Der U20-„Slam“ ist nicht irgendein regionaler Wettbewerb, sondern die große Meisterschaft der besten Jungpoeten aus Deutschland, Österreich, der Schweiz, Luxemburg und Liechtenstein. Überall in den deutschsprachigen Ländern qualifizieren sich das Jahr über 70 Poetinnen und Poeten von maximal 20 Jahren bei lokalen „Poetry Slams“ für dieses Event. In Kiel hat sich Tanja Wente in der Vorrunde mit einem Text vorgestellt, der das Wort Halt in allen Variationen durchdekliniert, sie hat experimentiert. Und Inken Weber? „Ich war auf einer ganz anderen Schiene unterwegs.“ Sie schreibt Geschichten aus ihrem Leben, übertreibt sie, unterfüttert sie mit Wortspielen und drückt das alles auf eine ganze eigene sarkastische Art aus. „Die einen leben von den Worten, die anderen von ihrem Auftreten“, betonen beide – nur: „Authentisch muss es sein.“ Natürlich sind diejenigen, die witzige Texte vortragen, in aller Regel im Vorteil, „die Leute wollen unterhalten werden“, sagt Tanja Wente. „Melancholische Mädelsstorys kommen nicht so gut an wie Wortwitz.“ Aber es geht auch anders, erzählt Rita Weber, die Mutter von Inken, zwei Tage vor dem Pressegespräch auf einem anderen Termin: Rasmus Blohm aus Schleswig hat auf der Bühne davon berichtet, wie er einen Menschen verloren hat. Rita Weber konnte beim Erzählen auf ihre Arme zeigen: Gänsehaut. Auch Tanja Wente und Inken Weber werden diesen Moment nicht so schnell vergessen: „Ich hab mich umgedreht und mir die Zuhörer angesehen,“, erzählt Tanja Wente, „jeder hatte Tränen in den Augen.“ Worte können stark berühren.

 Allzu starkes Lampenfieber haben beide nicht, sie haben Bühnenerfahrung, etwa durch die Theater-AG des Gymnasiums, die zuletzt Ibsens „Peer Gynt“ auf die Bühne stemmte. Aber es gibt einen riesengroßen Unterschied zwischen dem Theater und einem „Poetry Slam“, versichern beide: „Theater ist einfacher, weil man eine Rolle spielt. Beim ‚Poetry Slam‘ bist du immer du selbst.“

Und generell: „Wer etwas zu sagen hat, der kann ‚Poetry Slam‘.“ Denn es gibt keine Norm für den Text, keine Formatvorgaben, nur ein Zeitlimit. Jeder kann mitmachen, wirklich jeder. Wente und Weber verweisen an diesem Punkt des Gespräches auf Klaus Urban, von dem beide Fans sind. Urban wurde 1944 geboren. Für die beiden Auetalerinnen, die übrigens erst zwei Wochen vor dem Wettbewerb die Einladung erhielten, war nach der Vorrunde Schluss. Bei Weber war das Aus besonders knapp, gerechnet wurde in ihrer Gruppe mit Bewertungszahlen nach dem Komma. Es war, so erklären beide, eine „ganz wunderbare Erfahrung“. Jeder, der auf der Bühne stehe, habe sich zuvor Gedanken gemacht, und jeder könne mit Würde von dieser Bühne wieder heruntergehen – alles eine Frage des Respekts. rnk

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