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Einen halben Schritt dahinter

Zehnjähriges Bestehen der Hospizgruppe Einen halben Schritt dahinter

Um das Jahr 1900 herum starben 80 Prozent der Menschen auch dort, wo sie gelebt hatten: daheim. 115 Jahre später ergeben Umfragen, dass 80 bis 90 Prozent der Menschen in den westlichen Industriestaaten ebenfalls den Wunsch haben, zu Hause sterben zu dürfen. Wunsch und Wirklichkeit des Sterbens zu Hause klaffen in Deutschland jedoch weit auseinander.

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Auf dem letzten Weg nicht allein: Ernst Barlach zeigt auf seiner Lithografie „Der Müde“ einen alten Mann, der Kontakt zu einem Engel hat.

Quelle: Repro: rnk

Denn nur zehn bis 20 Prozent gelingt es, tatsächlich in den eigenen vier Wänden zu sterben. Die anderen beenden ihr Leben in Krankenhäusern und Pflegeheimen – ein deutliches Zeichen dafür, wie schwierig die Situation Sterbender in unserer Zeit geworden ist.

 Und auch die Trauer der Angehörigen nach dem Tod eines Menschen hat sich geändert, erklärt der Obernkirchener Pastor Wilhelm Meinberg: „Die Trauer hat sich privatisiert.“ Heute möchten viele nicht, „dass die Trauer nach außen hin deutlich wird“. Die Zeiten, in denen nach der Bestattung gemeinsam beim Kaffee Abschied vom Verstorbenen genommen wird, sind (fast) vorbei. Bestenfalls in den Erzählungen der Älteren klingen noch Zeiten an, in denen man den Verstorbenen daheim aufbahrte, damit jeder, der mochte, Abschied nehmen konnte. Dabei, so sagt Meinberg, sei die gemeinschaftliche Verarbeitung der Trauer besser. Öffentliche Trauerfeiern würden weniger und kleiner. Rituale bröckelten, oft solle der Abschied von dem Verstorbenen so schnell als möglich über die Bühne gehen, so Meinberg.

Man kann sogar von einem gesellschaftlichen Trend sprechen: Während die Medien im Kampf um Zuschauer und Leser Tag für Tag geradezu voyeuristisch über Mord und Totschlag berichten, werden Leichen aus dem unmittelbaren Alltags- und Privatleben der westlichen Kulturen eher verdrängt.

Wilhelm Meinberg gehört zu den Mitgründern der Hospizgruppe Obernkirchen/Auetal, die in diesem Jahr zehnjähriges Bestehen feiert. Die Hospizbewegung selbst reicht bis ins Mittelalter zurück, wie Burkhart Mecking vor Wochen auf einem Gemeindenachmittag ausgeführt hatte: Im Mittelalter entstanden Heime für Sterbende entlang der Wanderrouten, der Pilgerwege der Mönche, die teilweise Jahre unterwegs waren, unterwegs erkrankten und starben: „Für sie musste ja auch jemand da sein“, erklärte der Pastor im Ruhestand. Daher hätten die Mönche der Orden an den Wegen Häuser eingerichtet: Gasthäuser für ganz besondere Situationen. Später entwickelten sich aus diesen Hospizhäusern die Krankenhäuser.

Auftrieb erhielt der Hospizgedanke 1967, als die englische Ärztin, Krankenschwester und Sozialarbeiterin Cicely Saunders bei London das St. Christopher’s Hospice gründete. Man dürfe die Alten, Schwachen, Kranken und Sterbenden nicht ins Abseits schieben, hatte Saunders argumentiert. Eine wichtige Entwicklung machte die Hospizbewegung in den 1970er Jahren in den USA, dort initiiert von der Psychiaterin und Sterbeforscherin Elisabeth Kübler-Ross.

Außer den Hauptamtlichen engagieren sich in Deutschland nach Schätzungen mehr als 80.000 Ehrenamtliche in der Hospizbewegung. Die Initiatoren haben es sich zur Aufgabe gemacht, das Sterben und die Sterbenden in das Leben zu integrieren und den Tod als natürlichen Teil des Lebens zu begreifen. Mit der praktischen Anwendung dieser Einstellung wollen sie den Sterbenden ein würdevolles Leben in den letzten Stunden ermöglichen.

 Es sei etwas in Bewegung gekommen, so Mecking: Der Sterbende sei nicht mehr im Familienverbund auf sich allein gestellt, durch die Hospizarbeit komme jemand „von draußen“. Wie Hospizarbeit wirke, könne man auf einem Bild von Ernst Barlach sehen: „Der Müde“. Es zeigt einen alten Mann. Abgearbeitet, gekrümmt. Er stützt sich auf seinen Stock. Er droht zu fallen. Seine Augen sind ängstlich zur Seite hin, nach unten auf etwas Unbekanntes gerichtet. Und dann hat Barlach eine zweite Gestalt in das Bild gezeichnet. Ein Engel kommt von oben. Mit beiden Händen umschließt der das Gesicht des Müden. Als wolle er ihm sagen: „Komm, ich will dir etwas zeigen, was dich erfrischt, was dir wieder Mut macht.“

 Mecking, der einige Jahre in der Hospizarbeit in Buchholz in der Nordheide tätig war, schätzte die Aussage der Lithografie so ein: „Die Zuwendung ist das Wichtigste, die Nähe, das Dasein, ohne jede Worte.“ Die Brücke zur Hospizarbeit schlägt er ohne Mühe: Man gehe, bildhaft formuliert, einen halben Schritt hinter dem Sterbenden, bestenfalls lege man ihm noch eine Hand auf die Schulter, damit er merke, er ist auf diesem Weg nicht allein.

 Die Ehrenamtlichen in der Hospizarbeit sind nicht dazu da, um dem Sterbenden zu sagen, was er tun soll, sagt Angelika Held, „sondern um herauszufinden, was er möchte oder wo ich Gutes tun kann“. Auch die Rolfshägerin ist seit zehn Jahren im Hospizverein, manchmal begleitet sie die Menschen, zwei, drei Tage auf ihrem letzten Weg, manchmal auch Wochen, und einmal ist sie bei einem Mitbürger drei Jahre geblieben. Denn das Sterben eines Angehörigen wecke bei einer Familie auch Ängste und Sorgen: Was kommt auf mich zu? Schaffe ich das?

Meist würden die Angehörigen Kontakt aufnehmen, sagt sie, und die Arbeit falle unterschiedlich aus: Manchmal reiche es schon, für eine Stunde bei dem Sterbenden zu bleiben, damit der Partner einen Arztbesuch oder auch einfach nur einen Spaziergang machen könne, um den Kopf wieder freizubekommen. Man müsse auf den Sterbenden mit allen Sinnen zugehen, aber man erhalte auch etwas zurück: „Uns wird ja ein wahnsinniges Vertrauen entgegengebracht.“ Man müsse Tod und Sterben den Tabucharakter nehmen. „Es muss ein Gesellschaftsthema werden, über das man sich unterhält.“ Ein Stückchen sei man durch die Arbeit der Hospizgruppe diesem Ziel näher gekommen. Generell gelte: „Man muss nicht einsam sterben, wenn man das nicht will.“

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