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„Heute zieht es wieder wie Hechtsuppe“

Auetal / Einen Tag utnerwegs mit den Müllbeseitigern „Heute zieht es wieder wie Hechtsuppe“

Müll ist eine menschliche Eigenheit. Weder Tiere noch Pflanzen produzieren Müll, mit dem sie sich großartig auseinandersetzen müssen.

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Fast zehn Tonnen Papiermüll werden auf der Tour eingesammelt – so wie fast jeden Tag.

Quelle: jhü

Von Juliane Hünecke.  Auetal. Ein perfekt geschlossener Kreislauf regelt die Sache. Der Mensch macht es sich da schwerer: Jeder Deutsche produziert im Schnitt etwa 450 Kilogramm Haushaltsmüll pro Jahr, auseinandersetzen müssen sich damit die Müll-Betriebe. Müllmann: Das ist wohl noch der Traumberuf kleiner Jungs, aber später? Eine Tour mit der Müllabfuhr.

 „Heute zieht es wieder wie Hechtsuppe.“ Dennis Schröder schüttelt sich vor Kälte, drückt sich seine Hände auf die Ohren, um am Kopf möglichst schnell wieder warm zu werden. Der 34-Jährige kommt gerade von draußen wieder rein in den Müllwagen zu seinem Kollegen Andreas Bode. Der weiß, wovon Schröder spricht: „Hör auf, erst gestern hatte ich wieder so Kopfschmerzen.“ Bei dem Wetter sei man anfälliger für Krankheiten, erklärt der 48-jährige Bode.

 Ein Grad minus ist es heute Morgen in Kathrinhagen und Rolfshagen. Bei solchen Temperaturen wird es hart, draußen zu arbeiten. Schröder und Bode sind ein festes Team – seit etwa drei Jahren; seit Schröder fest angestellt ist bei der „Veolia Umweltservice GmbH“ in Rehren. Er kam damals über eine Leiharbeitsfirma zu dem Unternehmen. Bode arbeitet bereits seit 20 Jahren für „Veolia“. Er hat sich dafür eingesetzt, dass Schröder fest übernommen wird. „Der Schröder ist ein Verrückter“, sagt Bode scherzhaft über seinen Kollegen, „aber ein ganz Netter.“ Die beiden fahren gemeinsam Papier. Jeden Morgen geht es um sechs Uhr mit der ersten Tour los, nachdem sie ihr Fahrzeug zur Abfahrt kontrolliert haben. Ob Motoröl, Beleuchtung oder Radmuttern – die Kontrolle ist Pflicht.

 Zur Mittagszeit etwa ist der Wagen dann immer voll und muss bei der Firma entleert werden, ehe sich Bode und Schröder nachmittags noch einmal auf zur zweiten Tour machen. Die beiden wechseln sich immer ab: Die erste Tour fährt die ganze Zeit nur der eine, und der andere steht hinten auf dem Trittbrett – die zweite Tour anders herum.

 Heute Morgen ist es kalt, aber die Luft ist angenehm klar. So ist auch die Aussicht gut. Es ist noch ganz dunkel, die Rollläden der Fenster an den Häusern sind noch unten – die Menschen schlafen noch. Absolute Stille. Nur der Müllwagen von Schröder und Bode ist zu hören und zu sehen. Der eine oder andere, der noch friedlich in seinem Bett schlummert, ist sicher kurz wach geworden von den orangefarbenen Warnlichtern und dem Motorengeräusch des Müllwagens.

 „So, willst Du noch kurz einen Schluck Kaffee trinken?“, fragt Bode seinen Kollegen. „Nee, ich bin wieder draußen.“ Schröder zieht sich wieder seine Mütze auf den Kopf, um nach hinten an den Müllwagen zu gehen. Nach und nach leert er die blauen Papiertonnen und schiebt sie an die sogenannte Schüttung. Mithilfe eines Sensors greift diese Schüttung nach der Tonne, nimmt sie kopfüber und leert sie. Das Packwerk des Müllwagens zieht das Papier rein und verdichtet es mithilfe einer Pressplatte. Eine Stützwand, die auf der Seite hinter dem Führerhaus liegt, übt den Gegendruck aus.

 Bode sieht vorne im Führerhaus auf einem Bildschirm, wann sein Kollege die Tonne der Schüttung übergibt. Trotzdem sieht er dabei nicht alles, was Schröder hinten so macht. Die Videokamera erfasst nur etwa zwei Meter hinter dem Wagen. „Bei uns beiden ist es so: Wir arbeiten jetzt schon so lange zusammen, dass der eine genau weiß, wie der andere reagiert“, erklärt Schröder. Mit anderen Kollegen sei das schon schwieriger. Die Verantwortung für die Tour hat immer der Fahrer.

 Was ist eigentlich schlimmer? Die Arbeit im Winter oder im Sommer? „Im Winter – definitiv“, so Schröder. Da komme man oft an seine Grenzen. Wegen der Kälte, aber auch wegen Schnee und Glätte auf den Straßen. Dann kommt der Wagen mal ins Rutschen oder bleibt stecken. Im Sommer mache die Arbeit richtig Spaß: „Da sind die Leute auf der Straße, alle haben bessere Laune, man kann einen Smalltalk halten; da erfährt man etwas über die Menschen. Es kann aber auch unerträglich werden bei 35 Grad oder so“, da könne es schon mal vorkommen, dass man sich eben unter eine Sprenkelanlage stellt oder sich einfach einen Kanister Wasser über den Kopf schüttet. „Jaja, das brauchte der Schröder im letzten Jahr, sonst hätte der Kleine den Tag nicht mehr durchgehalten“, amüsiert sich Bode über seinen jüngeren Kollegen. Es ist offensichtlich, dass die beiden sich gut verstehen. „Mit der Zeit sind wir gute Freunde geworden, treffen uns auch privat“, erzählt Schröder. Das ist auch gut so, denn das Mülleinsammeln alleine kann ganz schön eintönig werden.

