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In Kathrinhagen werden die Grabsteine auf Standfestigkeit getestet Einfach kurz Druck machen

Der Friedhof ist mit seinen Gräbern ein sichtbares Zeichen der Vergänglichkeit des Menschen. Er ist zugleich ein Ort, an dem die Kirche die Botschaft verkündet, dass Christus dem Tode die Macht genommen hat und denen, die an ihn glauben, das ewige Leben geben wird.

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Kathrinhagen. Der Friedhof ist aber auch ein potenzieller Unfallort. Fast 100 Unfälle, so schätzen Experten, müssen Jahr für Jahr auf den letzten Ruheplätzen dokumentiert werden. Die Hauptursache sind nicht standsichere Grabsteine, die zum Teil mehrere 100 Kilogramm wiegen können.

 Frost, Regen, Senkungen und Einwirkungen von Wurzelwerk können die Standsicherheit von Grabmalen erheblich beeinträchtigen, ohne dass sichtbare Schäden entstehen. Daher steht jedes Jahr eine Prüfung an, in aller Regel nach dem Winter. Die Standsicherheitsprüfung ist daher keine Behördenwillkür, auch wenn sie oft den Unmut der Friedhofsnutzer hervorruft.

 Für Rita Weber und Bettina Schlegel-Böhm vom Friedhofsausschuss, die an diesem Frühlingsnachmittag gemeinsam mit Utz Klingner auf dem Kathrinhäger Friedhof die Standfestigkeit prüft und protokolliert, ist es keine überflüssige Maßnahme. „Stellen Sie sich eine ältere Frau vor, die auf dem Grab Unkraut jätet, aufstehen will und sich am Grabstein festhält – dann sollte der das auch halten können“, erklärt Weber.

 Die Überprüfung ist keine große Sache, nach knapp einer halben Stunde kann Friedhofsgärtner Klingner das Prüfgerät wieder einpacken und zurückbringen, denn man hat es sich von der Kirchengemeinde Beckedorf ausgeliehen.

 Beanstandungen gibt es auch nicht, kein Stein hat auch nur einen Millimeter gewackelt. Die Prüfung dauert pro Stein nur ein paar Sekunden: Mit dem Standfestigkeits-Prüfgerät wird ein Druck von bis zu 500 Newton ausgeübt; für jeden Stein gibt es den gleichen Druck.

 Der Friedhof in Kathrinhagen ist ein gepflegter Platz, und das liegt in erster Linie an Klingner, erklärt Weber. Nicht jede Kirchengemeinde hat einen Fachmann, der sich um den Bereich der letzten Ruhestätte kümmert. Wenn doch mal etwas zu beanstanden ist, wenn doch mal ein Grab über längere Zeit nicht gepflegt wurde, dann geht Weber persönlich bei den Grabnutzern vorbei und bittet um Änderung: „Das ist besser, als gleich einen Brief zu schreiben.“ Ein solcher habe ja schnell einen offiziellen Charakter.

 Und weil die Prüfung auch ein kleiner Rundgang ist, kann man sich als Besucher einen guten Überblick darüber verschaffen, wie sich die Friedhofskultur wandelt. Mehr als 200 Gräber finden sich auf dem Friedhof, weniger als die Hälfte haben noch einen traditionellen, also senkrecht stehenden Grabstein.

 Im Trend liegen andere Ruheplätze, etwa Rasengräber. Damit wird – auch in Kathrinhagen – eine Form des Grabes wiederentdeckt, die es auch schon in alten Parkfriedhöfen gab. Bei einem Rasengrab wird nach der Beisetzung die Grabfläche mit Rasen besät, sodass sich auf dem Grabfeld eine ununterbrochene Rasenfläche erstreckt. Das vermittelt einen sehr naturnahen Eindruck, und man kann sich gut vorstellen, dass ein solches ruhig und einheitlich gestaltetes Areal mit Rasengräbern eine sehr tröstliche und beruhigende Wirkung entwickelt: Man erlebt hautnah, dass der Verstorbene in den Armen eines schönen und friedlichen Stücks Natur ruht.

 Zugenommen hat in den vergangenen Jahren auch die Zahl der Urnenbestattungen. In Europa war die Kremation mit der anschließenden Bestattung der Totenasche in einem Urnengrab lange Zeit nicht sehr verbreitet. Das lag zum Teil daran, dass gemäß der christlichen Überzeugung dereinst auch der Leib auferstehen werde und deshalb nicht verbrannt werden durfte. Diese Vorschrift zur Erdbestattung wurde von der Kirche jedoch zu Beginn des 20. Jahrhunderts abgeschafft. Seitdem steigt die Zahl der Urnenbestattungen ständig an. In Kathrinhagen ist es nicht anders. „Unterhalb der Kapelle“, sagt Weber, „ist noch Platz für Urnenbestattungen.“

 Zwischen Urnengräbern und traditionellen Grabplätzen liegen die Rasenwahlgrabstätten. Dort ist es möglich, mehrere Bestattungen in einem Grab durchzuführen und so die Grabstätte über viele Generationen zu erhalten. Nach der Beerdigung wird das Grab eingesät und vom Friedhofsträger unterhalten.

 Wer als Grabnutzer für welche Ruhestätte verantwortlich ist, wie lange die Ruhezeiten noch dauern oder wo sie abgelaufen sind – „das habe ich alles in meinem Plan“, sagt Weber. Zu Hause führt sie sogar noch ein Handregister.

 Ist ein Grabmal locker, muss der Grabnutzer veranlassen, dass es wieder befestigt wird. Werden Personen durch ein umstürzendes Grabmal verletzt, haften sowohl Friedhofsträger als auch Grabnutzer. Die Standsicherheit regelmäßig zu prüfen, schützt so vor Regressansprüchen. Auch Steinmetze haften, wenn sie beim Aufstellen eines Grabmals mangelhafte Arbeit abgeliefert haben.

 Die Position des Gesetzgebers ist eindeutig: Grabdenkmäler müssen jährlich auf Standsicherheit überprüft werden. Verantwortlich dafür sind die Träger der Anlagen wie zum Beispiel Kommunen oder Kirchengemeinden. Können diese eine ordnungsgemäße Überprüfung nicht nachweisen, werden sie für die Schäden haftbar gemacht. Experten und Sachverständige sehen es übrigens pragmantisch: Nicht zuletzt die Anzahl der gemeldeten Unfälle belegt, dass diese Vorschrift zu Unrecht als typisch deutsch angeprangert wird. rnk

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