 Weiter geht’s. Allmählich werden die ersten Rollläden hochgezogen, der Himmel erhellt sich, der Alltag beginnt: Die ersten Leute machen sich auf den Weg zur Arbeit, etwas später sind die ersten Schulkinder unterwegs. Auf dem Bürgersteig stehen zwei von ihnen nebeneinander und machen große Augen: „Boah, ist der groß“, bestaunen sie den Müllwagen, als er vorbei fährt.

 Die Tochter einer Freundin sage immer, dass es doch toll sei, nur alle vier Wochen zu arbeiten, erzählt Schröder. Alle vier Wochen wird Papier abgeholt – zumindest in den meisten Landkreisen. Papier fahren Bode und Schröder aber von Montag bis Freitag. Dabei sind sie immer in anderen Städten und Dörfern in Schaumburg unterwegs, bis wieder alles von vorne anfängt. Sie folgen auf ihren Touren immer haargenau der gleichen Route. „Ich kenne hier jede Straße“, sagt Bode ein wenig stolz.

 „So, und was machen wir jetzt hier?“, fragt Schröder. Eine Mülltonne steht nicht ganz am Straßenrand, sondern etwa zwei Meter auf einem Grundstück. „Eigentlich dürfen wir die nicht betreten, das kann teilweise richtig Ärger geben, nehmen wir die Tonnen nicht mit, beschweren sich die Leute bei der Firma.“ In diesem Fall ist es offensichtlich, dass der Bewohner seine Mülltonne gerne abgeholt haben möchte. „Hätte die Mülltonne allerdings noch weiter hinten auf dem Grundstück gestanden, hätte ich sie nicht mitgenommen.“ Schon klar, sonst macht sich der Nächste auch keine Mühe mehr, die Tonne an die Straße zu stellen.

 Die Müllabfuhr genießt einige Sonderrechte. Zum Beispiel eine Einbahnstraße können die Müllwerker so fahren wie sie es für richtig halten. Theoretisch. Planerisch seien die meisten Firmen aber bemüht, sich bei der Tourenplanung an die Verkehrsregeln zu halten, erklärt „Veolia“-Betriebsleiter Torsten Grote. Um überhaupt in einer Straße Müll abzuholen, muss die Fahrbahn mindestens drei Meter breit sein, zumindest beim Vorwärtsfahren, beim Rückwärtsfahren muss sie 3,50 Meter breit sein. Wenn eine Straße diese Maße nicht hat, sind die Bewohner gezwungen, ihre Tonnen an die Kreuzung zur breiteren Straße zu bringen.

 Um Müllwerker zu werden, braucht man übrigens keine spezielle Ausbildung. Wichtig ist der Führerschein Klasse CE. Gut ein Jahr brauche man, um die Touren ganz allein fahren zu können, so die Einschätzung von Bode. „Veolia“ bildet Berufskraftfahrer aus, um eben den Müllwagen fahren zu können, und Fachkräfte für Kreislauf- und Abfallwirtschaft. Diese sind neben dem Mülleinfahren unter anderem auch in der Disposition geschult.

 Wenn man jetzt aus dem Führerhaus nach hinten schaut, kann man die Stützwand erkennen, die ganz hinten, direkt hinter dem Führerhaus ist. Ein klares Zeichen dafür, dass der Wagen voll mit Papier ist und geleert werden muss. Deshalb machen sich Bode und Schröder auf den Weg zur Firma. Dort fährt Bode den Wagen auf eine Waage, damit die Warenannahme das Gewicht erfassen kann. Danach wird der Wagen entladen und schließlich noch einmal gewogen. Jetzt kann genau gesagt werden, wie viel Papier die beiden eingefahren haben. Fast zehn Tonnen! So wie fast jede komplette Ladung. Das sind laut Grote mehr als 300 Papiertonnen, die Dennis Schröder heute abgeholt hat.

 Das Altpapier wird vom Betriebsgelände abgeholt und zur Wiederverwertung in eine Papierfabrik gefahren. Hier wird aus dem Altpapier neues Verpackungsmaterial für die Kartonhersteller. Irgendwann kommt unsere alte Zeitung oder unser altes Weihnachtspapier wieder bei uns an, wie zum Beispiel als Schuhkarton, Pralinenschachtel oder etwa als Bananenkiste.

 An Feiertagen fährt die Müllabfuhr nicht. „Dann müssen wir samstags arbeiten“, erzählen beide Müllwerker. Jetzt ist bald Weihnachten, wie sieht es da aus? Da werde ein Sonnabend „vorgefahren“. Laut Grote sieht das im Endeffekt so aus: Der 24. Dezember wird am 22. gefahren, am 24. der 25., am 27. der 26., am 28. der 27. und am 29. der 28. Dezember. Eine Sache, die Grote sehr am Herzen liegt, ist Ostern. Da könnten die Müllwerker einmal vier Tage am Stück frei haben, wenn die Touren „vorgefahren“ werden könnten. Das will der Landkreis aber nicht so. Begründung: Die Leute seien es gewohnt, ihren Müll zu Ostern nachgefahren abgeholt zu bekommen.

 Kurze Mittagspause, dann geht es los zur zweiten Tour. Bode ist jetzt dran mit dem Müll abholen – und Schröder fährt. Das Wetter ist etwas milder geworden. So kann Andreas Bode hoffentlich einmal auf die lästigen Kopfschmerzen am nächsten Tag verzichten.

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